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Datenrate: Das TV-Kabelnetz könnte bereits jetzt so viel mehr

Im Jahr 2016 dürfte das TV-Kabelnetz einen gewaltigen Sprung bei der Datenrate machen. Doch schon im vergangenen Jahr brachten die Betreiber höhere Datenraten – und bereits jetzt wäre noch viel mehr drin.
/ Achim Sawall
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Vodafone Innovation Park Labs (Bild: Vodafone)
Vodafone Innovation Park Labs Bild: Vodafone

Mit der scheidenden Kabelnetzspezifikation Docsis 3.0 aus dem Jahr 2006 sind technisch bereits Datenübertragungsraten von bis zu 600 MBit/s im Download und mehr möglich. Dadurch lassen sich Upstream-Kanäle bündeln, die im "Shared Mode" für alle Kunden, die an einem Fiber-Node hängen, angeboten werden können. Bereits diese Leistungsfähigkeit nutzt keiner der Netzbetreiber in Deutschland aus.

Ein Sprecher von Primacom sagte Golem.de am 16. Dezember 2015 zu den Gründen: "Der Markt verlangt im Moment einfach nicht mehr." Das Unternehmen bietet einen 400-MBit/s-Zugang . Die Upload-Geschwindigkeit beträgt maximal 10 MBit/s. Dies sei, auch vom Preis her, kein Massenprodukt, für das hoher Bedarf bestehe. Tele Columbus verlangt von Neukunden 99,99 Euro pro Monat.

Die Kabelnetzbetreiber nutzen die Möglichkeiten des Netzes nicht aus, weil sie trotz geringer Kosten Angst vor zu hohem Datentraffic haben. Wenn sehr schnelle Internettarife angeboten werden, sind sie relativ teuer. Doch die Entwicklung der Technik schreitet voran und der neue Standard Docsis 3.1 dürfte im Jahr 2016 kommen.

Vodafone will Gigabit-Company werden

Eine Ausnahme könnte Vodafone bilden. Vodafone-Deutschland-Chef Hannes Ametsreiter kündigte im Dezember zum Kabelnetz an: "Wir werden zur Gigabit-Company." 2016 will der Konzern in seinem Kabel-Deutschland-Netz die technischen Möglichkeiten ausnutzen. "Im Vodafone Kabel beginnt Vodafone 2016 mit dem Ausbau von 500 MBit/s an ausgewählten Standorten – und wird im gleichen Jahr auch die ersten Gigabitgeschwindigkeiten zeigen." Offen blieb in der Vorankündigung der Preis.

Vodafone bietet seinen schnellsten Festnetztarif Internet & Phone Kabel 200 mit Internet-Flat nur noch auf Kundenwunsch über die Hotline an. Online ist der 200-MBit/s-Anschluss nicht mehr buchbar. Leichter verfügbar ist der Festnetz-Tarif Internet & Phone Kabel 200 V. V steht hier laut Vodafone für Volumen. Dieses Produkt bietet eine Download-Geschwindigkeit von bis zu 200 MBit/s und bis zu 12 MBit/s im Upload. Gedrosselt wird ab einem Datenvolumen von 1.000 GByte bis zum Ende des jeweiligen Monats auf bis zu 10 MBit/s im Download und bis zu 1 MBit/s im Upload. Vodafone hob Ende 2015 wegen des Unmuts der Nutzer die Drosselung im Kabelnetz komplett auf. Dies gilt für alle Zugänge außer dem Volumentarif.

Tatsächlich kann mit dem Kabelnetz die Internetversorgung in der Bundesrepublik Deutschland vorangebracht werden. Der britische Konzern rühmt sich, das "größte Hochgeschwindigkeits-Festnetz der Republik" zu betreiben. Innerhalb der vergangenen zwölf Monate hätten Vodafone-Techniker über acht Millionen Haushalte für 200 MBit/s ausgebaut. Bis zum Frühjahr 2016 sollen weitere zwei Millionen hinzukommen. Damit gibt Vodafone nur die technische Reichweite an, nicht die Zahl der genutzten 200-MBit/s-Anschlüsse.

Was von den Werbeversprechen übrig bleibt

Das tatsächlich ermittelte Tempo ist jedoch nur etwa halb so hoch wie beworben, wie ein Nutzertest der Computerbild vom Sommer 2014 ergab. Dafür wurden den Angaben zufolge acht Millionen Tempomessungen ausgewertet.

Diese Ergebnisse passten zu den Messungen der Bundesnetzagentur . Deren Messergebnisse für die stationären Anschlüsse mit DSL, Kabel und LTE zeigten jedoch, dass bei Kabelanschlüssen die geringsten Abweichungen von der vermarkteten Download-Datenübertragungsrate auftraten. Laut der bundesweiten Messkampagne der Behörde erreichen gut 75 Prozent der Nutzer mindestens die Hälfte der versprochenen maximalen Datenrate. Bei der vorangegangenen Messung waren es knapp 70 Prozent. Der Anteil der Benutzer, die die volle vermarktete Datenrate oder mehr erreichten, nahm mit 15,9 Prozent 2013 gegenüber 19,5 Prozent im Jahr zuvor ab. Neuere Messungen liegen nicht vor.

400 MBit/s und mehr

Vodafone ist nicht der einzige Anbieter mit sehr schnellen Internetzugängen im TV-Kabel. Bereits früher im Jahr 2015 haben viele der Betreiber der Netze aus Koaxial- und Glasfaser höhere Datenraten angeboten und konkurrieren dabei mit den DSL-Anbietern, die jedoch im Upload überlegen sind.

Unitymedia wird schnellere Internetzugänge und einen neuen Kabelrouter anbieten. Eine Datenübertagungsrate von 400 MBit/s solle "sehr bald im Jahr 2016 eingeführt werden" , sagte ein Unternehmenssprecher Golem.de am 1. Dezember 2015. Ein genauer Starttermin und ein Preis wurden noch nicht genannt. 200 MBit/s ist die höchste Geschwindigkeit, die es bei der Liberty-Global-Tochter zurzeit gibt.

Bei dem Kabelnetzbetreiber werden Internetverbindungen mit hohen Geschwindigkeiten stark nachgefragt. Im Februar 2015 gab die Liberty-Global-Tochter bekannt : "65 Prozent aller Neukunden buchten im vierten Quartal Pakete mit Internetgeschwindigkeiten von 100 MBit/s oder mehr." Seit November des Vorjahres bietet Unitymedia KabelBW im gesamten Netz Internet mit Downloadgeschwindigkeiten von bis zu 200 MBit/s an.

Primacom will auf "über 400 MBit/s beschleunigen"

Auch der TV-Kabelnetzbetreiber Primacom, der von Tele Columbus übernommen wird, will auf "über 400 MBit/s beschleunigen" . Primacom ist nach eigenen Angaben mit über 1,2 Millionen angeschlossenen Haushalten der viertgrößte Kabelnetzbetreiber in Deutschland und in Berlin, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Rheinland-Pfalz aktiv.

Tele Columbus hatte im April 2015 sein 400-MBit/s-Angebot in Potsdam gestartet . Wie das Unternehmen erklärte , wird der neue Tarif 2er Kombi 400 mit einer Flatrate für Telefon und Internet für Neukunden 99,99 Euro pro Monat kosten. Die Upload-Geschwindigkeit beträgt maximal 10 MBit/s.

Unternehmenssprecher Hannes Lindhuber sagte Golem.de, dass der 400-MBit/s-Zugang ohne Drosselung angeboten werde. "Es ist eine echte Flatrate" , erklärte er. Das und der Preis sind für die Nutzer entscheidend.

Kommt Docsis 3.1 im Jahr 2016?

Der Zugang war von April 2015 an zunächst nur in der Region Potsdam verfügbar, an das Tele-Columbus-Stadtnetz in der brandenburgischen Landeshauptstadt sind den Angaben zufolge rund 40.000 Haushalte angeschlossen.

Der Schweizer Kabelnetzbetreiber UPC Cablecom ist schon weiter und will die Datenübertragungsrate flächendeckend von 250 MBit/s auf 500 MBit/s verdoppeln. Die Datenrate werde im gesamten Land allen Kunden zur Verfügung gestellt. UPC Cablecom berechnet Kunden für die Datenübertragungsrate von 500 MBit/s einen Preis von 109 Schweizer Franken (101 Euro).

Doch Docsis 3.0 sollte bald ausgedient haben. Mit dem Nachfolger Docsis 3.1 sollen 10 GBit/s erreicht werden. Docsis 3.1 soll den Datendurchsatz im Downstream und im Upstream maximieren, ohne dass Änderungen an der vorhandenen HFC-Netzinfrastruktur (Hybrid Fiber Coax) notwendig werden. Der LDPC-Fehlerschutz (Low Density Parity Check) in Kombination mit OFDM-Modulation gilt als wichtiger Fortschritt. Der Fehlerschutz LDPC soll so leistungsfähig sein, dass mit Docsis 3.1 Konstellationen wie 4096QAM eingesetzt werden können.

Docsis 3.1 arbeitet mit Kanalbandbreiten von 192 MHz im Downstream und 96 MHz im Upstream, die aber bei Bedarf skaliert werden können. Die Obergrenze wurde auf 1.794 MHz angehoben, der Upstream auf 5 MHz bis 204 MHz erweitert. Mit dem kommerziellen Einsatz von Docsis 3.1 wird für das Jahr 2016 gerechnet.

Vodafone Kabel und Unitymedia haben erklärt, intensiv am Einsatz des Standards zu arbeiten. Vodafone Kabel will dennoch nichts an seiner Drosselung ändern . Das sagte Unternehmenssprecher Volker Petendorf Golem.de. "Diese Einführung erfolgt jedoch unabhängig von der vertraglich vereinbarten Reduktion der Geschwindigkeit bei Filesharing-Anwendungen nach einem Volumen von mehr als 10 Gigabyte pro Tag." Das Statement wurde überholt von der Ankündigung von Vodafone, nicht mehr zu drosseln. Ob und wie Vodafone das auch bei Docsis 3.1 umsetzen wird, wird sich erst noch zeigen müssen.

Fest steht, dass der neue Standard Docsis 3.1 die Kabelnetzbranche verändern und jede Form von Drosselung noch absurder machen wird.


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