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Data Fairplay: Geld her für meine Daten!

Die Plattform Data Fairplay will den Datenhandel umkrempeln: Künftig sollen Internetfirmen zahlen, wenn sie Informationen über Kunden nutzen wollen. Ändert sich das Kräfteverhältnis zwischen Nutzer und Wirtschaft?
/ Jens Koenen (Handelsblatt)
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Data Fairplay will den Datenhandel umkrempeln. (Bild: Data Fairplay)
Data Fairplay will den Datenhandel umkrempeln. Bild: Data Fairplay

Welche Urlaubsregionen bevorzugen Sie? Wie hoch ist Ihr Haushaltseinkommen? Und an welches Modell denken Sie beim Autokauf? Die Antworten darauf lassen sich professionelle Datensammler wie Doubleclick, einer der größten Werbebannervermarkter im Internet, oder die Otto-Tochter Eos teuer bezahlen. 6,3 Milliarden Dollar gaben Pkw-Anbieter, Assekuranzen, Reiseveranstalter und andere Werbetreibende schon 2012 weltweit aus, um an Daten möglicher Kunden zu gelangen. In vier Jahren, glauben die Marktforscher von Transparency Market Research, könnten es 48,3 Milliarden sein. Allein: Die Verbraucher, denen die Daten gehören, sehen davon keinen Cent.

Das könnte sich bald ändern. Geht es nach Thomas Ghabel, bis vor dreieinhalb Jahren Finanzvorstand des untergegangenen Baumarkts Praktiker, sollen am schwunghaften Datenhandel erstmals auch die Bürger verdienen. "Wer freiwillig seine Daten zur Verfügung stellt" , glaubt der Startup-Unternehmer, "könnte damit leicht zwischen 30 und 40 Euro verdienen - und das gleich mehrfach." Auf seiner Internetplattform Data Fairplay(öffnet im neuen Fenster) will er die Daten nachfragenden Unternehmen zum Kauf anbieten - gegen eine Maklerprovision. Seit dieser Woche ist die Website online.

Experten sprechen von einem Paradigmenwechsel. Unternehmen würden künftig nur noch dann Informationen von Kunden bekommen, wenn sie diesen dafür auch etwas böten, glaubt Marc Drüner von der Beratungsgesellschaft Trommsdorff+Drüner: "Die Kunden verstehen es durchaus, die Daten zu geben, die einen echten Mehrwert für sie bedeuten, und nicht alle Daten von ihnen sammeln zu lassen, die technisch erhebbar sind." Stephen Brobst, Cheftechnologe des Datenbankspezialisten Teradata, spricht gar von einer Revolution der Kunden: "Die Konsumenten werden die Kontrolle über ihre Informationen zurückerobern."

Bei Data Fairplay können sich Verbraucher mit ihren Stammdaten registrieren. Das sind neben dem Einkommen etwa Angaben über Freizeitaktivitäten, Urlaubsgewohnheiten, das Mobilitätsverhalten, die Elektroniknutzung und die Adresse. Sie ist für den Datenweiterverkauf entscheidend. Denn auf die Anschrift erhalten die werbetreibenden Firmen erst Zugriff, nachdem sie dem jeweiligen Verbraucher einen zufriedenstellenden Preis geboten haben.

In den USA ist der Datenhandel gang und gäbe

Was für uns bizarr wirkt, ist in den USA längst Realität. Schon im November 2011 startete Shane Green in Washington mit elf Millionen Dollar Unterstützung das Startup Personal. Wer sich dort als Nutzer einschreibt, kann nach Greens Angaben bis zu 1.000 Dollar im Jahr verdienen - vorausgesetzt, er gibt genügend Auskünfte. Sie reichen von der Pizzabestellung bis zur Medikamenteneinnahme. Im vergangenen Oktober gab es von Investoren weitere 4,5 Millionen Dollar für Personal, zudem zog Esther Dyson, Boardmitglied des Werbekonzerns WPP, in den Firmenvorstand ein.

Ein lohnendes Geschäft ist der Datenhandel längst. 500 Millionen Konsumenten weltweit, davon 37 Millionen Haushalte in Deutschland, führt der US-Konzern Acxiom in seiner Datenbank. Die Firma aus Little Rock in Arkansas erfasst nicht nur Hautfarbe, politische Einstellungen oder Urlaubsträume einzelner Bürger, sondern auch die Neigung zum Glücksspiel, Allergien oder die Wohnungsgröße.

2,5 Millionen Datensätze im Monat generiert daneben der Datensammler Egentic Planet49 in 30 Ländern. Seit 2001 veranstaltet er Gewinnspiele im Internet, um anschließend die Daten der Teilnehmer zu vermarkten. Die angeblich 1.000 Firmenkunden, zu denen das Versandhaus Baur zählt, zahlen pro Adresse zwischen 30 Cent und 20 Euro. Bei einem Umsatz von 49 Millionen Euro schaffte das Sulzbacher Unternehmen 2011 - neuere Zahlen fehlen - einen Jahresüberschuss von 12,4 Millionen Euro.


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