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Das Wesen des (KI-)Hypes: Betäubungsmittel für den Verstand

KI wird uns alle retten – oder doch zerstören? Wie Hype-Debatten wie diese uns das Hirn vernebeln.
/ Jürgen Geuter
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Am KI-Hype wird die betäubende, berauschende Wirkung von Hype deutlich: Er verstellt uns den Blick auf die Realität. (Bild: geralt/Pixabay)
Am KI-Hype wird die betäubende, berauschende Wirkung von Hype deutlich: Er verstellt uns den Blick auf die Realität. Bild: geralt/Pixabay
Inhalt
  1. Das Wesen des (KI-)Hypes: Betäubungsmittel für den Verstand
  2. Paradies oder Armageddon – dazwischen gibt es nichts

Was macht eine Technologie oder ein Produkt am Markt erfolgreich, wie bekommt etwas die vielzitierte Traction? Traditionell hätte man die Frage mit Verweis auf die funktionellen und nichtfunktionellen Qualitäten des Produktes beantwortet. Oder vielleicht auch mit einem Hinweis auf die Marktmacht bestimmter Anbieter, die für ihre neuen Produkte eine hohe Integration in schon Etabliertes versprechen können.

Doch beim modernen Tech-Sektor, spätestens seit der Uber-but-for-X-Welle aus Unternehmen ist noch ein ganz anderer hinzugekommen, der zunehmend an Bedeutung gewinnt: Hype. Dabei bedeutet Hype nicht einfach nur, Begeisterung oder eine erfolgreiche Werbekampagne zu haben, das wäre nichts Neues. Hype basiert vielmehr darauf, eine weltverändernde Narration ins Zentrum zu stellen, anstatt über real existierende Eigenschaften zu sprechen.

Ob es nun gerade "das Internet wird überall Demokratie verbreiten" , "wir schaffen alles Geld ab und ersetzen es durch Crypto-Token" oder "KI wird uns alle arbeitslos machen" ist, strukturell passiert immer dasselbe: Eine neue Technologie oder ein neues Produkt wird nicht mehr auf Basis seiner beobachtbaren Leistung oder Qualität beworben, sondern es wird als Katalysator der nächsten Evolutionsstufe der Welt geframt.

Nicht nur Menschen, die mit Technologie arbeiten, die ihr eine gewisse Begeisterung entgegenbringen, lieben diese Art, über Technologien zu sprechen: Denn wenn Technologien das sind, was die Welt verändert, dann können wir als Menschen unsere eigene Zukunft quasi am Reißbrett entwickeln.

Und wir alle kennen die Erzählungen von Technologien, die die Welt stark veränderten: Verbrennungsmotoren, Kühlschränke, Antibiotika, das Smartphone – alles Beispiele für Technologien, die unsere Art zu leben umgekrempelt und Neues möglich gemacht haben.

All diese Technologien und Artefakte hatten prägende Auswirkungen weit jenseits ihrer direkten Features: So haben zum Beispiel Verbrennungsmotoren und Autos die Art, wie wir Städte und Verkehr planen, so stark geprägt, dass es oft erschütternd schwierig ist, andere Visionen von Mobilität voranzutreiben.

Unsere typischen Reaktionen auf neue Technik

Große Hoffnungen in neue Technologien zu stecken, ist erst einmal weder besonders neu noch besonders schädlich. Douglas Adams formulierte um den Jahrtausendwechsel seine drei Regeln, die unsere Reaktionen auf neue Technologien beschreiben:

1. Alles, was es schon gab, als du geboren wurdest, ist ganz normal.

2. Alles, was bis zu deinem 35. Lebensjahr erfunden wird, ist unglaublich aufregend und mit etwas Glück kannst du deine Karriere darauf aufbauen.

3. Alles, was danach erfunden wird, widerspricht der natürlichen Ordnung und bedeutet das Ende der Zivilisation, wie wir sie kennen – bis sich nach etwa zehn Jahren allmählich herausstellt, dass es eigentlich doch ganz in Ordnung ist.

In Adams' Regeln findet die Revolution nicht statt. Egal wie bedrohlich etwas auch wirken mag – insbesondere, wenn man älter als 35 Jahre ist: Am Ende ist doch immer alles ganz in Ordnung und eine eher kleine Veränderung. Und hier können wir den Shift der letzten Jahre sehr gut ablesen. Betrachten wir den aktuellen KI-Hype.


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