Paradies oder Armageddon – dazwischen gibt es nichts
KI ist – je nachdem, wen man fragt – entweder das Krasseste, was es je gab, eine Technologie, die den Zugang zu jeder Form von Skill nahezu kostenlos macht, alles kann, alles löst und den nächsten Schritt auf der menschlichen Evolutionsleiter darstellt – oder unser Untergang und die Technologie, die uns allen die ökonomische Lebensgrundlage entzieht und uns am Ende wie in Terminator oder The Matrix beherrschen und vielleicht sogar ausrotten will. Kleiner geht's nicht.
Dabei sind beide Erzählungen, die vom KI-Paradies ebenso wie die vom KI-Armageddon, natürlich Hype. Beide fokussieren auf die radikale Umwälzung der Welt in irgendeine Richtung weitgehend ohne Bezug zu den realen Eigenschaften von KI-Systemen heutiger Prägung.
KI soll angeblich die großen Probleme, zum Beispiel den Klimawandel, lösen können, kann aber immer noch nicht zuverlässig die Anzahl der "S" in dem Satz "Sam Altman ist ein Scam Artist" bestimmen. Jeder noch so gehypte, in Benchmarks toll abschneidende Chatbot hat diesen unbequemen "Alles, was dieses System produziert, kann kompletter Humbug sein" -Text (sehr klein) neben oder unter seiner Eingabebox stehen. Irgendwas passt hier nicht zusammen.
Hier wird die betäubende, berauschende Wirkung von Hype deutlich: Er verstellt uns den Blick auf die Realität. Entweder sprechen wir über die magischen Fähigkeiten des neuen Hype-Objektes, wie es auf Linkedin zum guten Ton gehört, oder wir müssen uns mit Weltuntergangsfantasien aus Science-Fiction-Filmen beschäftigen.
Der Weg zu einer normalen Debatte ist kaum mehr möglich. Denn Hype muss – eben weil er ja nicht mit realen Effekten oder Eigenschaften von Produkten und Technologien verbunden ist – seine Narration am Leben halten, das Versprechen der Weltänderung muss bleiben, sonst ... was machen Blasen noch mal, wenn die Oberflächenspannung zusammenbricht? *POP*
Gerade in einer unruhigen, instabilen Zeit, in der etablierte Institutionen und Gewissheiten – auch über die Karrierechancen von IT-Arbeiterinnen – ins Wanken geraten, ist die Hinwendung zu Hypes eine bequeme Krücke, die eigene Unsicherheit zu bekämpfen: Denn wenn sich die Welt eh radikal ändert und ich jetzt auf den Zug springe, dann werde ich sicher bei den Gewinnern sein.
Fan-Fiction für Technik ist nicht unser Job
Das erklärt auch, warum Hype-Themen für einige Menschen so identitär werden: Wenn der Erfolg von X die große emotionale Stütze ist, dann ist es schwierig, über X noch faktenbasiert zu sprechen. Hier hat Hype einen großen Vorteil: Man hält sich ja eh nicht mit realen Leistungscharakteristika auf, sondern verweist einfach auf die Zukunft.
Das Hype-Thema wird bald alle angemerkten Probleme ausräumen. Garantiert. KI, die klüger ist als Menschen, ist immer circa wenige Jahre in der Zukunft (und das seit den 1950er Jahren).
Aber Fan-Fiction für Technologie zu schreiben, ist nicht unser Job als IT-Expertinnen und -Experten. Das Gegenteil ist der Fall: Es ist unsere Aufgabe, solche Erzählungen zu durchleuchten und die realen Eigenschaften von IT-Produkten und -Technologien zu ergründen. Was sie können und was nicht, welche negativen Externalitäten sich durch eine bestimmte Technologie ergeben und welche Kosten. Normale Technologiebetrachtung eben.
Jedes technische Projekt ist ein soziales Projekt
Und genau das ist ein Denkpfad, den Hype uns verstellt: Wenn eine Neuigkeit immer bald die Welt verändert, dann fällt es schwer, darüber zu reden, ob sie gerade eigentlich auf die eigenen Probleme passt.
Wir sehen genau das jetzt mit den Hoffnungen vieler Unternehmen und auch der öffentlichen Verwaltung, irgendwie durch KI (spezifischer wird es ja meist nicht) effizienter zu werden oder schlechte Prozesse abzuschaffen. Dabei wird eben nicht mit den Mitarbeitern und anderen Beteiligten darüber gesprochen, warum ein Prozess so ist, wie er ist, und wie er besser sein könnte, sondern man wirft einfach irgendwie KI drauf: Wenn alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ChatGPT haben, dann muss da doch was rausfallen. Es muss einfach.
Leider ist das nicht die Art, wie Technologien und ihre Einführung funktionieren. Jedes technische Projekt ist ein soziales Projekt, in dem die oft widersprechenden Ziele, Bedürfnisse und Zwänge unterschiedlicher Prozessbeteiligter möglichst harmonisch miteinander integriert werden müssen, um auf dieser Basis eine konkrete, spezifische Lösung zu entwickeln.
Der nächste Hype kommt bestimmt ...
Hype verspricht immer wieder, dass diese Mühen nicht notwendig sind, dass KI oder Quantencomputer oder iPhones oder whatever all diese harte Arbeit überflüssig machen werden. Gerade als Experten und Wissensträgerinnen ist es unsere Aufgabe, immer wieder daran zu erinnern und uns dem Hype zu entziehen.
Denn irgendwann muss irgendjemand eben die langweilige Arbeit machen. Oder man wartet einfach ein paar Monate und springt auf den nächsten Hype. Der wird sicher anders sein als die vergangenen.
Jürgen Geuter (im Internet bekannter als tante) hat Informatik und Philosophie studiert und arbeitet als Research Director an der Erforschung, Implementierung und Erprobung neuer Technologien. Als freier Berater, Autor, und Soziotechnologe beschäftigt er sich mit Themen an den Schnittstellen von Technologie, Gesellschaft und Politik.
IMHO ist der Kommentar von Golem.de [IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach)]