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Darknet: Korrupte Ermittler auf der Silk Road

Der Gründer der Drogenhandelsplattform Silk Road wurde schuldig gesprochen, doch der Fall bekommt eine Wendung. Eine Tour de Force durch eine irrwitzige Anklageschrift.
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Protestaktion gegen die Verhandlung gegen den Silk-Road-Betreiber Ross Ulbricht (Bild: Spencer Platt/Getty Images)
Protestaktion gegen die Verhandlung gegen den Silk-Road-Betreiber Ross Ulbricht Bild: Spencer Platt/Getty Images

Ross Ulbricht wurde Anfang Februar 2015 schuldig gesprochen, als Gründer der Plattform Silk Road im Internet mit Drogen gehandelt und Geld gewaschen zu haben. Die sechs Morde, die Ulbricht laut FBI in Auftrag gegeben haben soll und von denen die Ermittler, die die Silk Road unterwandert hatten, einen vortäuschten, waren dabei nicht mal Teil der Anklage. Dennoch muss Ulbricht mit mindestens 30 Jahren Haft rechnen. Das Strafmaß soll am 15. Mai verkündet werden.

Doch vorbei ist die wilde Geschichte damit nicht. Im Gegenteil, sie ist jetzt noch wilder geworden.

Denn ein Beamter der Drogenfahndungsbehörde DEA namens Carl Force und ein Agent des Secret Service namens Shaun Bridges wurden gestern wegen des Verdachts festgenommen, die Ermittlungen gegen Ulbricht genutzt zu haben, um sich zu bereichern. Diese Erweiterung des Silk-Road-Falls ist vielschichtig und klingt teilweise nach Hollywood-Drehbuch. Aber sie ist alles andere als das. Die 95-seitige Anklageschrift(öffnet im neuen Fenster) taugt als Anschauungsmaterial, um vielgepriesene Verschlüsselungs- und Verschleierungstechniken wie Tor, PGP und Bitcoin ein wenig zu entmystifizieren.

Kurz zum technischen Hintergrund: Die Silk Road war bis zu ihrer Abschaltung durch das FBI im Oktober 2013 ein florierender Handelsplatz, in erster Linie wurden hier Drogen ver- und gekauft. Betrieben wurde die Silk Road als sogenannter Tor Hidden Service. Das heißt, die auf .onion endende Webadresse war nur mit Hilfe der Anonymisierungssoftware Tor erreichbar, der Standort der Server durch das Tor-Netzwerk verschleiert. Bezahlt wurden Waren ausschließlich mit der Kryptowährung Bitcoin, die E-Mail-Kommunikation zwischen Händlern und Kunden sollte möglichst mit Hilfe von PGP verschlüsselt werden. All das sollte sicherstellen, dass Betreiber und Nutzer weitgehend anonym und vor Überwachung sicher bleiben.

Ulbricht flog auf, weil er sein Leben als Silk-Road-Betreiber nicht konsequent von seinem öffentlichen Leben abgetrennt hielt. Er war unvorsichtig, hinterließ seine E-Mail-Adresse, seinen Namen und seine IP-Adresse an so vielen verschiedenen Stellen, dass es den Ermittlern letztlich leichtfiel, ihn mit der Silk Road in Verbindung zu bringen. Über seine Fehler ist schon viel geschrieben worden, eine gute Zusammenfassung gibt es hier(öffnet im neuen Fenster).

Gleichzeitig hatten Ermittler das Unternehmen Silk Road gründlich unterwandert. Eine zentrale Rolle spielte unter anderem der DEA-Beamte Carl Force, der nun festgenommen wurde. Er war vorsichtiger als Ulbricht, aber gerade durch seine Vorsicht erregte er das Misstrauen seiner Vorgesetzten.

Das erste Pseudonym: "Nob"

Zunächst kommunizierte Force im Sommer 2013 unter dem Pseudonym "Nob" mit Ulbricht, er gab sich als Drogenschmuggler aus und bot Ulbricht zunächst falsche, später echte Insiderinformationen über die laufenden Ermittlungen an, die er selbst angeblich von einem korrupten Polizisten bekam.

Soweit war das durch seinen Auftrag gedeckt und seinen Vorgesetzten bekannt. Allerdings versuchte er zu verschleiern, dass Ulbricht ihn für die Insiderinformationen bezahlte. Offiziell gab er an, dass der Silk-Road-Gründer entgegen ihrer Abmachung nicht zahlte. In Wahrheit hatte er Ulbricht in einer verschlüsselten E-Mail seine private Bitcoin-Adresse genannt, an die Ulbricht 400 und später weitere 525 Bitcoins überwies. Zum damaligen Zeitpunkt entsprach das zusammen einem Gegenwert von rund 90.000 US-Dollar.

Zwar kommunizierte Force auch über seinen Dienstrechner mit Ulbricht. Seinen PGP-Schlüssel und das dazugehörige Passwort aber behielt er für sich, statt sie seinen Vorgesetzten mitzuteilen. Damit war er der Einzige, der die Mails von Ulbricht entschlüsseln konnte. Und statt alle Nachrichten entschlüsselt zu dokumentieren, verheimlichte er einen Teil des Schriftwechsels, entgegen den Anweisungen des Staatsanwalts. Erst nach der forensischen Analyse von Ulbrichts Laptop und dem Silk-Road-Server sowie der Durchsuchung mehrerer privater E-Mail-Konten von Force wussten die Ermittler, dass Ulbricht den Mann doch bezahlt hatte.

Das zweite Pseudonym: "French Maid"

Dieses Abzweigen von Bitcoins, die eigentlich dem Staat gehörten, reichte Force offenbar nicht aus. Unter dem Pseudonym "French Maid" kontaktierte er Ulbricht im Herbst erneut, um ihm Insiderinformationen zu verkaufen. Die waren für Ulbricht tatsächlich von großem Interesse. Der Silk-Road-Betreiber überwies ihm deshalb Bitcoins im damaligen Wert von rund 100.000 US-Dollar.

Die Kommunikation der beiden war größtenteils verschlüsselt, nur anfangs schrieben sie sich unverschlüsselte Mails – die das FBI später auf dem Silk-Road-Server fand. Damals unterlief Carl Force ein schwerer Fehler. Er drängte Ulbricht, PGP zu benutzen und schrieb: "Ich habe wichtige Informationen erhalten, die du so schnell wie möglich haben musst. Bitte gib mir deinen öffentlichen PGP-Schlüssel. Carl."

Vier Stunden später bemerkte er seinen Fehler und schrieb eine weitere unverschlüsselte Nachricht, mit der er versuchte, die Namensnennung zu erklären: "Whoops! Tut mir leid. Mein Name ist Carla Sophia [...]" Erst danach verschlüsselten die beiden ihren Schriftverkehr. In den Ermittlungen gegen Force war das natürlich ein starkes Indiz dafür, dass der DEA-Beamte als "French Maid" private Geschäfte mit Ulbricht machte.

Ein weiteres Indiz wurde gerade durch die Verwendung von PGP sichtbar: Force benutzte als "Nob" und als "French Maid" die gleiche, damals etwas veraltete Version des Verschlüsselungsprogramms GnuPG mit den gleichen Einstellungen, die nur ungeübte Nutzer verwenden. Eine dieser Einstellungen sorgte dafür, dass in den Metadaten jeder verschlüsselten Mail die genaue Versionsbezeichnung der verwendeten PGP-Software zu sehen war. Der Autor der Anklageschrift vergleicht es mit der E-Mail-Signatur in Smartphones: "Das ist so, als ob jemand 'Gesendet von meinem iPhone' in der Signatur stehen hat, nur präziser – 'Gesendet von meinem iPhone 6 iOS 8.0.1'."

Das dritte Pseudonym: "Death from Above"

Force versuchte zudem, Ulbricht zu erpressen. Dazu verwendete er ein drittes Pseudonym: "Death from Above". Unter diesem Spitznamen schickte er Ulbricht Informationen aus den Ermittlungsakten einschließlich des Namens des damaligen Hauptverdächtigen. Sein Ziel war es, Ulbricht einzuschüchtern und 250.000 Dollar abzukassieren. Weil die Ermittler zu diesem Zeitpunkt aber die falsche Person als Silk-Road-Betreiber im Verdacht hatten, zeigte sich Ulbricht von den Informationen unbeeindruckt.

Die Spur der Bitcoins

Also blieb Force "nur" das Geld, das er als "Nob" und "French Maid" unterschlagen hatte. Die entsprechenden Bitcoin-Zahlungen von Ulbricht stückelte er und transferierte sie über verschiedene Bitcoin-Adressen, bis sie schließlich alle an derselben Adresse landeten. Es war der Versuch, Absender und Empfänger zu verschleiern, bevor er die Bitcoins in Dollars umwandelte.

Das Verwirrspiel hätte vielleicht geklappt, wenn Ulbricht nie erwischt worden wäre und die Ermittler nie von den Überweisungen erfahren hätten. Denn Bitcoin-Adressen enthalten keine Hinweise auf den Namen ihrer Besitzer. Eine Kette von Bitcoin-Überweisungen erscheint damit auf den ersten Blick unübersichtlich und anonymisiert.

Aber jede Bitcoin-Transaktion wird in einer Art öffentlichen dezentralen Datenbank dauerhaft gespeichert, der Blockchain. Wer sie analysiert, kann den Weg des Geldes nachvollziehen. Und beim letzten Glied der Kette endet die Anonymität – nämlich dann, wenn eine Bitcoin-Adresse mit einem unter echtem Namen registrierten Konto bei einer Bitcoin-Börse verknüpft wird. Das ist nötig, um die virtuelle Währung in Bargeld umtauschen zu können. Für die Ermittler war es also nicht besonders schwer, die einzelnen Transaktionen bis zu der Adresse nachzuvollziehen(öffnet im neuen Fenster), die Force bei einer Bitcoin-Börse registriert hatte. Force beging bei dem Versuch, das erschlichene Geld zu waschen, offenbar mehrere weitere Straftaten. Sie zu erläutern, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Nachzulesen sind sie ab Seite 26 der Anklageschrift(öffnet im neuen Fenster).

Der große Bitcoin-Diebstahl

Bleiben noch die Vorwürfe gegen den Secret-Service-Agenten Shaun Bridges. Sie lassen sich auf zwei Sätze verkürzen: Er hatte sich als verdeckter Ermittler Zugang zu einem Administratorkonto für die Silk Road erschlichen. Von dort soll er innerhalb weniger Stunden große Mengen Bitcoins gestohlen und später über Umwege auf das Konto einer Firma geschleust haben, die er zu Geldwäschezwecken selbst gegründet hatte.

Auch Bridges kamen die Ermittler unter anderem deshalb auf die Spur, weil sie die Blockchain analysierten. Die genaue Rolle des Mannes im Silk-Road-Fall wird in der Anklageschrift(öffnet im neuen Fenster) ab Seite 41 erläutert, sie wäre einen eigenen Artikel wert.

Die Moral von der Geschichte

Doch an dieser Stelle soll es um etwas anderes gehen. Die Geschichte ist nämlich in erster Linie eine Mahnung an jene, die Verschlüsselungs- und Verschleierungstechnik für Wunderwaffen gegen staatliche Stellen halten. Ihnen sollte der Fall verdeutlichen: Bitcoin ist nicht anonym. PGP steckt voller Fallen. Das Tor-Netzwerk ist kein magischer Raum.

Etwas abstrakter betrachtet beweist der Fall zweierlei: Erstens kann klassische Polizeiarbeit auch dann zum Erfolg führen, wenn die Verdächtigen starke Verschlüsselungs- und Anonymisierungstechnik einsetzen. Auch wenn das nicht ins Weltbild von Behördenvertretern und Politikern passt, die seit Monaten schrille Forderungen nach gesetzlich vorgeschriebenen Hintertüren in die Welt posaunen.

Zweitens reichen offensichtlich winzige Fehler in der Implementierung oder Anwendung, um den vermeintlichen Schutz zu verlieren. Das ist keineswegs nur für Verbrecher von Bedeutung, sondern auch für Dissidenten, Informanten oder Menschen mit anderen legitimen Motiven, deren Unversehrtheit von sicherer Kommunikationstechnik abhängt.

Bestenfalls hilft der Fall den Entwicklern dieser Programme, typische Bedienerfehler im Voraus zu erahnen und entsprechende Sicherheitsvorkehrungen ins nächste Update einzubauen. Aber auch dann wird Technik allein niemanden retten.


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