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Mitmachen oder Mittelmäßigkeit

Ähnlich freigiebig mit Geheimnissen sind auch immer mehr Geschäftsleute, die (Online-)Meetings automatisch mitprotokollieren und zusammenfassen lassen. Anschließend steht geschrieben, was entschieden wurde und wer was als Nächstes tun soll.

Es ist das perfekte Gedächtnis, besser als das eines Menschen: sämtliche Infos überall, und wer will, kann sie sich direkt und unauffällig in die KI-Brille Halo oder in die Meta Smart Glasses projizieren lassen. Die neuen Brillen hören und filmen alles und versprechen unendlichen Speicher – "always-on & infinite memory" ist ein Werbeclaim, den wir noch oft lesen werden.

Beim Networking können sie so rasch soufflieren: "Das ist Sarah Sonne, CEO von Solarplanet. Du hast sie vor drei Jahren in Davos kennengelernt. Ihr letzter Linkedin-Post feiert Chinas Energiepolitik."

Wenn alle mitmachen und der Wettbewerbsdruck in der Gesellschaft steigt, bei der Arbeit, aber vielleicht auch beim Dating – wer kann oder will sich dann noch entziehen? Vor allem, wenn KI-Begleiter obendrein zum Statussymbol avancieren. Was wird die virtuelle Allround-Premium-Assistenz kosten? Oder in Business-Manier gefragt: Was kostet es jeden von uns, die Möglichkeiten nicht zu nutzen?

Segen statt Fluch?

Es gibt auch gute Aussichten: Für Menschen mit Einschränkungen werden KI-Begleiter vieles vereinfachen. Wer nicht gut sehen oder hören, sich nicht angemessen artikulieren kann oder motorisch herausgefordert ist, dem wird KI neue Autonomie bescheren. Die Gesichtserkennungs- und Erinnerungsfunktionen ermöglichen Demenzkranken einen einfacheren Alltag.

Großes Potenzial steckt außerdem im sogenannten Tutoring, der individuellen Lernhilfe. Jeder kann seine persönlichen, qualifizierten Lehrkräfte jederzeit zur Seite haben. Und wer sich permanent erklären lassen kann, wie was funktioniert – in der Schule, bei Hausaufgaben, im (neuen) Job, im Umgang mit Software oder Maschinen – wird mehr lernen und leisten können. Auch weil der kontinuierliche Fähigkeitszuwachs befähigt und motiviert, so langsam oder schnell dieser auch sein mag.

Komfort statt Privatsphäre

Das Problem bei virtuellen Lehrern und vor allem bei persönlichen Agenten ist: Je mehr Nutzer von sich preisgeben, desto besser funktionieren die Bots. Ohne Kontext kann KI nichts. Aber mit allen Daten aus allen Anwendungen, mit Nachrichten und Fotos, Fitnesstracking und Onlinebanking, weiß KI sofort, was Nutzer wollen und brauchen, zum Beispiel beim Klamottenkauf.

Nur wenn KI permanenten Zugriff auf Standort, Kommunikation, Gesundheit und Einkäufe hat, können Ernährung, Mobilität, Sportprogramm und Sozialleben bestmöglich optimiert werden. Deal? Wer nicht dabei ist, dem drohen Fear of Missing out (Fomo) und Mittelmäßigkeit.

Anfangs fragt der Agent bei jedem Zugriff und jeder Aufgabe nach Freigabe und Zustimmung. Das kann schnell nerven, daher ist es verführerisch, auf "Ja, immer" zu klicken. Aber ist eine grundsätzliche Zustimmung zu unberechenbarem – probabilistischem, nicht-deterministischem – Verhalten überhaupt möglich? Und wollen wir wirklich alles teilen?


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