Wer fragt, der führt
Chat-Bait ist erst der Anfang. Bald sollen die Bots uns nicht nur im Gespräch halten, sondern uns auch unerwartet ansprechen. Bei Meta gab es dazu das Geheimprojekt Omni (öffnet im neuen Fenster) . Daraus wurde durchgestochen, dass die KI uns aus dem Nichts heraus fragen soll, was wir von einem bestimmten Song halten. Ein vermeintlich unverfänglicher Testballon für diesen proaktiven Kontakt.
ChatGPT Pulse ist transparenter und vermarktet die selbstständige Ansprache sogar als Feature: Jeden Morgen liest KI Benachrichtigungen vor, schaut in den Kalender und in die To-do-Liste und sagt nach dem Aufwachen, wie Nutzer den Tag gestalten sollen. Aktuell ist das Angebot nur für Pro-Abonnenten verfügbar.
Hinter der aktiven Kontaktaufnahme steht nicht nur das Angebot zu helfen, sondern vor allem die Absicht, ungefragt Werbung zusenden zu dürfen. Die Attention Economy, in der um unsere Aufmerksamkeit gebuhlt wird, wandelt sich zur Attachment Economy, die uns unter dem Vorwand der Hilfestellung und Zuneigung Angebote anträgt.
Denn die KI-Firmen befinden sich in einem teuren und hochspekulativen Wettrennen – und der ultimative Fähigkeitsdurchbruch zur Superintelligenz (Artificial General Intelligence, AGI) rückt gerade wieder in die Ferne.
Vom Chatbot zum Lebensbegleiter
Deshalb verschwimmt nicht nur die Grenze zwischen Chatbots und Companions, sondern auch die zwischen Chatbots und sogenannten Agenten. Schon heute recherchiert ChatGPT für uns, erstellt Bilder, erinnert uns an Dinge, gibt uns Empfehlungen und Feedback und prägt, wie wir die Welt verstehen.
Zukünftig soll KI auch Buchungen und Einkäufe für uns vorbereiten und erledigen. An denen lässt sich mitverdienen, etwa indem Provisionen von den Shops und Anbietern verlangt werden, die der LLM-Betreiber bewirbt und von den Usern bevorzugt genutzt werden. So wie Lieferando sich circa zwanzig Cent von jedem Euro einsteckt, den Kunden über die Plattform ausgeben. In den USA sind Werbeanzeigen in ChatGPT seit Februar Realität.
Auch deshalb werden KI-Assistenten in Betriebssysteme oder Bürosoftware integriert, unter anderem dort, wo private Kommunikation stattfindet: in E-Mail-Programmen und Whatsapp. KI-Browser sollen diese Integration fortsetzen und auf ein neues Level heben.
Damit sollen sich Nutzer an KI-Agenten gewöhnen. Die Browser können nicht nur für uns suchen und uns beraten, sondern auch selbstständig die günstigste Bahnverbindung oder die besten Laufschuhe finden und kaufen.
GenAI, Chatbot, Companion, Agent: Bald ist das nur noch Wortklauberei
Die Funktionen werden also zunehmend hinter einer Benutzeroberfläche zusammengeführt. ChatGPT analysiert Eingaben erst mal, um sie dann an genau das LLM weiterzuleiten, das die Aufgabe am besten erfüllen kann.
GenAI, Chatbot, Companion, Assistent oder Agent, ist zumindest im Endverbraucherbereich bald nur noch Wortklauberei. KI-Services schicken sich an, nicht mehr nur Suchmaschine und Assistenz zu sein, sondern auch Mentor, Therapeut, Entertainer, Künstler, Freund, romantischer Partner und Leibarzt. Seit Kurzem gibt es auch eine ChatGPT-Funktion, die sich auf Gesundheitsfragen spezialisiert. Die entsprechenden Daten sind besonders intim und wertvoll. Jede Woche fragen 230 Millionen Menschen ChatGPT um medizinischen Rat.
- Dark Patterns bei KI-Companions: Ist es Liebe oder geht's nur ums Geld?
- Jeder Chatbot schmeichelt dir
- Wer verdienen will, muss freundlich sein
- Dark Patterns machen abhängig
- Wer fragt, der führt
- Mitmachen oder Mittelmäßigkeit
- Demokratie in Gefahr
- Sollten LLMs zu Pluralität verpflichtet werden?
- Download statt Liebesentzug
- Anzeige Hier geht es zu Künstliche Intelligenz: Wissensverarbeitung bei Amazon Wenn Sie auf diesen Link klicken und darüber einkaufen, erhält Golem eine kleine Provision. Dies ändert nichts am Preis der Artikel.



