Dark City wird 25 Jahre alt: Alex Proyas' düsterer Sci-Fi-Noir-Film ist besser denn je
Dark City ist ein Film, der mit einer der erschreckendsten Ideen der Science-Fiction spielt: dass die Realität, wie wir sie wahrnehmen, nicht real ist. Im Jahr 1998 reichte das nicht zum Erfolg. Ein Jahr später griff Matrix die Idee wieder auf. Abgesehen von der Gemeinsamkeit der falschen Realität kann man beide Filme aber nicht vergleichen. Alex Proyas' Werk ist schon ein gänzlich anderes Biest.
Proyas hatte mit der Comic-Verfilmung The Crow, in der Brandon Lee die Hauptrolle spielte ( und während der Dreharbeiten starb(öffnet im neuen Fenster) ), einen Hit. Damit konnte er bei seinem nächsten Projekt weit mehr seiner eigenen Ideen einbringen. Ihn faszinierte schon immer Science-Fiction, die die Realität infrage stellt – das gab es in Filmen damals noch kaum.
Ein Film aus paranoiden Kinderträumen
Während der Promotion(öffnet im neuen Fenster) des Films erklärte Proyas: "Der paranoide Aspekt der Geschichte entstand aus Träumen, die ich als Kind hatte – dass, während ich schlief, dunkle Gestalten in mein Schlafzimmer kamen und alles umstellten. Vielleicht war die Art und Weise, wie ich mir das vorstellte, ein wenig bizarr, aber ich glaube, die Angst vor der Dunkelheit ist eine sehr grundlegende Angst in der Kindheit. Wann immer ich als Kind in einem Buch auf dieses Konzept stieß, verfolgte es mich und brachte mich dazu, meine Sicht der Dinge zu überdenken."
Ursprünglich war seine Idee für die Handlung die Geschichte eines Detektivs in den 1940er Jahren, der von einem Fall besessen ist. Dem Magazin Cinefantastique(öffnet im neuen Fenster) erzählte Proyas: "Im Laufe der Geschichte wird er langsam wahnsinnig. Er kann die Fakten nicht zusammenfügen, weil sie nichts Rationales ergeben."
Die Geschichte entwickelte sich jedoch noch. Die Figuren änderten sich, die erzählerische Perspektive auch. Zuerst sollte der Detektiv im Vordergrund stehen, dann entschied Proyas sich jedoch für die Figur, die gejagt wird und nach und nach dem Geheimnis dieser in ewiger Nacht befindlichen Stadt auf die Spur kommt.
Zusammen mit Lem Dobbs schrieb er einen ersten Drehbuchentwurf. Danach holte er David S. Goyer dazu, nachdem er dessen Skript zu Blade gesehen hatte, damit dieser das Drehbuch in Form bringen konnte. Während von Dobbs die psychologische Ausarbeitung der Figuren kam, machte Goyer eine spannendere Geschichte daraus.
Eine atemberaubend düstere Stadt
Noch heute atemberaubend ist das Design des Films. Eine derart düstere Stadt gab es nur selten. Man denke an Gotham in Tim Burtons Batman, aber das muss man noch um ein Vielfaches potenzieren. Erst dann versteht man, wie Dark City wirkt.
Zusammen mit dem Produktionsdesigner Patrick Tatopoulos, der unter anderem für Roland Emmerich an Independence Day gearbeitet hat, entwarf Proyas über Monate diese Welt. Es gab später auch keine Außenaufnahmen, die Welt von Dark City wurde komplett in Form von Sets im Studio errichtet.
Tatopoulos übertraf sich dabei selbst. Dem Journalisten Chuck Wagner sagte er: "Der Film spielt überall und nirgends. Es ist eine Stadt, die aus Teilen von Städten besteht. Eine Ecke von einem Ort, eine andere von einem anderen Ort. Man weiß also nicht wirklich, wo man sich befindet. Ein Teil sieht aus wie eine Straße in London, aber ein Teil der Architektur sieht aus wie New York, aber der untere Teil der Architektur sieht wieder aus wie eine europäische Stadt. Man ist da, aber man weiß nicht, wo man ist. Es ist, als ob man sich jedes Mal, wenn man reist, verirrt."
Eindrucksvoll ist auch das Hauptquartier der Fremden, ein gigantisches, unterirdisches Amphitheater mit der Skulptur eines Gesichts. Alleine dafür brauchte man ein Set mit 15 Metern Höhe, alle anderen hatten eine Höhe von elf Metern. Allein die Konstruktion dieses Sets nahm drei Monate Zeit in Anspruch.
Gebaut wurden die Sets in einem Studio in Australien. Man drehte dort, weil die Umrechnung vom US-Dollar zum australischen Dollar günstig war, so dass das Budget, das auf 30 bis 40 Millionen Dollar geschätzt wurde, weit mehr trug.
Für den dunklen Look des Films war Peter Doyle als Visual Effects Producer(öffnet im neuen Fenster) verantwortlich. Doyle sagte dazu später: "Der Film präsentiert eine Welt, auf die man sich wirklich einlassen kann. Die ganze Idee, dass der ganze Film bei Nacht spielt, mit Ausnahme der letzten Einstellung, war eindrucksvoll. Die Kameraarbeit von Dariusz Wolski sah wirklich gut aus, und das Produktionsdesign war sehr stark. Das war ziemlich aufregend. In gewisser Weise war es frisch. Es war eine interessante Kombination aus Film Noir und deutschem Expressionismus und einer Menge Einflüsse, die sich – und das ist Alex' Verdienst – zu einer ziemlich einheitlichen Welt zusammenfügten, die meiner Meinung nach Bestand hat."
Spannende Besetzung
Für die Hauptrolle des verfolgten Murdoch verpflichtete Proyas den Schauspieler Rufus Sewell, den sein Casting Director in London auf der Bühne gesehen hat. Sewell hatte zu dem Zeitpunkt noch keine großen Rollen gespielt, galt aber als eines der großen jungen Talente. Der Film sprach ihn auch an, weil er ein so eklektischer Mix aus Film Noir, Science-Fiction und düsteren Märchen ist.
Als Polizist, der hinter Murdoch her ist, wurde William Hurt besetzt. Für eine andere Rolle hatte Proyas schon einen Schauspieler vor Augen, als er das Skript schrieb: Richard O'Brien. Als die Fremden zu seltsamen, kahlköpfigen Männern mit ätherischer, androgyner Erscheinung wurden, blitzte O'Brien in Proyas' Kopf auf. Er hatte eine ähnliche Rolle in dem von ihm geschriebenem Kulthit The Rocky Horror Picture Show gespielt: Riff Raff. Proyas traf sich in London mit O'Brien und stellte ihm das Projekt vor.
Für die Rolle des Dr. Schreber dachte Proyas zuerst an Ben Kingsley. Als der ablehnte, überdachte er die Konzeption der Figur. Die Wahl fiel schließlich auf Kiefer Sutherland, der damals noch ein paar Jahre vom Jack-Bauer-Weltruhm mit der Serie 24 entfernt war. Den Namen verdankt die Figur übrigens Daniel Paul Schreber, einem deutschen Richter mit paranoider Psychose, der mit Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken(öffnet im neuen Fenster) im Jahr 1903 seine Memoiren veröffentlicht hat, die auch für den Film inspirierend waren.
Der Film geht unter wie ein Stein
New Line Cinema fürchtete, der Titel wäre nicht stark genug, und drängte auf ein Umtiteln zu Dark World oder Dark Empire, aber Proyas bestand auf dem originalen Titel. Letztlich ist es wohl egal, welchen Titel man nutzte, denn als der Film am 27. Februar 1998 nach einigen Verschiebungen in den USA in die Kinos kam – der deutsche Start war am 27. August 1998 – ging er unter wie ein Stein. Er spielte weltweit nur gut 27 Millionen Dollar ein, womit er nicht mal einer der 100 umsatzstärksten US-amerikanischen Kinofilme jener Zeit war.
Die Kritik war mehrheitlich positiv und Preise gab es auch, darunter gleich mehrere Saturn Awards. War Dark City im Kino auch kein Erfolg, so schlug er sich im Heimkino besser und fand in den letzten 25 Jahren ein ganz neues Publikum. Heute gilt der expressionistische Film als einer der großen Klassiker der Science-Fiction – wie guter Wein ist Dark City auch hervorragend gealtert. Der Film ist von seiner Umsetzung, aber auch dem Fundament seiner Geschichte her noch immer imposant.
Im Jahr 2008 präsentierte Proyas den Director's Cut(öffnet im neuen Fenster) seines Films, der etwa zehn Minuten länger ist. Er entfernte die Erklärung am Anfang, da er das Gefühl hatte, dass sie zu viel vorwegnahm, und erweiterte einige Szenen. Der Film läuft in dieser Form noch runder, auch wenn es schwer ist, ein Meisterwerk noch meisterhafter zu machen.
Geht es weiter?
Vor zwei Jahren stellte Proyas den Kurzfilm Mask of the Evil Apparition(öffnet im neuen Fenster) vor, der im Dark-City-Universum spielt. Dazu gab Proyas auch bekannt, dass er an einer Serien-Version von Dark City arbeite. "Wir befinden uns in einem sehr frühen Stadium, wobei ich die Geschichte erneut analysieren, evaluieren und konstruieren muss. Aber es wird interessant."
Seitdem hat man von dem Projekt nichts mehr gehört. Vielleicht ist das aber auch besser so. Dark City ist ein solch wirkmächtiger Film, dem die Zuspitzung auf ein Finale guttut, während eine Serie das Vorhandene auspolstern und strecken müsste. Der Film steht für sich – und wird auch in den nächsten 25 Jahren neue Fans finden.
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