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Cyborg Unplug: "Es geht nicht um Google Glass. Es geht um die Privatsphäre"

Sein Geräteblocker Cyborg Plug richte sich nicht nur gegen Google Glass, sagt der Künstler Julian Oliver im Gespräch mit Golem.de. Schon lange beschäftigt er sich mit dem Verlust der Privatsphäre durch elektronische Geräte. Das immense Interesse an dem Skript glasshole.sh und dem daraus entstandenen Produkt hat ihn überrascht.
/ Jörg Thoma
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Das Prisma des Kunstwerks Prism: The Beacon Frame von Julian Oliver und Daniil Vasiliev auf der Transmediale 2014 (Bild: Julian Oliver, Daniil Vasiliev)
Das Prisma des Kunstwerks Prism: The Beacon Frame von Julian Oliver und Daniil Vasiliev auf der Transmediale 2014 Bild: Julian Oliver, Daniil Vasiliev

Es gehe nicht um Google Glass, sagt Julian Oliver, auch nicht um die Angst vor Überwachung nach den Enthüllungen durch den Whistleblower Edward Snowden. Seine Motive für die Entwicklung des Glasshole-Skripts und jetzt des Cyborg Unplug seien gesellschaftlich begründet, nicht politisch. Es gehe um die Wahrung der Privatsphäre, die zunehmend durch den Einsatz von elektronischen Geräten vernachlässigt werde und gänzlich zu entschwinden drohe. Googles Datenbrille sei der Auslöser für die Entwicklung von Cyborg Unplug und nicht der Grund.

Auf die Idee zu seinem Glasshole-Skript sei Oliver gekommen, als er einen Artikel von Omar Shapira gelesen habe(öffnet im neuen Fenster) . Der Künstler Shapira beklagt dort den Auftritt von Google-Glass-Trägern auf einer Elektronik- und Kunstausstellung in der New York University. Ungehemmt hätten sie dort Exponate gefilmt, oder auch nicht, Shapira konnte es nicht genau erkennen. Befragungen zu Exponaten hätten die Träger nach der Speicherkapazität von Googles Datenbrille gestaltet, so kam es Shapira jedenfalls vor. Nach wenigen Sekunden sei die Frage gekommen, wie sich die Ausstellungsstücke zu Geld machen ließen. Darüber regte sich Shapira am meisten auf - und Oliver mit ihm.

Kunst mit Trojaner

Oliver ist selbst Künstler. Er stammt aus Neuseeland und wohnt derzeit in Berlin. Seine Werke beschäftigen sich mit Technik, Hardware, Software, Daten. Es gibt einen USB-Stick in Form eines Maschinengewehrs(öffnet im neuen Fenster) . Der ist mit dem Trojaner Flamer.a infiziert, der im Iran und anderen Ländern des Mittleren Ostens gefunden wurde. Seine Transparency Grenade(öffnet im neuen Fenster) - zu Deutsch Transparenzgranate - ist einer F1 aus dem sowjetischen Arsenal nachempfunden. In dem durchsichtigen Gehäuse ist ein kleiner Rechner samt WLAN-Modul, das den Netzwerkverkehr dort abgreift, wo es aufgestellt wird. Die Daten werden anonym und sicher an einen Server übertragen und dort nach Namen, IP-Adressen, unverschlüsselten E-Mail-Fragmenten und weiteren persönlichen Daten gefiltert. Sie werden dann öffentlich an dem Ort gezeigt, an dem die Granate "gezündet" wurde. Mit dem Kunstwerk will Oliver auf die mangelnde Transparenz in Unternehmen und Regierungseinrichtungen hinweisen.

Sein Kunstwerk Prism: The Beacon Frame(öffnet im neuen Fenster) , das er zusammen mit Daniil Vasiliev entwickelte, musste auf der Transmediale 2014 in Berlin abgebaut werden. Denn es verstieß gegen das deutsche Telekommunikationsgesetz. Es handelte sich nämlich um einen IMSI-Catcher, oben drauf ein Prisma. Darüber verschickte Oliver massenweise SMS an die Besucher - bis sich einige darüber beschwerten. Die für das Audiovisuelle auf der Ausstellung zuständige Firma ließ das Kunstwerk daraufhin abbauen und drohte damit, die Bundespolizei zu rufen, sollte es wieder in Betrieb genommen werden. Die Ausstellungsleitung schlug sich auch nach Protesten der Künstler auf die Seite des Ausstatters. Sie könne sich die Geldstrafe nicht leisten, die wegen des IMSI-Catchers drohte.

Protestaktion gegen Gaffer

Damals war es ein Protest gegen die Überwachung durch den Geheimdienst NSA. Beim Betrachten seiner Kunstwerke nimmt man es ihm nicht ganz ab, dass Cyborg Unplug keinen politischen Kontext haben soll. Es gehe auch um die Rechte der Frauen, betont Oliver jedoch. Mit Googles Datenbrille würden sie oftmals zu Objekten reduziert, vor allem wenn heimliche Aufnahmen von ihnen auf der Festplatte eines Gaffers landeten.

Oliver kennt sich aus mit Hardware und Netzwerken, mit WLAN und GSM. Er hackt gerne Geräte. Das Skript glasshole.sh hat er ja bereits veröffentlicht. Als Machbarkeitsnachweis, wie er sagt. Das müsse den Technikaffinen zunächst genügen. Oliver ist ein Verfechter der Open-Source-Idee. Später will er den Quellcode der Open-WRT-Firmware freigeben, die auf der ersten Version des Cyborg-Unplug-Routers installiert ist. Aber jetzt noch nicht. Erst müsse sie funktionieren, wie er es sich vorstellt. Sie soll später auch Bluetooth-Verbindungen kappen können. Die Funktion sei jedoch noch nicht offiziell, sagte Oliver.

Kunstobjekt oder Produkt?

Die Golem.de-Leser hätten das Gerät richtig erkannt , sagt Oliver und lacht. Es ist tatsächlich ein TL-WR710N von TP-Link. Ob die zum Verkauf angebotenen Geräte später genau solche sein werden, ist aber noch nicht sicher. Oliver will sie direkt beim Hersteller kaufen, als OEM-Geräte, ohne Branding. Er sei selbst überrascht von der Nachfrage gewesen, die die Veröffentlichung des Skripts ausgelöst habe. Erst danach sei er auf die Idee gekommen, einen Router zum Cyborg Unplug umzufunktionieren. Die Nachfrage nach dem Geräte-Blocker sei immens, sagte Oliver. In den wenigen Stunden vor unserem Gespräch seien 600 Anfragen bei ihm eingegangen. Und bei weitem nicht alle kämen von Medien.

Den Cyborg Unplug nicht als Kunstwerk, sondern als Produkt zu bezeichnen, ignoriere die lange Geschichte der Pop-Art oder Kunst für den Massenmarkt, korrigiert der Künstler später noch den Inhalt der ersten Fassung dieses Artikels. Vielleicht entfache die Frage: "Ist das Kunst oder nicht?" eine konstruktivere und offenere Debatte?


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