Cryptomessenger: Wie ich die Digitalisierung meiner Familie verpasste
Weihnachten, Familienfeier, Urlaub – für viele ITler bedeutet der Kontakt mit der Familie vor allem eines: Geräte patchen, Drucker installieren und bei der Herduhr die Zeitumstellung nachholen. Und Mamas Fragen beantworten. "Briefe sind doch viel schöner, wozu brauche ich einen Computer?" Oder "Wie finde ich etwas in diesem Internet?" Aber in diesem Jahr hat sich meine Familie ausgerechnet zu Weihnachten von liebgewordenen Traditionen verabschiedet. Sie, die bislang kaum PCs genutzt haben, sind plötzlich digital. Und ich, der Nerd, bin der Nichtauskenner.
Was ist passiert? Smartphones sind passiert. Meine Mutter sitzt im Sessel, das Smartphone in der Hand, und sagt mit großer Selbstverständlichkeit Sätze wie: "Deine Schwester hat ihre Whatsapp-Nachricht noch gar nicht gelesen". Einen Computer hat sie nie benutzt, die beiden haben nie so richtig zusammengepasst. Aber sie hat den Schritt gewagt und sich ein Smartphone angeschafft – und sie sind best friends forever. Meine Schwester hat auch bis vor kurzem nicht mal gewusst, was ein Messenger ist. Und jetzt: "Ich habe ihr vorhin schon geschrieben, aber sie hat die Nachricht noch nicht gelesen, das kann ich hier sehen", sagt meine Mutter. "Ach, wenn du grad hier bist – ich habe noch süße Babybilder aus der Verwandtschaft bekommen, per Mail". What???
Meine Familie hat mich bei Whatsapp abgehängt
Dass ich überhaupt nicht mitbekommen habe, wie sich meine gesamte Verwandtschaft nach und nach zu einem digitalen Insiderkreis zusammengeschlossen hat, der mich ausschloss, ist die Schuld von Whatsapp. Und die meines Berufs. In meinem professionellen Bekanntenkreis ist die Nutzung von Whatsapp verpönt – Datenkrake, Telefonbuchkopie und so weiter. Und das, obwohl zumindest die Android-Version des Dienstes eines der besten derzeit bekannten Verschlüsselungsprotokolle für Instant Messaging verwendet: Axolotl-Ratchet.
Ich benutze Threema, Signal und andere Messenger. Aber für meine Familie wie für viele andere war Whatsapp der benutzerfreundliche Einstieg in die digitale Kommunikation. Über die Anschlussfähigkeit müssen sie sich keine Gedanken machen – das Netzwerk ist schon da. Hauke nicht, aber was soll's. Sieben Crypto-Messenger auf dem Smartphone – und trotzdem kein Anschluss unter dieser Nummer!
In der falschen Blase
Dabei würden sich meine Cryptomessenger für solche Gruppen natürlich auch überwiegend eignen. Aber wir müssten uns alle auf einen einigen, denn kompatibel ist die Technik ja nicht. Nur: Meine Familie hat sich ja schon geeinigt, die wird kaum wechseln wollen.
Irgendwie ironisch. Erst vergangene Woche habe ich meine Termine für den diesjährigen Hackerkongress 32C3 gemacht. Es geht dort um "Gated Communitys", also darum, wie die verschiedenen Communitys in der Branche immer wieder den Austausch verschiedener Gruppen untereinander verhindern – und die Monopole vieler Hersteller fördern. Hallo, ich melde mich als Beispiel: Security-Bubble versus Familienblase!
Wie in vielen Familien hat Whatsapp auch in meiner die Kommunikationskultur verändert.(öffnet im neuen Fenster) Die Familiengruppe ermöglicht den unkomplizierten Austausch über Alltägliches, Banales oder Ernstes – Dinge, die mir nun entgehen. "Aber das habe ich dir doch erzählt!" Nein Mutter, das hast du dann wohl in den Chat geschrieben.
Schreib doch einfach eine Facebook-Nachricht!
"Whatsapp" ist nicht die einzige Vokabel, die meine Familie kürzlich noch nicht kannte und die sie jetzt mit größter Häufigkeit benutzt. "Facebook" gehört auch dazu. Wir wollen einen Verwandten erreichen, doch keiner hat die E-Mail-Adresse parat. "Schreib ihm doch einfach eine Facebook-Nachricht, Hauke!", so der Vorschlag. Doch wieder heißt es: kein Anschluss unter dieser Nummer – auch im größten sozialen Netzwerk bin ich nicht vertreten. Bei Facebook habe ich mich nicht primär wegen der Datenschutzbedenken abgemeldet. Der Dienst hat mich genervt, die Algorithmen zur Sortierung des Newsfeeds haben bei mir ganz offensichtlich versagt – so wenig Relevantes habe ich dort gefunden.
Meine Familie offensichtlich schon. Onkels, Tanten, die ausgewanderte Cousine, Neffen, Nichten, Geschwister und auch mein Vater und meine Schwester bevölkern den blauen Monopolisten und teilen ihre Erlebnisse, Babyfotos und Reisen. So bleibt man leicht auf dem Stand – wenn man dabei ist. Ich sage meiner Familie: Ich bin bei Twitter. Davon haben sie schon gehört – als die Öffentlich-Rechtlichen nach dem TV-Duell zur Bundestagswahl einzelne Tweets vorlasen, zum Beispiel. Erzählen sie – und gucken gleich wieder bei Facebook nach neuen Meldungen.
Ich lass mich eben überraschen!
Wie Whatsapp ist Facebook mit dem Smartphone und dem Tablet bei uns eingezogen – und damit liegt meine Familie offenbar voll im Trend. Der Digital-Index(öffnet im neuen Fenster) der Initiative D21 zeigt, dass das einzige Wachstumspotenzial in der Internetnutzung in den vergangenen Jahren bei Smartphones und Tablets lag. Viele neue Nutzer kommen vor allem über diesen Weg ins Netz – und erleben eine andere Welt als die, die schon seit dem 386er mit Modem dabei waren. Weniger Konfiguration, mehr Benutzeroberfläche. Mehr Nutzer also, die mit wenig Technikhintergrund dazustoßen. Und die verstehen wenig von Sicherheit – und sind dann doch wieder auf uns alteingesessene Internetbürger angewiesen. Irgendwie tröstlich.
Meine Familie nutzt dasselbe Internet wie ich – und doch liegen Welten zwischen unserer Nutzung. Sie sind nicht über Nacht zu totalen IT-Cracks herangewachsen, die ihre eigenen Jabber-Server betreiben, Linux nur noch über die Kommandozeile nutzen und das Haus mit einem Raspberry Pi steuern. Sie haben ihren eigenen, selbstverständlichen Umgang mit Technologie gefunden und diese sinnvoll in ihren Alltag integriert. Wenn ich das nächste Mal nach Hause fahre, werde ich vermutlich immer noch einige IT-Probleme lösen – aber wer mich vom Bahnhof abholt, wird in der Whatsapp-Gruppe besprochen werden. Ich lasse mich davon überraschen – das hat auch was Schönes.
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