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Crowdfunding im Krieg: Spenden für Panzer

Ob Drohnenboot, Kettenpanzer oder Raketen mit persönlicher Widmung – das Crowdfunding treibt in Kriegen wie dem in der Ukraine teils makabre Blüten, doch das ist nicht das einzige Problem.
/ Eike Kühl
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Kettenpanzerwagen vom Typ FV103 Spartan für die Ukraine werden per Crowdfunding finanziert. (Bild: Miguel Medina/AFP via Getty Images)
Kettenpanzerwagen vom Typ FV103 Spartan für die Ukraine werden per Crowdfunding finanziert. Bild: Miguel Medina/AFP via Getty Images

Die ukrainischen Truppen können sich, wenn alles klappt, auf ein Weihnachtsgeschenk freuen, ein sehr großes und schweres obendrein. Rund 50 britische Kettenpanzerwagen vom Typ FV103 Spartan sollen bis zu den Feiertagen ukrainischen Boden erreichen.

Bereits in den vergangenen Monaten lieferte die britische Regierung einige Exemplare des mittlerweile ausrangierten Modells. Doch die nun geplante Lieferung ist nicht nur um einiges größer, sie hat auch eine andere Herkunft: Die 60 Panzer stammen allesamt aus Privatbeständen – und sie wurden mithilfe von Crowdfunding gekauft.

Rund 5,5 Millionen Euro sollen die 60 Fahrzeuge kosten. Anfang November rief der ukrainische Fernsehmoderator Serhiy Prytula über seine Stiftung(öffnet im neuen Fenster) zur Crowdfunding-Aktion auf. Nur neun Stunden später war bereits die Hälfte der benötigten Summe erreicht, einen Tag später war die Aktion erfolgreich abgeschlossen und die Verantwortlichen konnten anfangen, die Lieferung der Panzer logistisch zu planen. Schon zuvor hatte die Serhiy-Prytula-Stiftung mithilfe von Spenden militärisches und medizinisches Equipment, Drohnen und IT für die Verteidigungstruppen gesammelt(öffnet im neuen Fenster) .

Die Stiftung des prominenten TV-Stars ist bei Weitem nicht allein. Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine ist im Internet eine riesige Crowdfunding-Welle entstanden.

Im Mai etwa ging United24 online, eine Spendeninitiative, die von den ukrainischen Behörden ins Leben gerufen wurde und inzwischen auch Star-Wars-Darsteller Mark Hamill als offiziellen Botschafter gewinnen konnte(öffnet im neuen Fenster) . 220 Millionen Euro sollen bereits unter anderem für Waffenkäufe gespendet worden sein. Anfang November kündigte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj an, mithilfe von United24 "eine ganze Flotte von Seedrohnen" zu beschaffen, um die russische Schwarzmeerflotte unter Druck zu setzen.

Dazu kommen zahlreiche inoffizielle Initiativen. Eyes on Ukraine(öffnet im neuen Fenster) etwa hat seit Kriegsbeginn Hunderte Drohnen an die Front geliefert. Die Initiative Kolo(öffnet im neuen Fenster) sammelt Geld für Equipment wie Satellitenfunkgeräte oder Ferngläser, Come Back Alive(öffnet im neuen Fenster) unter anderem für Waffen und Fahrzeuge. Manche Grassroots-Projekte wie Kryivka Vilnykh(öffnet im neuen Fenster) , auf Deutsch etwa Zuflucht der Freien, konzentrieren sich auf die Versorgung und Unterstützung einzelner Städte und Gemeinden, so dass die Spenden ganz gezielt eingesetzt werden können.

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Crowdfunding hat im Krieg eine lange Tradition

Geld entscheidet Kriege. Das wusste schon der griechische Geschichtsschreiber Thukidides, als er in seinem Hauptwerk den Peloponnesischen Krieg analysierte. Geld sei es, das Waffen überhaupt erst nützlich mache, schrieb er. Was Thukidides natürlich nicht wissen konnte, ist, dass sich rund 2.400 Jahre später das Geld für Waffen innerhalb weniger Sekunden von jedem Ort der Welt überweisen lässt und somit praktisch jeder per Mausklick zum aktiven Unterstützer eines Krieges werden kann.

Dabei ist die Unterstützung aus der Privatwirtschaft und durch Privatpersonen in Kriegen kein neues Phänomen. Bereits die Vindolanda-Tafeln(öffnet im neuen Fenster) aus römischen Militärlagern lassen vermuten, dass die Soldaten Schuhe und Unterwäsche aus der Bevölkerung gespendet bekamen.

Im Zweiten Weltkrieg machten in Großbritannien die sogenannten Spitfire Funds die Runde, in denen die Bevölkerung darum gebeten wurde, Geld für die Produktion der fortschrittlichen Jagdflugzeuge zu spenden. Obwohl viele Menschen nur wenige Pennys entbehren konnten, kamen durch die Aktion insgesamt 13 Millionen Pfund zusammen(öffnet im neuen Fenster) , was heute etwa 650 Millionen Pfund wären.

Neu ist also nicht die Tatsache, dass sich die Bevölkerung an der Finanzierung von Kriegen beteiligt, sondern dass neue Technologien wie Crowdfunding-Plattformen und Kryptowährungen diese Beteiligung vereinfachen.

Die Ukraine entdeckte das Potenzial dieser Entwicklung bereits nach der Besetzung der Halbinsel Krim durch Russland im Jahr 2014. Die neue Einnahmequelle wurde damals aus der Not heraus geboren; nach der pro-europäischen Maidan-Revolution und der anschließenden Annexion der Krim lag das ukrainische Militär, von jahrelanger Korruption und Misswirtschaft geprägt, sprichwörtlich am Boden. Um den Angreifern die Stirn zu bieten, mussten nicht nur freiwillige Kämpferinnen und Kämpfer an die Front, sondern auch neue Finanzierungsquellen erschlossen werden.

Ein großes, internationales Publikum, das schnell und anonym zahlt

Spendenaufrufe über das Internet kamen da gerade recht. Damals wie heute sind sie schnell aufgesetzt. Eine E-Mail-Adresse und ein Paypal-Account genügen bereits, um eine Initiative zu gründen. Über Social-Media-Plattformen wie Facebook, Instagram und Twitter können die Aufrufe verteilt werden, um schnell ein großes und vor allem internationales Publikum zu erreichen.

Die gleichen Mechanismen, die schon lange für humanitäre Hilfe oder für den Tier- und Umweltschutz genutzt werden, funktionieren also auch, wenn es um die Beschaffung von Waffen geht. Wobei dem allerdings viele Dienste einen Riegel vorschieben.

So verbietet der beliebte Dienst Patreon mittlerweile Projekte(öffnet im neuen Fenster) , die Geld für die Beschaffung von Waffen und Kriegsgerät sammeln. Auch Paypal hat laut Berichten des Pulitzer Centers (öffnet im neuen Fenster) Dutzende ukrainische Initiativen gesperrt, da diese mutmaßlich gegen die US-amerikanischen Regeln zum Waffenhandel verstießen.

Anonyme Zahlungen mit Kryptowährungen

Um das zu umgehen, haben sich Kryptowährungen als beliebte Alternative bewährt. Damit lassen sich nicht nur Einschränkungen umgehen, sie sind auch attraktiv für Spender, die anonym bleiben wollen. Das ist vor allem dann häufig der Fall, wenn es nicht nur darum geht, humanitäre Hilfe zu unterstützen, sondern tatsächlich Waffenkäufe zu finanzieren.

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Durch die Überweisung von Kryptowährungen ist es möglich, den Kampf zu unterstützen, ohne seinen Namen oder die Bankverbindung preisgeben zu müssen. Die eingangs erwähnte Initiative Come Back Alive startete bereits 2014, initiiert durch einen IT-Fachmann, und hat nach eigenen Angaben inzwischen 135 Millionen US-Dollar an Spenden erhalten – ein nicht kleiner Teil davon in Form von Kryptowährungen.

Nach dem Angriff Russlands im Februar habe Krypto "wirklich geholfen, in den ersten Tagen einige der Grundbedürfnisse zu decken" , zitiert das Magazin Economist den ukrainischen Minister für Digitale Transformation(öffnet im neuen Fenster) , Alex Bornyakov. Die Regierung in Kiew selbst richtete bereits kurz nach der Invasion einen eigenen Krypto-Fund(öffnet im neuen Fenster) ein und erhielt darüber bis August mehr als 50 Millionen US-Dollar(öffnet im neuen Fenster) . Dass die Ukraine laut Studien des Analyseunternehmens Chainalysis(öffnet im neuen Fenster) ohnehin zu den weltweit führenden Krypto-Nationen gehört, tat sein Übriges.

Signierte Raketen für die Besatzer

Die Crowdfunding-Aktionen, die wir seit Beginn des Krieges sähen, hätten "eine neue Qualität" , sagt Margarete Klein(öffnet im neuen Fenster) , Osteuropaexpertin der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). "2014 waren die Crowdfunding-Initiativen noch stark innerhalb der Ukraine konzentriert, jetzt sehen wir noch deutlich mehr internationale Kooperation."

Dass sich die Kriegsfinanzierung zumindest teilweise ins Private verlagert, bringt aber noch ganz andere, teils makabre Phänomene mit sich. Auf der Webseite SignMyRocket.com etwa können Spender ihren Namen auf eine Artilleriegranate schreiben lassen, die dann auf russische Soldaten abgefeuert wird. Ab 200 US-Dollar ist man dabei. Für 5.000 US-Dollar wird der eigene Name auf das Rohr einer Haubitze gepinselt – ein "einzigartiges Angebot" , heißt es auf der Webseite.

Auch die Webseite RevengeFor.com ermöglicht es den Spendern, auf Geschossen persönliche Grußnachrichten an die russischen Streitkräfte zu hinterlassen. Im besten Fall soll ein Fotobeweis später zeigen, dass die "Bestellung" auch ankam.

"Die sozialen Medien sind sehr nah an der Front, viel näher als in den meisten historischen Kriegen" , sagte Simon Schlegel(öffnet im neuen Fenster) , Ukraine-Experte bei der International Crisis Group, im Gespräch mit der New York Times. Das könne dazu beitragen, das öffentliche Engagement in dem Konflikt zu verstärken.

Oder anders gesagt: Dass die Crowdfunding-Aktionen in der Ukraine so erfolgreich sind, liegt auch daran, dass die Menschen das Gefühl haben, dass ihre Spenden wirklich an der Front ankommen.

Private Spenden können zu Abhängigkeit führen

Allerdings gibt es auch Kritik. So ist aufgrund der teils undurchsichtigen Geldflüsse für die Spenderinnen und Spender nicht immer ersichtlich, wer genau hinter einer Aktion steckt und in wessen Händen das Geld und das Equipment letztlich wirklich landen. Durch die zahlreichen inoffiziellen Initiativen könnten zudem parallele Lieferketten von militärischer Ausrüstung entstehen, was wiederum Korruption begünstige, schreibt das Pulitzer Center.

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Im gleichen Atemzug stellt sich letztlich auch die Frage, ob die private Einflussnahme langfristig nicht auch politische Auswirkungen haben kann. Vor allem dann, wenn sehr reiche Einzelpersonen den Krieg mitfinanzieren und dadurch etwa einzelne Milizen in finanzielle Abhängigkeit von Personen und Organisationen geraten, die nicht mit der Regierung in Kiew in Verbindung stehen und möglicherweise eine eigene Agenda haben.

In der Ukraine haben sich bereits zahlreiche Oligarchen an der Finanzierung beteiligt(öffnet im neuen Fenster) . Und auch Elon Musk unterstützt mit seinen Starlink-Satelliten die ukrainische Bevölkerung und Truppen. Als er ankündigte, die Finanzierung zu stoppen(öffnet im neuen Fenster) , entfachte das viel Kritik und die Sorge, dass sich die Ukraine zu sehr auf private Gönner verlasse(öffnet im neuen Fenster) , die jederzeit ihre Meinung ändern könnten.


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