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Crowd Management: Smartphone soll Massenpanik verhindern

Ifa 2012
Crowd Sensing heißt eine Technik, mit der per Smartphone anonym Besucherströme auf einer Großveranstaltung erfasst und gelenkt werden können. Erstmals eingesetzt wurde die am DFKI entwickelte Technik kürzlich bei den Olympischen Spielen in London.
/ Werner Pluta
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Crowd Sensing legt großen Wert auf Datenschutz (Bild: DFKI)
Crowd Sensing legt großen Wert auf Datenschutz Bild: DFKI

"Biegen Sie nicht ab, sondern gehen Sie weiter auf dieser Straße." Oder: "Die U-Bahn-Station, die Sie gerade ansteuern, ist überfüllt. Gehen Sie bitte zu einer anderen Station." Solche Nachrichten können Besucher von Großveranstaltungen bald auf ihr Smartphone bekommen. Auf diese Weise sollen solche Großereignisse reibungslos ablaufen.

Crowd Sensing nennt sich diese Technik. Über Smartphones, genauer über die Sensoren, die in so einem Gerät eingebaut sind, werden die Daten über die Bewegung der Besuchermassen erfasst und ausgewertet. Ziel sei, bei Großveranstaltung einen Überblick über die Besucherströme zu bekommen und diese falls nötig lenken zu können, sagt Tobias Franke vom Forschungsbereich Eingebettete Intelligenz(öffnet im neuen Fenster) am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz(öffnet im neuen Fenster) (DFKI) in Kaiserslautern.

Smartphone-Sensoren

Um Daten sammeln zu können, installieren die Besucher einer Veranstaltung eine App auf ihrem Smartphone. Diese Geräte seien für Crowd Sensing ein sehr gut geeigneter Sensorknoten, erklärt Franke. Mit Hilfe des GPS etwa werden die Position und die Geschwindigkeit, mit der sich eine Person bewegt, bestimmt. Der Kompass gibt die Richtung an. Über Bluetooth kann die Aktivität in der Umgebung festgestellt werden. Daneben werden noch das Gyroskop und der Beschleunigungsmesser des Gerätes genutzt.

Erfasst werden kann, wo sich ein Mensch befindet und ob und in welche Richtung er sich bewegt. Die Daten werden auf einen Cloud-Server übertragen und dann in eine Karte des Areals, die sogenannte Crowd Density Heatmap, eingetragen. Heatmap deshalb, weil wie bei einer Wärmebildkamera Menschenmengen als bunter Fleck erscheinen, der von Blau über Gelb ins Rot wechselt, je mehr Menschen sich dort befinden. Die Anzeige erfolge nahezu in Echtzeit, sagt Franke. Der Zeitverzug betrage etwa 1 bis 3 Minuten.

So lässt sich erkennen, wie dicht an bestimmten Stellen die Menge ist und ob es darin Turbulenzen gibt, also Menschen, die sich anders bewegen als die anderen. Eine solche Turbulenz könne ein möglicher Auslöser für eine Panik sein. Die Karte könne zudem mit den Überwachungskameras im öffentlichen Raum gekoppelt werden, so dass auch Bilder vom Geschehen vor Ort vorliegen.

Kommunikation mit Besuchern

Über die App können die Sicherheitskräfte die Besucher ansprechen. Ein Kommunikationskanal richtet sich an alle. Darüber bekommen sie Informationen über die Veranstaltung oder einen Überblick über die Verkehrssituation. Die Sicherheitskräfte können sich aber auch ganz gezielt an Besucher in einem bestimmten Bereich wenden: Sie klicken auf der Übersichtskarte einen bestimmten Bereich an und schicken den Menschen dort eine Nachricht auf das Smartphone, dass sie das Areal verlassen sollen. Diejenigen, die den kritischen Bereich ansteuern, können sie auffordern, sich von dort fernzuhalten.

Die Ansprache könne sehr modular erfolgen. Derzeit sei ein System in der Entwicklung, das Bewegungssignaturen aus den Sensordaten erstellen könne, erzählt Franke. An diesen Signaturen lasse sich erkennen, ob ein Mensch im Rollstuhl sitze. Diesem könne dann ein barrierefreier Weg aus der Menge vorgeschlagen werden.

Service-App als Anreiz

Die Nutzer müssen eine App installieren, um an dem Crowd Management teilzunehmen. Um möglichst viele zu motivieren, wird das Crowd Sensing in eine Service-App integriert, deren Nutzung dem Smartphonebesitzer einen Mehrwert bietet. Bei ihrem ersten Großeinsatz bei den Olympischen Spielen in London im August 2012 wurde die Crowd-Sensing-Technik in die offizielle Olympia-App integriert.

Ein ganz wichtiger Punkt bei so einem Projekt sei der Datenschutz, sagt Franke. Darauf hätten sie bei der Entwicklung besonderen Wert gelegt. Sogar eine eigene Ethikkommission sei dafür eingerichtet worden. So werde das System nur aktiviert, wenn eine Veranstaltung stattfinde, und das auch nur in dem entsprechenden Gebiet. Dann funktioniert es wie folgt: Der Nutzer wird dann über die App darüber informiert, dass und welche Daten erhoben werden. Er muss dem explizit zustimmen. Verlässt er den Umkreis der Veranstaltung, fällt er aus der Beobachtung. Außerhalb der Zeit des Ereignisses bleibt das System ohnehin abgeschaltet, es werden keine Daten erhoben. Die Positionsdaten werden zudem verschlüsselt übertragen.

Keine personenbezogenen Daten

Die Erfassung erfolgt anonym, ohne personenbezogene Daten. Einem Gerät werde eine ID dynamisch zugewiesen. Von der ID könne nicht auf das Gerät zurückgeschlossen werden. Verlässt der Nutzer die Veranstaltungszone, verfällt diese. Nicht einmal für die Kommunikation werden Daten gebraucht: Das System nutzt ein eigenes, proprietäres Benachrichtigungssystem, das die Anonymität wahrt, und nicht SMS - um einem Empfänger eine SMS zu schicken, müsse dessen Mobilfunknummer gespeichert sein.

Nach der Veranstaltung können die Daten ausgewertet werden, um künftige Ereignisse effizient organisieren zu können, etwa wo Absperrungen aufgestellt oder wo Wege freigemacht werden müssen. Allerdings ließen sich die Daten nicht nur für die Leitung und Handhabung der Menschen nutzen, sagt Franke: Die Auswertung zeige, welche Wege die Besucher zu einem Stadion oder einem Veranstaltungsort wählten. Entsprechend könnten dann Imbissbuden oder Werbetafeln erfolgversprechend aufgestellt werden.

Nutzerumfrage

Das System wurde unter anderem beim Wiener Stadtmarathon und bei der Lord Mayor's Show(öffnet im neuen Fenster) in London getestet und dann bei den Olympischen Spielen eingesetzt. Anschließend hätten sie eine Befragung der Nutzer durchgeführt, erzählt der DFKI-Wissenschaftler. Nach der Lord Mayor's Show hätten 80 Prozent der Nutzer angegeben, sie hätten die App nützlich gefunden. 93 Prozent sagten, sie würden den Hinweisen auch nachgehen.

Anlass für das Projekt sei das Unglück bei der Love Parade in Duisburg 2010(öffnet im neuen Fenster) gewesen, sagt Franke. Damals starben bei einer Massenpanik 21 Menschen. Die Wissenschaftler hätten ein System schaffen wollen, mit dem sich solche Ereignisse verhindern lassen, erzählt der Forscher im Gespräch mit Golem.de. Das DFKI stellt das System auf der Internationalen Funkausstellung (Ifa) in Berlin vor (Halle 11.1 Tecwatch, Stand 3).


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