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Coronavirus und Karaoke: Gesang mit Klang trotz Gesichtsvorhang

Karaokebars sind gefährliche Coronavirus -Infektionsherde. Damit den Menschen in Japan nicht ihr Hobby genommen wird, gibt es nun ein System, das auch mit Mundschutz gute Sounds produzieren soll.
/ Felix Lill
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Geht Karaoke auch mit Mundschutz? - Anzeige über einer Tokyoter Karaokebar. (Bild: Tomohiro Ohsumi/Getty Images)
Geht Karaoke auch mit Mundschutz? - Anzeige über einer Tokyoter Karaokebar. Bild: Tomohiro Ohsumi/Getty Images

Wenn in Japan jemand niest, fliegen in der Regel keine Bazillen durch die Luft. Denn wer erkältet ist, trägt aus Rücksicht einen Mundschutz. Schon im Zuge der Spanischen Grippe vor rund 100 Jahren etablierte sich diese Kultur , und dass sie bis heute hält, könnte ein Grund sein, warum Japan in der Corona-Pandemie vergleichsweise niedrige Infektionszahlen hat.

Bis jetzt zählt das Land nur rund 28.000 Covid-19-Erkrankungen – und so ermöglichte die Regierung nach der Erklärung des nationalen Ausnahmezustands im April zuletzt Schritt für Schritt die Rückkehr zum Alltagsleben. Doch seit die Nachtclubs, Discos und Karaokebars wieder geöffnet sind, erlebt das Land eine neue Infektionswelle. In Tokio, wo knapp die Hälfte aller Fälle registriert ist, wurden zuletzt wieder mehr als 300 Neuinfektionen am Tag gemeldet(öffnet im neuen Fenster) .

Ein Großteil der Verantwortung dafür fällt wohl auf eine technologische und kulturelle Errungenschaft, die seit Jahrzehnten ein erfolgreicher japanischer Kulturexport ist: das Karaokesingen. Neben Nachtclubs und Discos sind es laut einer Studie von 17 führenden Wissenschaftlern Japans(öffnet im neuen Fenster) vor allem die Karaokebars, in denen sich besonders häufig Infektionscluster bilden.

In den schlecht gelüfteten Kabinen von meist kaum acht Quadratmetern tummeln sich oft Gruppen von an die zehn Personen – und weil man durch eine Gesichtsmaske keinen sauberen Ton ins Mikrofon bringt, wird die ansonsten etablierte Höflichkeitsregel des Maskentragens beim Karaoke gern ignoriert. Noch im Juni, kurz nach der Beendigung des Ausnahmezustands und der Wiederöffnung der Bars, sagte eine Sprecherin des landesweit operierenden Karaokebarbetreibers Koshidaka: "Wir bitten jetzt alle außer der singenden Person, eine Maske zu tragen."

Nur ist das nicht genug, sagt Hitoshi Oshitani, führender Autor der Studie, der in Karaokebars ein hohes Infektionsrisiko sieht: "Wenn Menschen singen oder schreien wird ihre Aussprache feuchter und die Partikel fliegen weiter durch die Luft." Kein Wunder, dass eines der beliebtesten Hobbys des Landes über die letzten Wochen in Verruf geraten ist.

Doch mittlerweile soll es eine Lösung geben. Und wie die ganze Idee von Karaokeanlagen – in deren Datenbanken populären Songs die Gesangsstimmen entnommen und dann die Instrumentalversionen als Mididateien eingespeist werden – basiert der im Land derzeit viel diskutierte Ansatz nicht etwa auf Zurückhaltung, sondern auf Hightech, der die Hemmungslosigkeit unterstützt.

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Die Lösung heißt: Mask Effect

Ein Upgrade soll die Soundanlagen mit der Fähigkeit ausstatten, die Stimmen der singenden Personen trotz Mundschutz unverzerrt aufzunehmen. "Lasst uns Spaß beim Singen haben!" , jubelt der Soundmaschinenhersteller Joysound in einem Mitte Juli veröffentlichten Werbefilm, der die Funktion vorstellt(öffnet im neuen Fenster) .

Der Mask Effect , der in die Mikrofone integriert ist, lässt sich über ein Touchpad aktivieren, auf dem auch die zu singenden Lieder eingegeben werden. Durch das Feature(öffnet im neuen Fenster) wird die Klangsensibilität des Mikrofons erhöht und der Schalldruck verstärkt.

Ein Feature des Corona-Soundprogramms: Man muss nicht mehr so schreien

Im Gegensatz zum bloßen Hochregeln der Mikrofonlautstärke wird so der Ton klarer. Vor allem mittlere und hohe Töne profitieren davon, denn diese werden ansonsten durch das Tragen von Masken besonders verzerrt. Eine weitere Folge durch die erhöhte Sensibilität des Mikrofons, den die Hersteller hervorheben: Man müsse dann nicht mehr so schreien.

Um bei den in die handelsüblichen Karaokeprogramme eingebauten Bewertungssystemen hohe Punktzahlen zu erhalten, muss vor allem im Refrain oft laut und kräftig gesungen werden. "Das wird jetzt durch Verstärkungseffekte kompensiert," erklärte ein Sprecher von Joysound in einem Interview(öffnet im neuen Fenster) .

So fliegen weniger Partikel durch die Luft und das Infektionsrisiko sinkt. Im ganzen Land haben sich unterdessen Karaokebars, die die Anlagen von Joysound nutzen, mit dem Mask Effect ausgerüstet(öffnet im neuen Fenster) . Und zumindest die Öffentlichkeit ist zufrieden. "Neues Feature bei Karaokemaschinen gibt Sängern eine klarere Stimme," schwärmte die Japan Times Mitte Juli(öffnet im neuen Fenster) .

"Man kann jetzt mit Maske, aber ohne verzerrte Stimme singen," urteilt das Tokyo Shimbun(öffnet im neuen Fenster) . Auch auf Twitter(öffnet im neuen Fenster) ist vor allem Lob zu vernehmen.

Allerdings scheint Hightech nicht für alle Hobbysänger die Lösung zu sein. Motockney Nuquee(öffnet im neuen Fenster) , ein Bluesmusiker aus Tokio, hat die neue Funktion ausprobiert und fühlt sich um den Spaß gebracht. "Mit Maske zu singen, ist kein richtiges Karaoke mehr," findet er. "Karaoke dient doch auch dem Stressabbau. Und damit es richtig wirkt, muss man laut schreien. Ich will kein Mikrofon, das mein Schreien unnötig macht. Und ich will auch nicht mit Maske singen. Dass man den Gesichtsausdruck sieht, gehört doch zum ganzen Erlebnis dazu."

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Nuquee sagt, er wolle die Funktion nicht weiter benutzen. Und sollte sie zur Pflicht werden, gehe er lieber in keine Karaokebar mehr. Dabei gibt es schon alternative Lösungsansätze, allerdings kaum hochtechnologischer Natur. Der Karaokebarbetreiber Manekineko hat rund um die Mikrofone ein Schutzschild aus Plastik gebaut, das Tröpfchen, die das Singen begleiten, auffangen soll(öffnet im neuen Fenster) .

Auf jedes Mikrofon selbst ist dabei eine Schutzschicht installiert, die möglichst häufig ausgetauscht werden soll. Die kompromissloseren Hobbysänger werden wohl auch damit unglücklich sein. Aber immerhin scheint das Infektionsrisiko reduziert.


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