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Corona-Pandemie: Digitalisierung mehr als ein "elektrifizierter Aktengang"

rC3
Durch die Coronavirus -Pandemie mussten sich die Gesundheitsämter zwangsläufig stärker digitalisieren. Welche Lehren lassen sich daraus ableiten?
/ Friedhelm Greis
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Sehr unterschiedliche Ansätze zur Lösung ähnlicher Probleme: die CWA und die Luca-App (Bild: Friedhelm Greis/Golem.de)
Sehr unterschiedliche Ansätze zur Lösung ähnlicher Probleme: die CWA und die Luca-App Bild: Friedhelm Greis/Golem.de

Die Digitalisierung der Verwaltung sollte sich nicht darauf beschränken, analoge Abläufe in Behörden zu "elektrifizieren" . Diese sowie neun weitere Erkenntnisse hat die Software-Entwicklerin Bianca Kastl aus ihrer Zusammenarbeit mit Gesundheitsämtern in der Corona-Pandemie gewonnen und auf dem virtuellen Treffen des Chaos Computer Clubs (CCC) am Montag präsentiert(öffnet im neuen Fenster) . Werkzeuge wie die Luca-App zur Kontaktnachverfolgung hätten sich dabei als "fachlich ungeeignet" erwiesen.

Kastl hatte ihre Erfahrungen mit dem Gesundheitsamt Bodenseekreis bereits in einem Fachgespräch des Bundestags-Digitalausschusses im Frühjahr dieses Jahres erläutert . In ihrem Vortrag auf dem rC3 widmete sie sich jedoch grundsätzlicher der Frage, wie sich eine Pandemie mit digitalen Werkzeugen besser bewältigen lässt.

Zettelwirtschaft abschaffen

Aus Sicht der Gesundheitsbehörden spielt die Digitalisierung vor allem bei der Kontaktnachverfolgung von Infizierten sowie bei der Erfassung und Übermittlung von Infektionen eine wichtige Rolle. Dazu wurden in den vergangenen beiden Jahren verschiedene Software-Programme eingesetzt, die wie im Falle der Corona-Warn-App oder der Luca-App komplett neu entwickelt wurden.

Die Aufgabe von Kastl bestand konkret unter anderem darin, "die Zettelwirtschaft im Gesundheitsamt abzuschaffen" . Dazu gehörte es beispielsweise, die Software so anzupassen, dass auch einzelne Mutationen des Coronavirus erfasst oder Kontaktpersonen einfacher einem einzelnen Haushalt zugeordnet werden konnten. Ebenfalls sollten alle beteiligten Behörden in einem Landkreis, etwa Gesundheitsamt, Ordnungsamt und Gemeinden, über eine einzige Plattform eingebunden werden.

Prozesse mit vielen Fallstricken

Dabei zeigte sich nach Ansicht von Kastl, dass mit der Verwaltung "agiles Arbeiten" funktionieren könne. Auch eine software-bezogene Kommunikation über Gitlab sei erfolgreich möglich gewesen.

Allerdings habe sich beispielsweise am Beispiel der Software SurvNet gezeigt, dass diese im Grunde nur bestehende Verwaltungsstrukturen digital abbilde. Diese Software wird vom Robert-Koch-Institut (RKI) zur Verfügung gestellt(öffnet im neuen Fenster) , um Daten nach dem Infektionsschutzgesetz zu erfassen und weiterzuleiten. Der Prozess enthalte jedoch immer noch "sehr, sehr viele Fallstricke" , sagte Kastl. Die Einbindung verschiedener Behördenhierarchien auf dem Weg zum RKI verzögere die Weiterleitung der Infektionsdaten. Daran ändere auch die Nutzung von neuer Software wie Sormas nichts.

"Das ginge auch wesentlich effizienter, schneller" , sagte Kastl. Der "digital nachgebaute Aktenlauf" führe auch dazu, dass die Meldeketten nur einmal am Tag aktuell würden und manuell gestartet werden müssten. "Nach außen wirkt das so, als wäre es digital, es ist aber eigentlich nur elektrifizierter Aktengang von einer zur nächsten Behörde" , kritisierte die Projektmanagerin.

Dass "Digital Saviors" allein keine Probleme lösen könnten, habe sich am Beispiel der Luca-App gezeigt.

Luca-App gibt "Illusion von Kontrolle"

Die Luca-App habe den Prozess der Kontaktnachverfolgung im Grunde nicht digitalisiert, sondern nur versucht, die Vorgaben der Corona-Verordnungen bestmöglich zu digitalisieren. Das sei aber den Gesundheitsämtern entgegen gekommen. Denn durch das Konzept der Luca-App hätten diese "die Illusion von Kontrolle" über den Prozess behalten.

Eine weitere Erkenntnis Kastls lautet hingegen: "Konsequente Digitalisierung verändert die Zuständigkeiten teils völlig. Sie gibt etablierten Strukturen vielleicht sogar das Gefühl, keine Kontrolle mehr über den Prozess zu haben." Das sei beispielsweise bei der Corona-Warn-App der Fall, bei der die Warnung vor möglichen Risikokontakten nur von den einzelnen Benutzern abhängt.

Erst Infrastrukturen und APIs schaffen

Manche der Erkenntnisse Kastls mögen auf den ersten Blick trivial erscheinen, werden jedoch längst nicht immer beachtet. So empfiehlt die Software-Entwicklerin, zuerst in Infrastrukturen und APIs und anschließend erst in Anwendungen zu denken. Ein Beispiel dafür sei das Konzept von Iris Connect, das solche Schnittstellen für Gesundheitsämter bereitstellen soll. Dieses löse ein "Basisinfrastrukturproblem" und könne nicht nur für digitale Gästelisten, sondern später auch für andere Anwendungen genutzt werden.

Am Beispiel der Luca-App sei zudem deutlich geworden, dass Kryptografie allein keine Sicherheitsprobleme löse. Dabei verweist Kastl auf die bekanntgewordenen Probleme durch eine mögliche CSV-Injection oder die Schlüsselanhänger .

Abschließend räumte Kastl ein, dass "in dieser Pandemie bis auf ein paar Ausnahmen relativ viel Frust auf Digitalisierung" entstanden sei. Jedoch habe die Pandemie "im Kleinen durchaus gezeigt, dass es möglich ist, sinnvoll digitale Lösungen zu entwickeln - auch in Gesundheitsämtern" . Als Beispiele nannte sie neben Iris Connect noch das Konzept von Kiebitz(öffnet im neuen Fenster) , der technischen Basis hinter der Webseite sofort-impfen.de. Es sei daher nicht alles schlecht, "aber es gibt viel zu tun" .


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