Corona-Apps: Weitreichende Überwachung, wenig Wirkung

Mit Apps und Gesichtserkennung wollen Staaten das Coronavirus eindämmen. Eine Studie weckt Zweifel am Nutzen der Technik und warnt vor den Folgen.

Artikel von Lisa Hegemann/Zeit Online veröffentlicht am
Die deutsche Corona-Warn-App richtet zumindest keinen Schaden an.
Die deutsche Corona-Warn-App richtet zumindest keinen Schaden an. (Bild: Martin Wolf/Golem.de)

Es ist schon absurd, mit welchen Ideen manche Staaten in Corona-Zeiten aufwarten. Im Königreich Bahrain zum Beispiel sollen sich Menschen, die die staatliche Contact-Tracing-App BeAware Bahrain herunterladen, mit ihrer nationalen Identifikationsnummer registrieren und zustimmen, dass der Standort auf ihrem Handy verwendet werden darf. Damit könnten die Wege jeder Person genau nachverfolgt werden, schreiben die Autoren des Reports Automated Decision-Making Systems in the Covid-19 Pandemic: A European Perspective, der von der gemeinnützigen Organisation AlgorithmWatch und der Bertelsmann Stiftung erstellt wurde. Amnesty International bezeichnete die App passend als "höchst invasives Überwachungswerkzeug".

Inhalt:
  1. Corona-Apps: Weitreichende Überwachung, wenig Wirkung
  2. Auch Deutschland als positives Beispiel

Damit aber nicht genug: Bahrains App wurde dem Report zufolge auch als Grundlage für eine Fernsehsendung namens Are you at home? - Sind Sie zu Hause? - verwendet. Der Inhalt: Über die Kontaktdaten aus der App rief man wahllos Menschen an und prüfte während des Ramadans, ob sie zu Hause waren - ob sie wollten oder nicht. Wer brav zu Hause geblieben war, erhielt einen Preis. Erst später änderte man die App dahingehend, dass jeder und jede über die Teilnahme selbst bestimmen konnte. Überwachung als Unterhaltungsprogramm.

Das Beispiel Bahrain mag ein Extremfall sein. Doch durch die Corona-Krise sind Technologien, die in die Privatsphäre von Menschen eingreifen, in vielen Ländern alltäglich geworden - teils auch in der Europäischen Union. Die vielleicht überraschendste Erkenntnis des nun veröffentlichten Reports: Einige der untersuchten Technologien werden auch innerhalb der EU verwendet, obwohl ihr Nutzen zweifelhaft ist. Für den Report wurden unter anderem Zeitungsbeiträge, wissenschaftliche Studien und Regierungsinformationen ausgewertet.

Blindes Vertrauen in Technologie

Grundsätzlich ist der technische Aktionismus vieler Staaten nachvollziehbar: Als sich im Frühjahr das Coronavirus Sars-CoV-2 in der ganzen Welt ausbreitete, war noch wenig über den Erreger bekannt, einen erprobten Impfstoff gibt es bis heute nicht. Viele Länder verhängten zunächst Ausgangs- und Kontaktsperren, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Einen neuerlichen Lockdown hätten Politik und Wissenschaft für die Zukunft verhindern wollen, heißt es in dem Report: Man habe "intelligente" Lösungen gesucht, um Virusträgerinnen und Virusträger schnell aufzuspüren und ihre Kontakte in den jeweils vergangenen zwei Wochen zuverlässig zu rekonstruieren.

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Dieses blinde Grundvertrauen in Technologie beschreiben die Studienautorinnen und -autoren als Technological Solutionism. Den Begriff hat der Publizist Evgeny Morozov geprägt, er beschreibt damit den Glauben, dass es für jedes gesellschaftliche Problem eine technische Lösung gibt. Dabei können solche technischen Systeme genauso in Grundrechte eingreifen wie auch eine Kontaktsperre - ohne, dass die Wirkung der digitalen Hilfsmittel wirklich sicher wäre. "Man opfert Grundrechte und weiß nicht, was man dafür bekommt", sagte der Studienverantwortliche Fabio Chiusi im Gespräch mit Zeit Online.

Die Europäische Union und die Weltgesundheitsorganisation haben früh dafür geworben, solche digitalen Systeme nur unter Berücksichtigung von Grundrechten wie der Privatsphäre einzusetzen. Weiter hieß es, eine Freiwilligkeit müsse vorausgesetzt werden.

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Auch Deutschland als positives Beispiel 
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jfolz 05. Sep 2020

Thumbnail mit CWA ist Clickbait, aber der Inhalt stimmt schon. Die CWA wird im Prinzip ja...

jankapunkt 04. Sep 2020

Die Praxis offenbart auch, welchen Stellenwert Privatsphäre und Datenschutz bei Behörden...

bombinho 03. Sep 2020

Soweit ich das ueberblicke, sind bisher ausschliesslich Faelle bekannt, wo...

davidcl0nel 03. Sep 2020

Nein? Man muß es überhaupt nicht erst aktivieren. OptIn ist das, nicht OptOut. Großer...



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