Computerspielpreis: "Verkaufs- und Spielerzahlen sind kein Kriterium"

Der Deutsche Computerspielpreis ist umstritten - dabei geht es für die Entwickler um viel Geld. Journalistin Fröhlich hat Golem.de erzählt, wie sie als Mitglied der Jury aus 272 eingereichten Games die zehn Gewinner mit auswählt.

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Die Journalistin Petra Fröhlich ist Mitglied der Jury des Deutschen Computerspielpreises.
Die Journalistin Petra Fröhlich ist Mitglied der Jury des Deutschen Computerspielpreises. (Bild: Petra Fröhlich)

In der deutschen Spieleszene ist Petra Fröhlich bekannter als viele der Spiele, über die sie schreibt. Die langjährige Chefredakteurin von PC Games berichtet auf ihrer eigenen Webseite Gameswirtschaft.de über die Branche.

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Außerdem engagiert sie sich in der Spieleindustrie, unter anderem in der Jury des Deutschen Computerspielpreises, der am 9. April 2019 in Berlin verliehen wird. Golem.de hat mit ihr über die Arbeit der Jury und die Aussichten für die deutsche Spielebranche gesprochen.

Golem.de: Wie kann ich mir als Spieler die Arbeit der Jury praktisch vorstellen? Immerhin wurden diesmal 272 Spiele eingereicht - bekommen Sie vor den Sitzungen einen dicken Stapel mit Games zugeschickt und spielen dann so viele wie möglich durch? Selbst ein Profi dürfte das kaum schaffen.

Petra Fröhlich: Die Juroren werden im Vorfeld mit Download- und Appstore-Codes, Trailern und Unterlagen versorgt. Natürlich verfügt nicht jeder Experte über sämtliche Konsolen, Smartphones und VR-Systeme. Deshalb kann man diese Spiele bei der Fachjury-Sitzung und bei separaten Anspielterminen testen.

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Extrem hilfreich ist die Unterstützung durch die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK). Jede Fachjury wird von einem USK-Sichter beraten, der die eingereichten Titel sehr gut kennt. Oft stimmen sich auch die Juroren im Vorfeld ab, wer sich einzelne Titel genauer anguckt - es gibt also eine Arbeitsteilung.

Golem.de: Wie verläuft die weitere Meinungsbildung nach dem Anspielen?

Fröhlich: Der Jury-Prozess besteht aus zwei Phasen: Zunächst bewerten jeweils vierköpfige Fachjurys ausschließlich die Einreichungen in ihrer zugeordneten Kategorie - Gamedesign, Jugendspiel, Inszenierung und so weiter. Bei zwölf Kategorien kann man sich leicht ausrechnen, dass die Liste der Spiele definitiv beherrschbar ist.

Wie viele Titel auf die jeweilige Fachjury zukommen, hängt vom Jahrgang und von der Kategorie ab. Weil am Ende ja nur drei Nominierungen benötigt werden, kann man als geübter Juror schon im Vorfeld relativ schnell gedanklich alle Titel aussortieren, die keine realistische Chance haben.

Die 35-köpfige Hauptjury, die einige Wochen später tagt und für die Vergabe der Preisgelder zuständig ist, beschäftigt sich ohnehin ausschließlich mit den Nominierungen. Bei den Sitzungen der Hauptjury sind immer zwei Mitglieder der jeweiligen Fachjury vor Ort, die erklären, warum die Wahl ausgerechnet auf diese drei Titel gefallen ist. Häufig gibt es dann Nachfragen von den restlichen Juroren - man sollte sich also möglichst gut auf diesen Tag vorbereiten.

Golem.de: Es fällt schon auf, dass die Nominierten in der Hauptkategorie "Bestes Deutsches Spiel" in der breiteren Öffentlichkeit wenig bekannt sind. Spielt so etwas wie Popularität eine Rolle in den Diskussionen?

Fröhlich: Natürlich schaut man sich an, wie ein Spiel angekommen ist - was wird in Foren diskutiert, was sagt die Presse und so weiter. Verkaufs- und Spielerzahlen sind aber kein Kriterium.

Richtig ist, dass in diesem Jahr die ganz großen Namen fehlen. Auch die Zahl der Titel ist im Vergleich zum Vorjahr deutlich zurückgegangen - was auch an der einen oder anderen Release-Verschiebung lag.

Aber tatsächlich gibt es pro Jahr gar nicht mal so viele große Spiele Made in Germany, die einer breiteren Öffentlichkeit bekannt sind. Manchmal werden Titel auch gar nicht erst eingereicht und stehen daher nicht zur Wahl.

Zu bedenken ist außerdem, dass es sich - analog zum Oscar - um einen Jury-Preis handelt. Da gewinnt dann halt nicht The Avengers oder Jurassic World, sondern Twelve Years A Slave oder Shape of Water. Bei einer reinen Publikumswahl hätten Vorjahressieger wie Portal Knights oder Witch It keine Chance gehabt.

Golem.de: Wie war die Stimmung in der Jury? War man insgesamt mit der Qualität der eingereichten Spiele zufrieden?

Fröhlich: Ablauf und Inhalt der Debatten unterliegen der Geheimhaltung. Grundsätzlich kann man aber sagen, dass sowohl in der Fach- als auch in der Hauptjury immer sehr, sehr intensiv und leidenschaftlich diskutiert wird.

Das liegt auch an der bunten Zusammensetzung der Jurys. Ich war jetzt im elften Jahr dabei und bin immer wieder fasziniert, welch unterschiedliche Sichtweisen es auf einzelne Spiele gibt. Entwickler und Marketingleute beurteilen ein Spiel natürlich anders als ein Uni-Professor, ein Journalist, ein Youtuber oder ein Politiker. Insbesondere in der Hauptjury sitzen nicht nur "Fachidioten", die sich von Berufs wegen mit Spielen auseinandersetzen.

Golem.de: Gab es bei den eingereichten Spielen - die wir ja nicht direkt kennen - eigentlich einen Trend zu erkennen, woran deutsche Entwickler derzeit arbeiten?

Fröhlich: Die Einreichungen sind ein ziemlich exaktes Spiegelbild dessen, was in Deutschland entwickelt wird. So gibt es kaum noch neue Browsergames, auch bei den VR-Projekten hat es eine Konsolidierung gegeben. Ansonsten ist die Bandbreite gewaltig, vom Mobile Game über Switch-Spiele bis hin zu Escape Rooms.

Golem.de: Wenn Sie deutschen Entwicklern einen Rat geben könnten, welche Stärke sie am besten ausbauen sollten: Was wäre das?

Fröhlich: Es gibt viele Nischentitel, von denen die meisten Spieler vermutlich noch nie gehört haben, die aber irrsinnige Spielerzahlen in aller Welt haben und Millionenumsätze einfahren. Diese Projekte sind meist entstanden, weil die Gründer selbst Spaß an dieser Art Spiel hatten - und dann feststellten, dass es Tausende gibt, die das ähnlich sehen. Das ist grundsätzlich ein kluger Ansatz.

Golem.de: Was glauben Sie: Ist die deutsche Entwicklerszene mit den beschlossenen Fördermaßnahmen auf dem richtigen Weg? Ab wann gibt es den Deutschen Computerspielpreis für Spiele, die auf dem Niveau internationaler Großproduktionen sind?

Fröhlich: International vorzeigbare und erfolgreiche Preisträger gab es in der Vergangenheit durchaus, siehe Lords of the Fallen, Crysis 2, Portal Knights oder Anno 2205. Aber klar ist auch: Selbst der Industrieverband Game räumt ein, dass deutsche PC- und Konsolen-Spiele international kaum eine Rolle spielen. Bei den Mobile- und Online-Games ist die Situation etwas besser.

Ich bin mir auch gar nicht so sicher, ob wir jemals in die Situation kommen oder kommen müssen, ein Red Dead Redemption 2 oder Spider-Man oder Forza Horizon 4 in Deutschland zu entwickeln.

Sicher ist aber eines: Quantität und Qualität deutscher Spiele werden durch die 50-Millionen-Euro-Subvention des Bundes zwangsläufig steigen. In welchem Maße und mit welcher Nachhaltigkeit, das werden wir frühestens Ende 2020, wahrscheinlich aber erst 2021 oder 2022 beurteilen können.

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