Zum Hauptinhalt Zur Navigation

Computer-Historie: Das Casino verliert gegen den Computer

Drähte im Ohr, Tasten im Schuh: Der erste tragbare Computer half seinen Erfindern dabei, im Glücksspiel zu gewinnen.
/ Martin Wolf
21 Kommentare News folgen (öffnet im neuen Fenster)
Incognito im Casino: Zwei Wissenschaftler gewannen mit ihrem Bastelcomputer im Jahr 1961. (Bild: Pixabay / Montage: Golem.de)
Incognito im Casino: Zwei Wissenschaftler gewannen mit ihrem Bastelcomputer im Jahr 1961. Bild: Pixabay / Montage: Golem.de

Lange vor Smartphones, Smartwatches und Bluetooth-In-Ear-Kopfhörern fanden zwei Wissenschaftler einen praktischen Einsatzzweck für tragbare Computer: die Berechnung von Wahrscheinlichkeiten am Spieltisch im Casino.

In den 1950er Jahren gab es erst wenige universell einsetzbare Computer in den USA. Einer der ersten(öffnet im neuen Fenster) stand im Barta Building(öffnet im neuen Fenster) an der Universität Cambridge in Massachusetts. Er belegte dort über 230 Quadratmeter und benötigte so viel Energie wie 30 Familien in ihrem täglichen Leben damals.

Etwas kleiner und stromsparender war der IBM 704, der ebenfalls dort stand – er kam mit einem einzigen Raum aus und hatte noch einen weiteren Vorteil: Er war dank seiner Hochsprache Fortran(öffnet im neuen Fenster) wesentlich einfacher zu programmieren.

So saß im Jahr 1959 der frisch aus dem Mathematikstudium promovierte Mittzwanziger Edward Oakley Thorp(öffnet im neuen Fenster) vor dem Rechner und stellte fest, dass der Computer perfekt für seine Leidenschaft für Wahrscheinlichkeitsrechnung geeignet war.

Er lernte die Programmiersprache und konnte bald eine Theorie in Formeln gießen, über die er einige Jahre zuvor gestolpert war. Sie diente der Gewinnmaximierung beim Wetten. Thorp war zwar eigentlich kein Spieler, aber ihn faszinierte seither die Idee, dass auch scheinbar zufällige Systeme wie Roulette einer geheimen Gesetzmäßigkeit folgen. Mit einem Computer könnte man ebensolche Muster erkennen und damit den Verlauf des Spiels voraussagen.

Siebzehn und vier

Zunächst beschäftigte er sich allerdings mit einem Kartenspiel. Über Black Jack(öffnet im neuen Fenster) gab es in den 1950er Jahren bereits wissenschaftliche Publikationen(öffnet im neuen Fenster) , die Thorp eingehend studiert hatte. Mit dem Computer gelang es ihm, eine ziemlich genaue Prognose abzugeben. Seine Freude über diesen Erfolg wurde schnell von Befürchtungen über Plagiate und vor allem den rechtlich bedenklichen Einsatz dieser Methoden überschattet.

Er beschloss, seine Ergebnisse schnellstmöglich zu veröffentlichen, um nicht in Schwierigkeiten zu geraten. Für eine Publikation in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America benötigte er jedoch einen Fürsprecher aus den Reihen der Akademie. Davon gab es am MIT exakt einen: den Mathematiker Claude Shannon(öffnet im neuen Fenster) .

Er machte einen Termin mit dessen Sekretärin, um vorzusprechen. Sie warnte ihn vorab, dass Shannon wohl nur wenige Minuten erübrigen könnte. Außerdem solle er sich keine Illusionen machen, dass der zu diesem Zeitpunkt schon außerordentlich berühmte Mann sich über diesen Zeitraum hinaus mit ihm oder seinem Thema beschäftigen würde, wenn er es nicht für interessant genug hielt.

Das Spiel beginnt

An einem kalten Novembernachmittag des Jahres 1959 stand Thorp mit einem klammen Gefühl vor Shannons Bürotür. Dieser zeigte sich wider Erwarten recht aufgeschlossen und gab dem jungen Wissenschaftler unter anderem den Hinweis, den Titel der Arbeit von Eine Gewinnstrategie für Blackjack zu Eine günstige Strategie für Einundzwanzig zu ändern, was durch den aus dem französischen entlehnten Namen(öffnet im neuen Fenster) des Spiels gleich viel respektabler klang. Schnell war man sich einig, dass Thorp den Text an Shannon schicken und er ihn an die Akademie weiterleiten würde.

Beiläufig fragte Shannon am Ende des Gesprächs: "Arbeiten Sie an weiteren Themen im Glücksspielbereich?"

Thorp holte innerlich tief Luft und begann dann damit, Shannon alles über seine bis dato geheim gehaltenen Ideen zu Roulette zu erzählen: Wenn man es schlau anstellte, könnte man alles ab dem Einwurf der Kugel innerhalb von Sekunden mit einem Computer berechnen und dann schnell seinen Einsatz abgeben, bevor der Croupier die Worte "Rien ne va plus" aussprach.

Es war bereits fast dunkel, als die beiden sich nach etlichen Stunden trennten, natürlich nicht ohne sich zuvor für eine weitere Beratung des Themas verabredet zu haben.

So begann die Geschichte des ersten tragbaren Computers, deren Verlauf allerdings bis 1966 niemand außer den beiden Wissenschaftlern selbst wissen durfte.

Es stellte sich zu Thorps großer Überraschung heraus, dass der 16 Jahre ältere Shannon ein begeisterter Sammler von allerlei elektronischen, elektrischen und mechanischen Gerätschaften war. Der Keller seines Entropy House(öffnet im neuen Fenster) genannten Anwesens war voll mit Dingen, von denen Thorp schon als kleiner Junge geträumt hatte.

Die beiden Tüftler bestellten sich ein echtes Roulette für etliche Tausend Dollar, statteten den Billardraum mit Kameras und Blitzlichtern aus und begannen mit ihren Forschungen.

Höhere Mathematik für Spaß und Profit

Shannon war im Übrigen nicht nur durch seine wissenschaftlichen Tätigkeiten zu Geld gekommen – er hatte dank seines analytischen Verstandes auch ein Händchen für den Aktienhandel. Thorp schrieb später, dass er eines Tages die Zahlen 2 11 = 2.048 auf einer Tafel vorfand. Danach befragt eröffnete ihm Shannon, dass er Börsengänge von vielversprechenden Unternehmen verfolgt hätte und derzeit den Gewinn aus seinem Einsatz monatlich verdopple.

Thorp beschrieb auch, wie sehr ihn Shannons Herangehensweise an Probleme beeindruckte. Er schien eher in Ideen als in Worten oder Formeln zu denken. Thorp fand, dass Shannon seine Lösungen wie ein Bildhauer aus einem Block herausarbeitete und sich so über immer neue Arbeitshypothesen eine Grundlage erschuf, die er dann weiter verfeinerte.

Die beiden Männer hatten neben ihren Rouletteexperimenten auch jede Menge Spaß: Sie jonglierten und fuhren Einrad, Shannon konnte irgendwann sogar beides gleichzeitig. An einem Tag konnten die Anwohner des Sees hinter dem Haus einen Mann über das Wasser laufen sehen. Thorp war in ein paar übergroße Bojen-Schuhe geschlüpft, die Shannon gebaut hatte, und war damit auf dem passenderweise als Mystic Lake bekannten Gewässer unterwegs.

Die meiste Zeit verbrachten sie jedoch damit, die Interaktionen zwischen Kugel, Rotor und Hindernissen des Roulettetisches bis ins kleinste Detail zu analysieren. Es stellte sich bald heraus, dass einige ihrer Grundannahmen falsch waren.

Schnelle Reflexe und ein gutes Auge

Auf den ersten Blick schien beispielsweise der äußere Ring, in dem sich die Kugel nach dem Einwurf befand, waagerecht zu sein. In Wirklichkeit gab es jedoch mitunter eine beträchtliche Neigung. Das verkomplizierte die Berechnungen selbst dann, wenn die rhombenförmigen Hindernisse außer Acht gelassen wurden.

Beim Aufbau ihres Experimentes konnten sie zudem nicht auf automatisierte Vorrichtungen zum exakten Auslösen von Vorgängen zurückgreifen – die Technik war schlicht noch nicht weit genug. So drückten sie händisch Tausende Male einen Schalter, um die Bewegungsabläufe zeitlich zu erfassen.

Die einzige visuelle Rückmeldung bestand aus dem zeitgleich ausgelösten Blitzlicht, das ihnen zeigte, wo sich der Ball beim zweiten Druck auf den Taster befand. So verbesserten sie ihr Muskelgedächtnis und ihre Reflexe.

Weil sie im Casino später natürlich unmöglich mit einem Knopf in der Hand am Tisch sitzen konnten, trainierten sie das Auslösen mit den Füßen. Präparierte Schuhe mit Tastern an den großen Zehen würden die Signale an den Computer schicken. Das einzige Problem daran: Es gab diesen Computer nicht.

Im Jahr 1960 war gerade die Transistorisierung von Rechnern angelaufen, aber selbst Tischrechenmaschinen verzichteten auf die teuren Bauteile. Der erste Taschenrechner(öffnet im neuen Fenster) war noch sieben Jahre entfernt.

So musste Shannons und Thorps tragbarer Computer mit lediglich zwölf Transistoren auskommen, war dafür aber auch nur so groß wie eine Packung Zigaretten. Er konnte nicht sonderlich viel: Beim Auslösen der Taste spielte er eine achtstufige Tonleiter ab.

Sie änderte ihr Tempo beim zweiten Druck auf den Taster und passte sich so der Geschwindigkeit der Kugel an. Die letzte gespielte Note repräsentierte das Achtel des Kreises, in dem die Kugel voraussichtlich landen würde.

Die Übermittlung der Töne erfolgte an einen Funkempfänger und über ein hauchdünnes Kabel direkt zu einem Kopfhörer im Ohr des Spielers.

Erste Tests verliefen vielversprechend. Sie setzten fiktive Beträge auf ihrem improvisierten Tisch und schafften es innerhalb einer Stunde mit Einsätzen von jeweils 25 Dollar, 8.000 Dollar zu "gewinnen". Damit hatten sie ihre Chancen um über 40 Prozent erhöht, was mehr als ausreichte, um sie von der Machbarkeit der Idee zu überzeugen.

Ein Familienausflug nach Nevada

Im Juni 1961 trafen sich die beiden mit ihren Ehefrauen in Las Vegas und schritten zur Tat.

Während einer der Männer am Tisch sitzend für die Einsätze zuständig war, lauerte der andere hinter ihm stehend und löste die Tastenfolgen aus. Damit es unauffälliger aussah, hatte er einen Klemmblock in der Hand und tat so, als würde er ein System ausknobeln. Das war zu dieser Zeit in den Casinos tatsächlich üblich – aber wie die meisten mathematisch bewanderten Spieler wussten, komplett sinnlos.

Die beiden Ehefrauen waren eingeweiht und spähten die Umgebung aus. Sie sollten Alarm schlagen, wenn sie meinten, dass jemand Verdacht schöpfte oder die beiden Männer sich zu auffällig verhielten. Obwohl mindestens eine Spielerin sich erschreckt von Thorp entfernte, als sie einen Draht aus seinem Ohr herausragen sah, war ihre Tarnung überhaupt kein Problem.

Die Technik hingegen stellte sich als überaus anfällig heraus.

Wenn der Computer funktionierte, verwandelte er eine kleine Menge Jetons schnell in ein größeren Haufen. Es gab jedoch eine Schwachstelle: Die Verkabelung mit den Stahldrähten neigte dazu, sich zu lösen und zu brechen.

Etliche Male mussten die vier vom Tisch verschwinden, in ihr Zimmer hasten und dort Reparaturen vornehmen. Thorp lötete jedes Mal eine neue Stelle der filigranen Drähte zusammen.

Das Geheimnis blieb lange gewahrt

Nach einigen Stunden verloren sie die Lust und erklärten ihr Experiment als gelungen. Sie würden darauf verzichten, weitere Anläufe zu unternehmen, schon allein deshalb, weil die Casinos jederzeit die Regeln ändern konnten. Sobald das Setzen nach dem Wurf der Kugel verboten worden wäre, hätten sie keine Chance mehr gehabt. Sie genossen die restliche Zeit in Las Vegas und kehrten danach in ihr normales Leben zurück, ohne jemandem davon zu erzählen.

1962 schrieb Edward O. Thorp ein populärwissenschaftliches Buch(öffnet im neuen Fenster) mit dem Titel Beat the Dealer, in dem er seine Blackjack-Tricks zum Kartenzählen offenlegte. Es wurde zum Bestseller und sämtliche Casinos in Las Vegas änderten ihre Regeln, um dem Haus wieder einen Vorteil zu verschaffen.

Der Ausflug und die Geschichte des tragbaren Computers blieben bis 1966 geheim. Dann erwähnte Thorp das Gerät in der zweiten Auflage seines Buches, ohne jedoch auf Details einzugehen.

Tragbare Computer im heutigen Sinne würden erst zwei Jahrzehnte später auf den Markt kommen. Im Jahr 1985 verbot der Bundesstaat Nevada den Einsatz solcher Geräte in Casinos per Gesetz(öffnet im neuen Fenster) .

Quellen: Die Erinnerungen von Edward O. Thorp The Invention of the First Wearable Computer(öffnet im neuen Fenster) und der UCI-Libraries-Ausstellungskatalog Finding the Edge – The Work and Insights of Edward O. Thorp(öffnet im neuen Fenster)


Relevante Themen