Code-Genossenschaften: Mitbestimmung und Einheitsgehalt statt Frust im Hamsterrad

Programmieren ohne Chef, das klingt für Angestellte wie ein Traum. Kleine Unternehmen wagen eine hierarchiefreie Graswurzelrevolution.

Ein Bericht von Daniel Ziegener veröffentlicht am
Dem Team von Ctrl.Alt.Coop ist Zusammenhalt wichtiger als ein überdurchschnittliches Gehalt.
Dem Team von Ctrl.Alt.Coop ist Zusammenhalt wichtiger als ein überdurchschnittliches Gehalt. (Bild: Ctrl.Alt.Coop)

Vermutlich haben alle Angestellten schon einmal über Vorgesetzte geflucht und sich gewünscht, gar keine zu haben. Im schlimmsten Fall steht der Vorgesetzte für intransparente Entscheidungen und starre Hierarchien statt klarer Führung. Das fanden die Gründer der Berliner Softwareagentur Ctrl.Alt.Coop. Sie wollen mit ihrem eigenen Unternehmen beweisen, dass es auch anders geht: Bei ihnen entscheiden die Mitarbeiter alles selbst.

Inhalt:
  1. Code-Genossenschaften: Mitbestimmung und Einheitsgehalt statt Frust im Hamsterrad
  2. Wie trifft man Entscheidungen ohne Chef?
  3. Eigenverantwortung treibt mehr an als ein Chef

2018 hatten die beiden Softwareentwickler Jonatan Zint und Felix Höffken genug vom Angestelltenverhältnis. Zusammen gründeten sie Ctrl.Alt.Coop nicht als hippes Start-up, sondern als eingetragene Genossenschaft. "Das war schon von Anfang an ideologisch manifestiert", sagt Zint. Genossenschaft klingt nach trockenem Bürokratiedeutsch, heißt praktisch: "Die Firma soll uns nicht gehören, sondern denen, die hier in dieser Firma arbeiten."

Seitdem sind sie auf 13 Mitglieder angewachsen, haben größere Projekte wie die Android-App der Tageszeitung taz entwickelt. Chefs gibt es keine, Entscheidungen werden basisdemokratisch getroffen und das Gehalt ist für alle Angestellten gleich. Das liegt zwar weit unter dem Branchendurchschnitt für Softwareentwickler, hat die Personalsuche bislang aber nicht gehemmt. Das alternative Modell scheint gefragten Fachkräften andere Reize zu bieten.

Eine Alternative zum Angestelltenfrust

Als eine der ersten Mitarbeiterinnen stößt Lyudmila Vaseva dazu. "Ich war von meinem vorherigen Job aus verschiedenen Gründen gefrustet", besonders aber von intransparenten Entscheidungen der Geschäftsführung, die ihr nicht nachvollziehbar gemacht werden konnten, erzählt sie. "Man fühlt sich überhaupt nicht ernst genommen mit dem, was ich als IT-Person sage."

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Zint und Höffken wollen sich nicht einfach nur selbstständig, sondern auch alles anders machen. "Bei mir machte sich Frust breit, weil die verschiedenen Hierarchieebenen über mir in meinen Augen schlechte Entscheidungen getroffen haben", erzählt Zint im Gespräch mit Golem.de über seine Erfahrungen als Angestellter. Mit Projekten, die von "seltsamen Partikularinteressen" und "maximalen Renditen" getrieben seien, konnte er sich nicht identifizieren. Das nagt an der Motivation: "Man versteht nicht, was diese Firma eigentlich zu erreichen versucht", sagt er.

Dass Vaseva bei Ctrl.Alt.Coop anheuerte, "war auch aus politischer Überzeugung heraus", sagt sie. Sie ist überzeugt, "dass das eine sinnvolle Sache ist und mehr Leute so ein Arbeitsplatz, den sie selber mitgestalten, haben wollen." Eine Überzeugung, die bislang bestätigt wurde. Verlassen habe das Team bisher nur ein Entwickler und das wegen einem Umzug raus aus Berlin. "Viele kommen schon, weil sie den kollektiven Gedanken als solches cool finden", sagt Vaseva.

Entschädigt Mitbestimmung für Einheitsgehälter?

Das aktuelle Einheitsgehalt liegt bei 45.000 Euro brutto im Jahr. "Viele Leute, die einfach nur den nächsten IT-Job suchen, landen gar nicht bei uns", gibt Vaseva zu. "Da kriegt man dann doch woanders ein besseres Gehalt." Laut einer Studie von Compensation Partners zum Jahr 2021 verdienen Mobile- und Backend-Entwickler im Schnitt mehr als 66.000 Euro. Führungskräfte verdienen sogar sechsstellige Gehälter. Solche bessergestellten Posten gibt es bei Ctrl.Alt.Coop nicht.

Da es niemanden mit klar zugewiesener Entscheidungsgewalt gibt, muss jede Entscheidung basisdemokratisch getroffen werden. Den Vorwurf, dass so ewige Diskussionen den Entscheidungsprozess hemmen, kennen auch die Kollektive. "Das ist nicht völlig aus der Luft gegriffen", gibt Zint zu. Langfristig würde sich ein kleiner Debattenprozess aber lohnen, auch ökonomisch. "Es ist ein Tausch", sagt er. "Man verliert vielleicht die schnelllebige Entscheidungskultur, aber gewinnt an anderer Stelle sehr viel Zeit und Geld."

Denn, wie Lyudmila Vaseva erklärt, "wenn man etwas zusammen entscheidet, stehen alle hinter der Entscheidung - die haben sie ja mitverbrochen. Man verliert dann nicht später Zeit, weil irgendwer von oberster Ebene etwas runterpropagieren muss und die Leute sind nicht unmotiviert und unzufrieden, weil sie die Entscheidung nicht verstehen."

Dem begegnet die Genossenschaft mit totaler Transparenz, jeder könne Einblick in die Finanzen haben - und dort genau sehen, wo das eingenommene Geld hingeht. Man sei eben kein "Tech-Start-up mit Venture-Kapital", erklärt Zint. "Wir bewegen uns in dem Milieu, wo das Geld nicht so locker sitzt", sagt er mit Blick auf die Kunden der Genossenschaft.

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Wie trifft man Entscheidungen ohne Chef? 
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amagol 11. Jul 2022 / Themenstart

Ja, oder die beruehmten $1 Gehaelter von Leuten wie Steve Jobs :)

Karchen 10. Jul 2022 / Themenstart

Ich glaube, hier liegt ein Missverständnis vor. Demokratie ist eine ständige Suche nach...

lunarix 01. Jul 2022 / Themenstart

Versucht man das nicht sowieso - möglichst lukrative Aufträge zu ergattern? Also meiner...

sigii 30. Jun 2022 / Themenstart

Sehe da ehrlich gesagt keinen Vorteil darin. Am Ende soviel Geld auf dem Tisch zu lassen...

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