Code-Genossenschaften: Mitbestimmung und Einheitsgehalt statt Frust im Hamsterrad
Vermutlich haben alle Angestellten schon einmal über Vorgesetzte geflucht und sich gewünscht, gar keine zu haben. Im schlimmsten Fall steht der Vorgesetzte für intransparente Entscheidungen und starre Hierarchien statt klarer Führung. Das fanden die Gründer der Berliner Softwareagentur Ctrl.Alt.Coop. Sie wollen mit ihrem eigenen Unternehmen beweisen, dass es auch anders geht: Bei ihnen entscheiden die Mitarbeiter alles selbst.
2018 hatten die beiden Softwareentwickler Jonatan Zint und Felix Höffken genug vom Angestelltenverhältnis. Zusammen gründeten sie Ctrl.Alt.Coop(öffnet im neuen Fenster) nicht als hippes Start-up, sondern als eingetragene Genossenschaft(öffnet im neuen Fenster) . "Das war schon von Anfang an ideologisch manifestiert" , sagt Zint. Genossenschaft klingt nach trockenem Bürokratiedeutsch, heißt praktisch: "Die Firma soll uns nicht gehören, sondern denen, die hier in dieser Firma arbeiten."
Seitdem sind sie auf 13 Mitglieder angewachsen, haben größere Projekte wie die Android-App der Tageszeitung taz(öffnet im neuen Fenster) entwickelt. Chefs gibt es keine, Entscheidungen werden basisdemokratisch getroffen und das Gehalt ist für alle Angestellten gleich. Das liegt zwar weit unter dem Branchendurchschnitt für Softwareentwickler, hat die Personalsuche bislang aber nicht gehemmt. Das alternative Modell scheint gefragten Fachkräften andere Reize zu bieten.
Eine Alternative zum Angestelltenfrust
Als eine der ersten Mitarbeiterinnen stößt Lyudmila Vaseva dazu. "Ich war von meinem vorherigen Job aus verschiedenen Gründen gefrustet" , besonders aber von intransparenten Entscheidungen der Geschäftsführung, die ihr nicht nachvollziehbar gemacht werden konnten, erzählt sie. "Man fühlt sich überhaupt nicht ernst genommen mit dem, was ich als IT-Person sage."
Zint und Höffken wollen sich nicht einfach nur selbstständig, sondern auch alles anders machen. "Bei mir machte sich Frust breit, weil die verschiedenen Hierarchieebenen über mir in meinen Augen schlechte Entscheidungen getroffen haben" , erzählt Zint im Gespräch mit Golem.de über seine Erfahrungen als Angestellter. Mit Projekten, die von "seltsamen Partikularinteressen" und "maximalen Renditen" getrieben seien, konnte er sich nicht identifizieren. Das nagt an der Motivation: "Man versteht nicht, was diese Firma eigentlich zu erreichen versucht" , sagt er.
Dass Vaseva bei Ctrl.Alt.Coop anheuerte, "war auch aus politischer Überzeugung heraus" , sagt sie. Sie ist überzeugt, "dass das eine sinnvolle Sache ist und mehr Leute so ein Arbeitsplatz, den sie selber mitgestalten, haben wollen." Eine Überzeugung, die bislang bestätigt wurde. Verlassen habe das Team bisher nur ein Entwickler und das wegen einem Umzug raus aus Berlin. "Viele kommen schon, weil sie den kollektiven Gedanken als solches cool finden" , sagt Vaseva.
Entschädigt Mitbestimmung für Einheitsgehälter?
Das aktuelle Einheitsgehalt liegt bei 45.000 Euro brutto im Jahr. "Viele Leute, die einfach nur den nächsten IT-Job suchen, landen gar nicht bei uns" , gibt Vaseva zu. "Da kriegt man dann doch woanders ein besseres Gehalt." Laut einer Studie von Compensation Partners(öffnet im neuen Fenster) zum Jahr 2021 verdienen Mobile- und Backend-Entwickler im Schnitt mehr als 66.000 Euro. Führungskräfte verdienen sogar sechsstellige Gehälter. Solche bessergestellten Posten gibt es bei Ctrl.Alt.Coop nicht.
Da es niemanden mit klar zugewiesener Entscheidungsgewalt gibt, muss jede Entscheidung basisdemokratisch getroffen werden. Den Vorwurf, dass so ewige Diskussionen den Entscheidungsprozess hemmen, kennen auch die Kollektive. "Das ist nicht völlig aus der Luft gegriffen" , gibt Zint zu. Langfristig würde sich ein kleiner Debattenprozess aber lohnen, auch ökonomisch. "Es ist ein Tausch" , sagt er. "Man verliert vielleicht die schnelllebige Entscheidungskultur, aber gewinnt an anderer Stelle sehr viel Zeit und Geld."
Denn, wie Lyudmila Vaseva erklärt, "wenn man etwas zusammen entscheidet, stehen alle hinter der Entscheidung – die haben sie ja mitverbrochen. Man verliert dann nicht später Zeit, weil irgendwer von oberster Ebene etwas runterpropagieren muss und die Leute sind nicht unmotiviert und unzufrieden, weil sie die Entscheidung nicht verstehen."
Dem begegnet die Genossenschaft mit totaler Transparenz, jeder könne Einblick in die Finanzen haben – und dort genau sehen, wo das eingenommene Geld hingeht. Man sei eben kein "Tech-Start-up mit Venture-Kapital" , erklärt Zint. "Wir bewegen uns in dem Milieu, wo das Geld nicht so locker sitzt" , sagt er mit Blick auf die Kunden der Genossenschaft.
Themen wie dieses beschäftigen jede IT-Führungskraft. Golem.de stellt im Newsletter Chefs von Devs alle zwei Wochen CTOs und ihre Arbeit vor – der kann hier kostenlos abonniert werden .
Wie trifft man Entscheidungen ohne Chef?
Während es für eine kleine Organisation wie Ctrl.Alt.Coop kein Problem darstellt, alles im Plenum, ob vor Ort oder digital aus dem Homeoffice, zu entscheiden, wäre das in größeren Firmen kaum möglich. Alle Mitarbeitenden müssten jeden Tag in Anschaffungsprozesse für WLAN-Access-Points oder das Kleinklein anderer Kundenprojekte einbezogen werden. Lösungsansätze bieten Managementmodelle wie Holokratie oder Soziokratie.
Sie versuchen, die klassischen hierarchischen Strukturen durch wechselnde, themenbezogene Circles zu ersetzen – ein Ansatz, den auch die Berliner anwenden. Diese kleineren Einheiten werden je zu einem bestimmten Zweck dauerhaft oder temporär etabliert, um Prozesse auf kleinere Personenkreise herunterzubrechen.
Die Holokratie als bekannteste Form dieser Arbeitsorganisation (und Holocracy(öffnet im neuen Fenster) als eingetragener Markenname) listet auf ihrer Webseite 222 Unternehmen, die ihrem konkreten Management-Modell folgen. Darauf finden sich auch deutsche Firmen wie der Möbelhersteller Mycs, Mercedes-Benz' E-Commerce-Tochter und die Tübinger Softwarefirma itdesign – also mitnichten nur linke Kleinunternehmer.
Vom Ehrenamt in die Selbstständigkeit
Einen ähnlichen Ansatz wie Ctrl.Alt.Coop verfolgt auch das Afeefa Kollektiv(öffnet im neuen Fenster) aus Dresden. Das mittlerweile sechs Personen große Team hat sich bei der ehrenamtlichen Arbeit an der gleichnamigen Stadt-Plattform gefunden. "Wir sind 2015 mit einem Förderprojekt gestartet und haben erst 2019 einen Wirtschaftsbetrieb gegründet" , erzählt Felix Schönfeld, eines der hauptberuflichen Mitglieder.
Web-Projekte setzen sie weiterhin um und haben sich auf die gemeinnützige Arbeit spezialisiert. Zum Angebot von Afeefa zählt deshalb auch die Beratung bei der Beantragung von Fördermitteln. Diese Projekte sind teils durchaus politisch. So entwickelte Afeefa für das Projekt chronik.LE(öffnet im neuen Fenster) , ein Archiv, das rassistische Übergriffe in der Region dokumentiert. "Unsere Vision ist die Geschäftsidee, professionelle IT bezahlbar zu machen" , so Schönfeld.
Das kleine Team ist auch aus Überzeugung bei der Sache und gewinnt genau darüber neue Kunden. "Viele empfehlen uns weiter, weil sie bei uns das kriegen, was sie woanders nicht kriegen, zumindest nicht für das Geld" , erklärt Schönfeld. Auch wenn die Arbeit des Afeefa Kollektivs nicht unbedingt günstig sei "und wir versuchen, immer teurer zu werden" , seien die Kunden froh darüber, "dass wir uns reinknien, uns mit ihrem Vorhaben identifizieren können und dafür Freude und Energie entwickeln."
Nur noch Kunden, die man wirklich haben will
Einen Kunden, für den man nur unter Bauchschmerzen arbeiten könnte, ist in beiden Firmen schwer vorstellbar. "Schlussendlich ist es so, dass jedes neue Projekt im Plenum bestätigt werden muss" , erklärt Lyudmila Vaseva den Prozess bei Ctrl.Alt.Coop, "damit alle damit einverstanden sind, dass wir dafür arbeiten."
Grundsätzlich seien unterschiedliche politische Ansichten aber kein Ausschlussprinzip, sagt zumindest Ctrl.Alt.Coop. Unter ihren Kunden seien auch "0815-Venture-Capital-Start-ups ohne ideologischen Background" . Dass zu den letzten Projekten in ihrem Portfolio taz und Linkspartei gehören, sei eher ein Zufall. Gleichzeitig seien solche Auftraggeber dem Kollektiv dann aber doch "vielleicht im Geiste ein bisschen verwandter."
Abgelehnt habe man in Berlin bislang erst einen Auftrag, auch wenn der vielleicht gutes Geld eingebracht hätte. "Da gab es so einen Anbieter, der mit sehr plumpen sexistischen Vorstellungen ein Fitness-Portal machen wollte, für muskulöse Männer und spärlich bekleidete schlanke Frauen" , erzählt Jonatan Zint. "Die waren wahrscheinlich zahlungskräftig, aber irgendwann haben wir dann festgestellt: Nee, das ist es nicht."
Themen wie dieses beschäftigen jede IT-Führungskraft. Golem.de stellt im Newsletter Chefs von Devs alle zwei Wochen CTOs und ihre Arbeit vor – der kann hier kostenlos abonniert werden .
Eigenverantwortung treibt mehr an als ein Chef
Im Gespräch mit beiden Kollektiven wird deutlich, wie groß ihre Zufriedenheit durch diese Herangehensweise ist. Den Vorgesetzten, der Entscheidungen trifft und auf die Einhaltung von Deadlines pocht, vermissen die Kollektive nicht. "Eigenverantwortung ist für zumindest die Menschen, die jetzt bei uns arbeiten glaube ich der schlimmere Treiber als den Chef" , so Zint. Eine Falle, in die er selbst getappt ist: Bevor er in die Elternzeit ging, steckte der Entwickler selbst in einer Crunch-Phase.
Trotz des Teams fühle sich die Arbeit "ein bisschen nach Selbstständigkeit an" , sagt er. Der Draht zu den Kunden ist direkter, die intrinsische Motivation am Erfolg der Genossenschaft kann in die Überstunden treiben. Dessen sei man sich bewusst. "Es gibt Start-ups, da brüstet man sich damit, dass man am Wochenende im Büro war, nachts kokst und Sonntag noch ein paar Stunden abliefert" , sagt Zint. "Bei uns gibt es eine Kultur, die diese Crunch-Mentalität bremsen soll, statt sie zu befördern."
Zum Beispiel durch flexible Arbeitszeiten. Bei Ctrl.Alt.Coop gibt es keinen Maximal-, sondern einen Mindesturlaub. Auch Afeefa gibt keine festen Stunden vor, die Mitarbeiter schaffen müssen. Zwar gibt es ein Büro und ein paar regelmäßige Termine, ansonsten können alle ihre Stunden aber selbst bestimmen. Das erlaubt etwa Angestellten mit Kindern, so zu arbeiten, wie ihre Lebensumstände es zulassen.
"Dass der Geschäftsführer überflüssig wird, ist eine Utopie"
Das Wirtschaftsmagazin Business Insider(öffnet im neuen Fenster) stellte angesichts dessen gerade sogar die Frage, ob es an der Zeit sei, einfach das gesamte Mittelmanagement abzuschaffen und spricht dabei spezifische Probleme der Arbeitsweise in den USA an. In Deutschland sieht die Lage etwas anders aus: Hierzulande gibt es ohnehin viel weniger von diesen Zwischen-Chefs(öffnet im neuen Fenster) .
Führungspersonal kann sich trotzdem entspannen. "Dass der Geschäftsführer überflüssig wird, ist eine Utopie" , sagt Zint – allein schon, weil das deutsche Rechtssystem von jedem Unternehmen einen Vorstand verlangt. Technisch gesehen hat sogar die Eingetragene Genossenschaft Ctrl.Alt.Coop also Chefs, die im Falle etwa einer Insolvenz haftbar wären. Und er könnte natürlich auch ein Veto einlegen, wenn die Angestellten demokratisch eine unbezahlbare Lohnerhöhung beschließen würden. "Das ist ein sehr hypothetisches Szenario" , sagt Vaseva.
Hinter kleinen, idealistischen Unternehmen wie Ctrl.Alt.Coop und dem Afeefa Kollektiv steht eine größere Bewegung. Gruppen wie die Purpose Stiftung (öffnet im neuen Fenster) oder die Stiftung Verantwortungseigentum(öffnet im neuen Fenster) setzen sich dafür ein, diese mehr auf den Zweck eines Unternehmens als die Profitmaximierung ausgerichtete Geschäftsform auch rechtlich zu etablieren.
Wie lange es skaliert, bleibt abzuwarten
Bis zu welcher Größe das hierarchielose Arbeiten skaliert, darin sind sich Jonatan Zint von Ctrl.Alt.Coop und Felix Schönfeld vom Afeefa Kollektiv uneins. Die Dresdener wollen vorerst in ihrer gefundenen Nische bleiben. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass das was wir machen, über zehn Leute hinaus wächst" , sagt Schönfeld. "Die Arbeitsweise kann sicher skalieren, aber ich weiß nicht ob das für das Feeling gilt."
Bei Ctrl.Alt.Coop hingegen ist man bereit, weiter zu wachsen – und ist überzeugt, dass das auch funktioniert. "Zu zweit saßen wir am Küchentisch und haben geredet, zu dritt am ersten Konferenztisch" , sagt Zint. "Jetzt sind wir mehr als zehn Leute und haben einen ordentlichen Jahresumsatz. Wir sind relevant, eine Agentur und eine richtige."
Würde man noch größer, kämen halt einfach neue Circles dazu. "Klar, unsere Organisationsform muss sich wieder verändern, wenn wir weiter wachsen. Ich habe eine Herzensüberzeugung, dass das bis in die zigtausende skalierbar ist" , ist Jonatan Zint sich sicher. "Man muss halt immer wieder seine Methoden anpassen. Und das haben wir gemacht bis jetzt."
Themen wie dieses beschäftigen jede IT-Führungskraft. Golem.de stellt im Newsletter Chefs von Devs alle zwei Wochen CTOs und ihre Arbeit vor – der kann hier kostenlos abonniert werden .
- Anzeige Hier geht es zu den konfigurierbaren Golem-PCs bei Systemtreff Wenn Sie auf diesen Link klicken und darüber einkaufen, erhält Golem eine kleine Provision. Dies ändert nichts am Preis der Artikel.