Civilization 6 im Test: Nachhilfestunde(n) beim Städtebau

Irgendwie passend, was das Pärchen aus dem Intro von Civilization 6 so alles mitmacht. Erst stechen die beiden gemeinsam in See und planen ihren Kurs für die Erkundung der Welt. Später sehen wir sie bei der Errichtung von Weltwundern, als Händler, im Krieg zu Sattel, als Erfinder des Flugs und ganz zum Schluss als Astronaut in Richtung Mars. Knuffig und unsterblich sind die beiden. Und genauso quietschfidel geht in Civilization 6 auch der Spieler durch die Weltgeschichte.

An der Grundformel des globalen Aufbaustrategiespiels ändert der sechste Serienteil nichts. Als Anführer einer von 19 Zivilisationen geht es um die Weltherrschaft. Und an die gelangt man kriegerisch, kulturell, religiös oder durch die erste Kolonie auf dem Mars.
Stadtplanung bei Stadtgründung
Der berühmte Architekt und Stadtplaner Charles-Édouard Jeanneret, besser bekannt unter dem Namen Le Corbusier, hat einmal gesagt: " Die Grundlage ist das Fundament der Basis." Besser ist die Art und Weise, in der Spieler an den Städtebau in Civilization 6 herangehen, nicht zu beschreiben.













In früheren Teilen der Serie mussten Spieler nur nach genügend Nahrung, einer strategisch günstigen Lage oder Luxusgütern Ausschau halten. In Civilization 6 ist dagegen grundlegendes Vorwissen um das passende Fundament für künftige Städteverbesserungen noch vor dem ersten Spatenstich essenziell.
Karten lesen lernen
In Civilization 6 brauchen die Städte Platz - viel Platz. Vorbei sind die Zeiten, in denen eine Metropole alle Weltwunder, Wissenschaftsgebäude, Handel oder Kulturzentren beherbergen konnte. In Civilization 6 beginnt daher die Stadtplanung bereits bei der Gründung. Spieler müssen sich die Fragen stellen: Habe ich genügend Platz? Lasse ich ein paar Hexagons frei? Irgendwo müssen meine drei, vier Wunder am Ende auch Platz finden. Jedes einzelne Wunder und jeder Spezialisierungsdistrikt nimmt ein komplettes Feld ein.
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Das bedeutet auch, dass sich die Kriegsführung und Stationierung der Einheiten aus den Städten heraus an die Reichsgrenzen verschiebt. Wir wollen schließlich nicht, dass feindliche Einheiten den heimischen Marktplatz plündern oder im Vergnügungsdistrikt Theater machen. Das ist aufregend und realistisch!
Das alles, und noch viel mehr
Für Civilization 6 haben die Entwickler von Firaxis nahezu das komplette Erbgut des Vorgängers (inklusive der Erweiterungen) gesammelt und es in eine neue Engine verpackt. Herausgekommen ist ein Civilization, das optisch eine realistischer anmutende Weltkarte bietet.













Spieler entdecken nun auch Steilküsten statt Stränden, massive Gebirgsketten, dichten Dschungel und variantenreiche Wüstengebiete. Durch individuelle Marker lässt sich zudem die Welt benennen. Die Zivilisationsanführer wie Montezuma, Katarina oder Barbarossa wirken dagegen nicht realistisch und erinnern eher an Cartoons wie " Es war einmal ...(öffnet im neuen Fenster) ".
Trotz ihres Erscheinungsbilds sollte man die historisch bedeutsamen Figuren ernst nehmen. Sie bringen die spielerischen Unterschiede in Form von Boni und Spezialeinheiten mit, die es zu nutzen gilt. Peter, der Russe, ermöglicht so einen leichteren Fokus auf Religion. Die Filmstudios des US-Amerikaners Teddy Roosevelt erhöhen den kulturellen Druck auf andere Völker.
Nur die Barbaren haben dazugelernt
Bei der künstlichen Intelligenz der Computergegner und Alliierten herrscht nahezu Stillstand im Vergleich zum Vorgänger. Vor allem im Krieg enttäuschen uns die Nationen trotz ihrer schärfer definierten Agenden. Der Computer setzt auf vorhersehbare Strategien oder fokussiert sich zu selten auf ein Ziel. Komplexe Handelsabkommen oder koordinierte gemeinsame Kriegsführung sind so nach wie vor so gut wie unmöglich.













Die Barbaren nutzen ihren Bregen hingegen auffällig öfter. Sie flankieren oder fliehen, wenn es sich anbietet, und stehen auch nicht mehr zwingend in ihren Hütten und warten dort auf ihren Untergang. Das macht die frühen Runden im Solospiel weniger eintönig.
Alte Politik neu verpackt
Die Systeme für Politik, Regierungsform und Technologien wurden leicht modifiziert. Vordefinierte Errungenschaften können Boni in der Wissenschaft erzeugen. Politikformen werden nun der Reihe nach wie Technologien linear freigeschaltet.

Das bedeutet, dass modernere Regierungsformen fast immer effizienter und besser sind als klassische. Das finden wir etwas schade, da es Spieler in einen vordefinierten Weg drängt. Das Regierungssystem von Civilization 5 war flexibler und ließ beispielsweise auch eine glorreiche Oligarchie bis zum bitteren Ende zu.
Das Sammelkartensystem für die Staatsdelikte ist etwas unübersichtlich, da es nur in vier Farben eingeteilt ist. Klein geschriebener Text erklärt zwar die Effekte. Besonders gegen Spielende verkommt die Anpassung aber zu einer unschönen Textwüste. Hier hätten ikonische Artworks sicher geholfen.
Komfort klein-, Online großgeschrieben
Insgesamt müssen wir sagen, dass das Interface von Civilization 6 recht kleinteilig geworden ist. Warum eine Stadt nicht mehr wächst und was dagegen zu tun ist, wird nur versteckt am linken Bildschirmrand in den Stadtdetails aufgeschlüsselt. Wann und wo sich die eigene Kultur oder Religion ausbreiten, wissen wir schlicht nicht. Die Übersicht über diplomatische Abkommen aus Civilization 5 vermissen wir ebenso.
Eine Umbenennung der eigenen Städte fehlt aktuell noch, soll aber bald durch einen Patch ergänzt werden.
Onlinemodus in Stundenhäppchen
Bis zu zwölf Spieler können in Civilization 6 online gegeneinander antreten. Einen LAN-Modus sowie Hotseat gibt es ebenfalls. Um die Onlineduelle so zeiteffizient wie möglich zu gestalten, haben die Entwickler zahlreiche dynamische Optionen integriert, die funktionieren.

Besonders gut gefallen uns die drei neuen Onlineszenarios, die auf jeweils 50 Runden in unterschiedlichen Zeitaltern ausgelegt sind. Eine solche Partie lässt sich in rund einer Stunde bewältigen und ist somit kein größeres Zeitinvestment als eine Partie Dota 2.
Die Siegbedingungen ändern sich ebenfalls, was spezifischere Denkweisen voraussetzt. Von dieser Sorte dürfen die Entwickler oder Modder gerne noch mehr anbieten. Hier sehen wir das größte Entfaltungspotenzial für das Spiel.
Schöne Klänge bei Mainstream-Grafik
Vom neuen Hauptthema, das wie einst Baba Yetu (Civilization 4) von Christopher Tin geschrieben wurde, bis hin zu den einzelnen Zivilisationsmusiken ist der Soundtrack durchweg gelungen. Hier werden wir noch viele Runden mitsummen.
Die Systemvoraussetzungen für das Spiel sind niedrig. Wir haben es selbst auf einem Macbook Air von 2013 unter Bootcamp auf niedrigen Details gut spielen können. Auf maximaler Detailstufe lief das Spiel bei uns bereits auf einem Intel Core i5 6500 mit 8 GByte Speicher und einer Radeon RX 470.
Der Download von Civilization 6 ist durch die Neuentwicklung der Grafikengine mit nur 3,9 GByte äußerst kompakt. Insgesamt beeindruckt das Spiel grafisch aber nur sehr selten. Es ist funktional, und einige Effekte sind sehr romantisch. Eine große technische Weiterentwicklung sehen wir aber nicht. Firaxis hat die Engine eher für den Massenmarkt optimiert als grafische Opulenz anzubieten.
Verfügbarkeit und Fazit
Civilization 6 ist seit dem 21. Oktober 2016 für Windows erhältlich und von der USK ab 12 Jahren freigegeben. Das Spiel kostet rund aktuell bei einigen Onlineshops 40 Euro und wird über Steam aktiviert, wo es für 60 Euro angeboten wird. Der Steam Workshop wird für Modding unterstützt.

Fazit
Civilization 6 ist ein besseres Civilization als seine Vorgänger. Das liegt zum einen daran, dass nahezu alle Inhalte des fünften Serienteils inklusive seiner Erweiterungen im neuen Spiel enthalten sind. Zum anderen liegt es am clever erdachten neuen Städtebau und seinen Bezirken. Seitdem wir verinnerlicht haben, wie wir in Civilization 6 eine auf Forschung, Produktion, Handel oder Militär ausgerichtete Stadt mit den dazugehörigen Bezirken errichten, macht uns der Städtebau umso mehr Freude und bietet mehr Tiefgang. Dieses Wissen müssen sich Spieler allerdings erst zäh und leise scheiternd aneignen.
Die vielen Nachhilfestunden wollen wir aber nicht missen. Sie machen dank der vielen anderen neuen Mechaniken, wie dem Straßenbau durch Handelsrouten, charakterstarken Gegnern oder liebevollen Details wie dem Tag-Nacht-Wechsel, viel Spaß. Neue Feinheiten bei der Kartendarstellung wie Steilhänge an Küsten, weite Gebirgszüge oder der schicke Kriegsnebel gefallen ebenfalls.
Dennoch haben wir uns etwas mehr Mut bei der Grafik gewünscht. Zwar ist die Grafikengine klasse optimiert und die optionale Tageszeit bringt etwas Abwechslung, insgesamt wirkt die Weltkarte aber doch steril. Sich im Wind wiegende Bäume oder animiertes Leben in den Bezirken würden für noch mehr Atmosphäre sorgen. Während die Karte realistischer geworden ist, wirken Charaktere und Einheiten zudem doch eher comichaft, wodurch ein (für manche Spieler unliebsamer) Kontrast entsteht.
Das Interface halten wir für eine Spur unübersichtlicher als beim Vorgänger. Bei der künstlichen Intelligenz der Computergegner und Alliierten herrscht ebenfalls nahezu Stillstand. Vor allem im Krieg enttäuschen uns die verbündeten Nationen. Der Computergegner setzt auf vorhersehbare Strategien oder fokussiert sich zu selten auf ein Ziel.
Aus diesen Gründen legen wir Veteranen nach ihrer Adaptionsphase Civilization 6 primär online mit Freunden ans Herz - in schnellen Partien, damit sie auch ein Ende finden. Für uns stellen die neuen Onlineszenarios abseits des Städteausbaus die grundlegendsten Fortschritte der Serie dar. Civ-Anfänger werden aber auch im klassischen Offlinespiel ihre Freude finden, während sie Runde für Runde auf historisches Ausmaß heranwachsen.