Der Vigilant tötet Polizisten und ganz normale Bürger
Übrigens: Der Vigilant tötet nicht nur Verbrecher, er mäht mit seinen Maschinengewehren auch Polizisten nieder, die ihn verhaften sollen. Denn wer ihn aufhalten will, stellt sich gegen ihn und ist damit auf Seiten des Bösen. Väter, Ehemänner, Brüder – sie alle springen über die Klinge, und das zu enorm beschwingter Musik.
Der Citizen Vigilante gebärdet sich als Rächer des kleinen Mannes, ist aber selbst weit von ihm entfernt. Weil er reich ist, sehr reich. Er hat 3.500 Mietwohnungen. In einer Szene erfährt er, dass zehn Prozent der Mieter nicht zahlen, es aber sieben Monate dauert, bis man sie aus den Wohnungen herausbekommen könne. Zu lange für den Citizen Vigilante, der die Sache schließlich selbst in die Hand nimmt.
Auch gegenüber seinen Angestellten ist der Citizen Vigilante alles andere als freundlich. Im Büro sieht er sich um und erklärt, es rieche nach Pflegeheim, weil die Mitarbeiter schon älter seien. Frisches Blut solle her.
Sehenswert?
Bolls Filme finden meist kein größeres Publikum, Citizen Vigilante wird es trotz der Kontroverse nicht besser ergehen – auch, weil ein guter Teil seines für die Inhalte empfänglichen deutschen Publikums wohl an der Sprachbarriere scheitern dürfte. Der Film wurde im englischsprachigen Original bei X hochgeladen. Irgendwann wird er aber auch in Deutschland kommen, zuerst in Heimkino-Editionen, dann bei einem Streamingdienst.
Darauf zu warten, lohnt sich nicht wirklich. Bolls Film hat die Schwächen vieler seiner Werke: eine erratische, holprige Erzählweise, fast schon peinliche Dialoge, eine wacklige Kameraführung. Wer seinen Polizistenfilm First Shift kennt, hat eine Ahnung davon, wie Citizen Vigilante aussieht.
Auch die politische Ausrichtung ist ähnlich. Boll schreibt sich auf die Fahnen, gesellschaftlich wichtige Themen aufzugreifen. Das hat er früher mit dem Knastdrama Siegburg oder dem Bürgerkriegsfilm Darfur getan, und in letzter Zeit mit seiner Deutschland-Trilogie, die mit Hanau startete und mit Run fortgesetzt wurde.
Citizen Vigilante ist kein Film, der eine dezidiert deutsche Geschichte erzählt. Vielmehr greift er rechte Narrative auf und gibt sie ungefiltert wieder – nicht überraschend, wenn man Bolls Facebook-Account(öffnet im neuen Fenster) und seinen dortigen Einlassungen folgt.
Das Buhei um Citizen Vigilante ist völlig übertrieben, und ja, man kann sagen, dass auch wir daran teilhaben. Aber: Wenn das Narrativ eines Verbots in Deutschland vielfach unwidersprochen verbreitet wird, ist es nötig, die Sachlage zu erläutern. Hätte die FSK einfach eine 18er-Freigabe erteilt, würde sich niemand für Citizen Vigilante interessieren.
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