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Christian Lindner: So verteidigt Porsche seine E-Fuels-Pläne

Porsche -Chef Blume will sich bei der Regierung für die Nutzung von E-Fuels eingesetzt haben. Doch wie belastbar sind die Pläne des Autoherstellers?
/ Friedhelm Greis , Werner Pluta
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Eine solche Anlage in Chile soll jährlich hunderte Millionen Liter E-Fuels produzieren. (Bild: Porsche)
Eine solche Anlage in Chile soll jährlich hunderte Millionen Liter E-Fuels produzieren. Bild: Porsche

Es ist noch gar nicht so lange her, da warb der Volkswagen-Konzern mit der Kampagne Clean Diesel(öffnet im neuen Fenster) für seine Verbrennerautos. Das war keine besonders gute Idee, wie sich nach Bekanntwerden des Abgasskandals herausstellte. Aus dem sauberen Diesel sind bei Porsche nun die geradezu blitzblanken E-Fuels geworden.

Wir haben nachgefragt, auf welcher Basis der Sportwagenhersteller damit auch bei der Politik geworben haben könnte. Sind diese Pläne realitätsferne Träume, die sich in den kommenden Jahren gar nicht umsetzen lassen? Oder basieren die Konzepte auf belastbaren Pilotprojekten und Zahlen, die die synthetischen Treibstoffe als klimaneutrale Alternative zur Elektromobilität erscheinen lassen?

Der Porsche- und designierte VW-Chef Oliver Blume soll in einer Betriebsversammlung vor einem Monat damit geprahlt haben(öffnet im neuen Fenster) , mithilfe seiner engen Kontakte in die Ampelregierung den Koalitionsvertrag in Sachen E-Fuels maßgeblich beeinflusst zu haben. "Da sind wir Haupttreiber gewesen, mit ganz engem Kontakt an die Koalitionsparteien. Der Christian Lindner hat mich in den letzten Tagen fast stündlich auf dem Laufenden gehalten" , zitierte ihn die ZDF-Satiresendung Die Anstalt. FDP-Chef und Bundesfinanzminister Lindner selbst räumte inzwischen ein(öffnet im neuen Fenster) , im Oktober 2021 mit Blume telefoniert zu haben.

Porsche verteidigt Gespräche

Problematisch in diesem Fall ist nicht die Tatsache, dass Wirtschaft und Politik sich in wichtigen Fragen austauschen. Solche Kontakte dürfte es nicht nur zwischen Porsche und der FDP, sondern auch zwischen weiteren Autoherstellern und den anderen Koalitionspartnern SPD und Grüne gegeben habe.

Auf Anfrage von Golem.de teilte ein Sprecher mit: "Porsche hat zu keinem Zeitpunkt Einfluss auf politische Entscheidungen genommen. Wir weisen in diese Richtung gehende Vorwürfe entschieden zurück. Wir stehen im steten Austausch mit gesellschaftlichen Stakeholdern – darunter auch Parteien und deren Vertretern. Wir führen Fachgespräche, zum Beispiel zum Thema Nachhaltigkeit."

E-Fuels mit fossilem Kraftstoff kompatibel

Entscheidend für die Öffentlichkeit ist daher nicht die Frage, wann und wie oft der bekennende Porsche-Fan Lindner möglicherweise mit Blume telefoniert hat. Wichtiger ist vielmehr, mit welchen Informationen der Autokonzern die Politik hinsichtlich des Einsatzes von E-Fuels versorgt.

So heißt es beispielsweise im Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und FDP: "Außerhalb des bestehenden Systems der Flottengrenzwerte setzen wir uns dafür ein, dass nachweisbar nur mit E-Fuels betankbare Fahrzeuge neu zugelassen werden können." Schon hier stellt sich die Frage, wie das technisch umgesetzt werden soll. Hinsichtlich der Kompatibilität von fossilen und synthetischen Kraftstoffen teilte Porsche mit: "Alle unsere Bestandsfahrzeuge, die heutigen Tankstellenkraftstoff tanken, werden auch mit E-Fuels fahren können. Für Oldtimer müssen im Einzelfall möglicherweise kleine Adaptierungen vorgenommen werden."

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Im Umkehrschluss bedeutet dies: Jeder nach 2035 gebaute Verbrenner dürfte auch mit fossilem Treibstoff fahren können. Wie diese nachweislich nur mit E-Fuels betankt werden können, ist unklar. Eine entsprechende Anfrage von Golem.de ließ das Bundesverkehrsministerium bislang unbeantwortet. Porsche teilte dazu lediglich mit: "Eine Kraftstoffkontrolle liegt nicht im Verantwortungsbereich der Porsche AG." Das trifft durchaus zu. Doch die Politik kann nur solche Vorgaben machen, die von der Industrie auch technisch umgesetzt werden können.

Das größte Problem beim künftigen Einsatz von E-Fuels ist jedoch deren massenhafte Produktion.

Aus 130.000 Litern sollen 550 Millionen werden

Hierzu existierten bislang nur Pilotanlagen. Porsche will mit der von HIF Global in Chile aufgebauten Anlage Haru Oni bereits im Jahr 2026 jährlich 550 Millionen Liter E-Fuels produzieren. Hochgerechnet auf den Kraftstoffverbrauch von rund 63.000 Millionen Liter Benzin oder Diesel allein Deutschland im Jahr 2020(öffnet im neuen Fenster) wären dafür 114 Anlagen erforderlich.

Wobei unklar ist, ob Haru Oni tatsächlich die geplante Menge in vier Jahren produzieren kann. Bislang plant HIF Global eine Produktion von 130.000 Litern E-Fuels im Jahr 2022. Dafür werden 51 Millionen US-Dollar investiert, von denen Porsche 20 Millionen Euro beigesteuert hat.

Um auf die geplanten jährlichen 550 Millionen Liter zu kommen, müsste HIF die Kapazität der Anlage in vier Jahren um den Faktor 4.230 steigern. Bei einem Strombedarf, je nach Experteneinschätzung, von 16(öffnet im neuen Fenster) bis 27(öffnet im neuen Fenster) Kilowattstunden pro Liter wären dafür zwischen rund 9 und 14 Terawattstunden erforderlich. Das entspricht bis zu 2,5 Prozent des jährlichen Stromverbrauchs in Deutschland.

Solartechnik noch sehr ineffizient

Zudem hat sich auch die Produktion von E-Fuels durch Sonnenlicht schwieriger als erwartet erwiesen. 2019 wurde in Móstoles nahe der spanischen Hauptstadt Madrid ein Solarkraftwerk in Betrieb genommen . Dort soll synthetisches Kerosin mit Sonnenlicht erzeugt werden. An dem Projekt Sun-to-Liquid(öffnet im neuen Fenster) ist auch das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt beteiligt.

Die Anlage besteht aus 169 Spiegeln, die das Sonnenlicht auffangen und auf einen Reaktor reflektieren, der in einem 20 Meter hohen Turm untergebracht ist. Die Reaktorkammer wird auf etwa 1.500 Grad aufgeheizt, darin wird in einer thermochemischen Redoxreaktion ein Synthesegas produziert, eine Mischung aus Wasserstoff und Kohlenmonoxid. Aus diesem Synthesegas wird durch Fischer-Tropsch-Synthese Kerosin hergestellt. Dort soll gezeigt werden, dass das Verfahren in Großanlagen funktioniert.

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Dieser Tage hat das Projekt erste Ergebnisse in der Fachzeitschrift Joule(öffnet im neuen Fenster) veröffentlicht. Demnach konnte erstmals die thermochemische Prozesskette von Wasser und Kohlendioxid bis zum Kerosin in einem Solarturmsystem demonstriert werden. Der Wirkungsgrad betrug jedoch gerade 4,1 Prozent. Also etwas mehr als 4 Prozent der Energie des Sonnenlichts wurden in das Synthesegas übertragen. Die Forscher hoffen, den Wirkungsgrad auf 15 Prozent anzuheben.

Bislang kann erneuerbare Energie daher deutlich effizienter für batterieelektrische Antriebe eingesetzt werden. Denn mit 16 bis 27 kWh kommen Elektroautos rund 100 km weit.

Porsche verweist selbst auf Luft- und Schifffahrt

Dennoch verteidigt Porsche die Produktion von E-Fuels: "Mit Blick auf den weltweit hohen Bestand an Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren (1,3 Mrd.) können E-Fuels einen Beitrag leisten, um den Kohlendioxid-Ausstoß schnell zu reduzieren. Vollsynthetische Kraftstoffe sind Verkehrssektor-übergreifend interessant: Für die Automobilindustrie ebenso wie für die Luftfahrt- und Schifffahrtsindustrie."

Das ist in der Tat zutreffend. Der regenerative Strom zur Herstellung von E-Fuels wird auch in anderen Sektoren dringend gebraucht. Und die Luft- und Schifffahrt können fossile Treibstoffe nicht so leicht wie der Pkw- und Lkw-Bereich ersetzen.

Preis von unter 2 Dollar erwartet

Trotz des hohen Energiebedarfs geht Porsche davon aus, dass die Herstellungskosten künftig nicht subventioniert werden müssen. "Bei einer Fertigung im industriellen Maßstab könnten sich perspektivisch Preise von unter 2 Dollar pro Liter bilden. Neben den niedrigen Energiekosten zur Erzeugung von E-Fuels in Chile entscheiden auch Steuern und Abgaben über den Preis und somit den wirtschaftlichen Erfolg der E-Fuels" , sagte ein Sprecher.

Nach Ansicht des Autoherstellers werden E-Fuels "umso schneller wettbewerbsfähig, je mehr sich fossile Energieträger in Zukunft durch regulatorische Maßnahmen wie Energiesteuern oder Kohlendioxid-Bepreisung verteuern und E-Fuels von solchen Abgaben – dem tatsächlichen Kohlendioxid-Ausstoß entsprechend – befreit werden" . Auch diese Einschätzung dürfte zutreffen. Allerdings ändert das nichts an der Frage, wie schnell und in welchem Umfang die synthetischen Treibstoffe künftig zur Verfügung stehen.

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Finanzminister Lindner verteidigt sich im sogenannten Porschegate mit den Worten: "Meine Position zu den sogenannten synthetischen Kraftstoffen, also klimafreundlichen Flüssigtreibstoffen im Verbrennungsmotor, ist seit Jahren bekannt."

Seit Jahren ist aber auch klar, dass diese E-Fuels eine ineffiziente Antriebstechnik darstellen, noch nicht im großen Maßstab produziert werden können und vor allem außerhalb des Pkw-Bereichs sowie für Bestandsfahrzeuge benötigt werden.

Was Porsche-Chef Blume dem Porsche-Fan Lindner bei diesem Thema eingeflüstert hat, wird wohl nicht aufgeklärt werden können. Aber Politiker mit kaum realisierbaren Konzepten zu füttern, ist am Ende auch nicht cleaner als Fahrzeugsoftware zu manipulieren.


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