Chiptune in Echtzeit: Der Game Boy ist das neue Vinyl

MP3s aufnehmen kann jeder. Bastelfreudige Musiker veröffentlichen ihre Alben lieber auf Game-Boy- und Super-Nintendo-Modulen.

Ein Bericht von Daniel Ziegener veröffentlicht am
Plattenspieler waren gestern, jetzt kommt der Game Boy Advance.
Plattenspieler waren gestern, jetzt kommt der Game Boy Advance. (Bild: Kelvin Vega/Unsplash)

Das Internet hat verändert, auf welchen Geräten wir unsere Lieblingsmedien konsumieren. Anfang des Jahres 2022 sagte eine Studie den langsamen, aber sicheren Untergang von Spielen auf Datenträgern voraus - nicht die erste und sicher nicht die letzte Studie dieser Art. Auch in der Musikindustrie sind die Umsätze mit physischen Datenträgern seit der Verbreitung von iTunes und Spotify stetig gesunken.

Inhalt:
  1. Chiptune in Echtzeit: Der Game Boy ist das neue Vinyl
  2. Manchmal müssen Fans noch Bugs fixen

Doch manche Künstler setzen sich der unbestreitbaren Bequemlichkeit von digitalen Streams und Downloads entgegen. Einer von ihnen ist der Hamburger Musikproduzent Denis Karimani. Unter dem Name Remute veröffentlicht er elektronische Musik - aber nicht einfach nur als Download, sondern auf den Modulen längst ausgestorbener Spielekonsolen.

"Seinen Anfang nahm alles 2019", erzählt er Golem.de. Sein Album Technoptimistic veröffentlicht er damals auf einem Modul für das Sega Mega Drive, The Cult Of Remute lässt sich im Jahr darauf auf einem Super Nintendo abspielen. Im August ist sein neues Album Unity erschienen - diesmal als Modul für den Game Boy Advance. Das ist umständlicher, als einfach nur eine Audiodatei zu exportieren, aber "ohne Probleme, Einschränkungen und Tüftelei langweile ich mich", sagt der Künstler.

Retro-Konsolen sind bei Musikern beliebt

"Ich favorisiere Konsolen, die einen dedizierten Soundchip besitzen", sagt Karimani. Die Spielekonsolen der 80er Jahre verfügen über eigene Hardware zur Klangerzeugung. Einige dieser Chips sind wegen ihres eigenwilligen Sounds sogar heute noch bei Musikern beliebt. "Der FM-Soundchip des Mega Drive klingt absolut einzigartig, ebenso wie der obskure SPC700-Soundchip des Super Nintendo", sagt Karimani.

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Natürlich ist seine ungewöhnliche Veröffentlichungsstrategie hilfreich, um aufzufallen. Aber er ist längst nicht der einzige Musiker, der seine Alben in einem so ungewöhnlichen Format veröffentlicht. In der Chiptune-Szene sind physische Releases seit Jahren verbreitet. Nur: Anstelle der längst wieder gehypten Vinylschallplatten wählen sie ein physisches Medium, das dem Sound der Musik angemessener ist.

Bis ins Jahr 2003 lassen sich die ersten Alben dieser Art zurückverfolgen. Von damals stammt etwa Years Behind der Gruppe Retrocoders, das sich heute emuliert im Internet Archive streamen lässt. Der Nerdcore-Rapper Mega Ran veröffentlichte 2014 ein Album als NES-Modul, 2016 boten Anamanaguchi bei einer Kickstarter-Kampagne als Belohnung ebenfalls ein Album auf einem NES-Modul an. Auch der Soundtrack für das Zelda-inspirierte Indiespiel Hyper Light Drifter erschien für SNES.

Game & Watch: Super Mario Bros

Bastelei für Fans der Demoszene

Viele solcher Chiptune-Veröffentlichungen stehen ganz in der Tradition der Demoszene. Denn die Musiker kopieren nicht einfach Audiodateien auf die Speichermodule. Stattdessen wird der Sound in Echtzeit erzeugt. Auf dem Modul ist lediglich der dafür nötige Code gespeichert. Ein Song, der als WAV-Datei 30 MByte groß ist, benötigt in dieser Form nur 500 KByte, "und zwar ohne dass es schlecht klingt", sagt Karimani. Die musikalischen Informationen werden in einem Tracker-Format gespeichert, das es seit den frühen Amiga-Heimcomputern gibt. Der Ton wird vom Soundchip der Konsole live erzeugt.

Karimani nutzt dafür OpenMPT, einen freien Tracker für Windows. "Die damit erzeugten Dateien werden dann in Kooperation mit diversen Codern für die jeweiligen Engines der Systeme umgesetzt und in ein Spielprogramm eingepflegt." Eine Ausnahme bildet Remutes Game-Boy-Album Living Electronics. "Das habe ich im Frühsommer auf einer Parkbank sitzend auf einem guten alten grauen Game Boy mithilfe der Software Little Sound DJ komponiert."

Das alte Mantra, dass Einschränkungen die Kreativität fördern, würde der Musiker unterschreiben. "In meiner nun schon 20-jährigen elektronischen Musikkarriere hatte ich durchaus Phasen, wo ich mich in ausufernden Klangabenteuern verloren habe und nicht mehr so das Gefühl für die packende Essenz eines Songs hatte", sagt er. "Die Arbeit an meinen Cartridge-Alben hat mich auf eine durchaus harte und gnadenlose Art wieder mal gelehrt, dass man schlicht und einfach zum Punkt kommen muss."

Der auf wenige Megabyte beschränkte Speicherplatz der Module zwingt Karimani dazu, jeglichen Maximalismus im Zaum zu halten. "Man braucht keine 200 Spuren und muss auch keine 5 Terabyte mit Studioaufnahmen füllen", sagt er. Wenn eine Idee nicht innerhalb von wenigen KBytes zündet, fliegt sie raus.

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Manchmal müssen Fans noch Bugs fixen 
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TarikVaineTree 17. Aug 2022 / Themenstart

Jap, schwierige Eingewöhnung (zumindest wenn man von anderen DAWs kommt :D), aber ist z...

Kakiss 16. Aug 2022 / Themenstart

Ich fand die Idee echt cool und kurios, als ich die ersten Module gesehen habe. Die...

Peace Р16. Aug 2022 / Themenstart

Ich meine, beim Namen Karimani musste ich dann echt schmunzeln :P

Mondmann 16. Aug 2022 / Themenstart

Habe einen SID-Blaster USB TicTac und einen GBA. Früher noch viel mehr alte Computer wie...

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