Chips: Lieber ARM ab als ARM dran
Softbank will ARM offenbar ohne Rücksicht auf seine Kunden zur Cash-Cow machen. Das könnte den Untergang von ARM als Unternehmen einläuten.
Der Chip-Designer ARM könnte seine Vertriebslogik und Lizenzpolitik schon in wenigen Jahren komplett umstellen. Das geht aus Dokumenten zu einem Rechtsstreit zwischen Qualcomm und ARM hervor, deren Inhalt ARM nicht grundsätzlich dementiert. Zwar ist derzeit nicht vollständig klar, ob ARM diese Pläne wirklich umsetzen will oder diese nur als Druckmittel in der Klage gegen Qualcomm einsetzt. Sollte es aber wirklich dazu kommen, könnte das nicht nur gravierende Folgen für die weltweite IT-Industrie haben. Auch ARM selbst könnte damit seinen Untergang als Unternehmen riskieren.
Chips mit ARM-Befehlssatz stecken in zahlreichen Geräten wie Heizungsthermostaten, Autos, Landmaschinen, Supercomputern und vor allem Smartphones, Streaming-Geräten, Fernsehern und vielen mehr. Doch bei rund 30 Milliarden ausgelieferten ARM-Chips im vergangenen Geschäftsjahr 2021 macht ARM selbst mit nur 2,7 Milliarden US-Dollar weniger als 10 Prozent vom Umsatz des ARM-Lizenznehmers Qualcomm mit 33 Milliarden US-Dollar.
Hinzu kommen zahlreiche weitere Lizenznehmer wie Mediatek, NXP, Realtek, Hisilicon und viele mehr. Nach dem gescheiterten Verkauf von ARM an Nvidia für 40 Milliarden US-Dollar will ARM-Eigner Softbank nun offenbar einen sehr großen Teil vom Umsatz seiner Lizenznehmer selbst abschöpfen. Statt SoCs etwa von Qualcomm oder anderen zu kaufen, sollen OEM- und Geräte-Hersteller die Designs wohl künftig direkt bei ARM erwerben müssen. Anpassungen sind darüber hinaus wohl nicht mehr erlaubt.
Das könnte die Einnahmen von ARM massiv in die Höhe schnellen lassen, das Unternehmen nach dem geplanten Börsengang noch attraktiver für Investoren machen und vor allem auch sehr schnell für eine Refinanzierung sorgen. Softbank hatte ARM im Jahr 2016 für 32 Milliarden Dollar gekauft. Amortisiert hat sich der Kauf bisher sehr wahrscheinlich noch nicht.
Einfache Rechnung, die nicht aufgehen kann
Von Erfolg gekrönt sein dürfte dieses angestrebte neue Geschäft aber nicht. Der offenkundigste Grund dafür ist die dann von ARM eingenommene Monopolstellung für weite Teile der IT-Industrie. Schon bei den Kaufverhandlungen mit Nvidia hatten Regulierungsbehörden weltweit dies als Gefahr beschrieben und auch deshalb die Übernahme nicht genehmigen wollen.
Selbst wenn ARM künftig seine eigenen Designs ausschließlich direkt an OEMs lizenzieren will, könnten Regulierer weltweit den Konzern zumindest noch zu einer FRAND-Lizenzierung des ARM-Befehlssatzes zwingen, also zu einer fairen und diskriminierungsfreien Zugangsmöglichkeit. Die bisherigen Partner und Halbleiterhersteller könnten dann komplett eigene Chips designen. Das ist zwar mit mehr Aufwand verbunden und wird deshalb seit Jahren immer weniger umgesetzt. Das Konzept ist dennoch erfolgreich etabliert.
Über Architekturlizenzen verfügt etwa Apple, dessen Chips damit nicht nur in Smartphones, sondern auch Laptops und Desktops laufen. Qualcomm möchte diesem Beispiel nach der Nuvia-Übernahme folgen. Auch AMD könnte noch über eine ARM-Lizenz verfügen. Hinzu kommen Nvidia, Fujitsu, Hisilicon, Marvell, und wohl auch Amazon sowie Microsoft, die wahrscheinlich auch nach den jetzt gültigen Lizenzbedingungen weitgehend eigene ARM-Chips erstellen dürfen.
Noch kooperieren diese Unternehmen mehr oder weniger eng mit ARM. Das müssten diese aber nicht und könnten künftig eigene Chips nicht nur weiter designen, sondern auch an andere Kunden verkaufen, das zumindest behauptet Qualcomm unter Berufung auf seine eigene Architekturlizenz, die sogar einseitig verlängert werden könne.
Und all jene Unternehmen, die entweder derart leistungsfähige Chips nicht benötigen oder nicht mehr an der ARM-Welt teilhaben können oder wollen, können alternativ auf RISC-V-Designs setzen. Für weniger anspruchsvolle Einsatzzwecke erreichen diese schon jetzt vergleichbare Werte zu ARM-Chips. Und in wenigen Jahren könnten diese durchaus auch für den Alltagseinsatz in Smartphones geeignet sein, auch wenn ARM dies anders sieht.
Von dem bisherigen Lizenzgeschäft von ARM bliebe dann nicht mehr viel übrig, außer eben der Lizenzierung des Befehlssatzes. Und statt das große Geld zu machen, hätte sich Softbank mit seiner Strategie vollständig überhoben.