Chipfälschungen: Angriff der Chipfälscher?

Gefälschte Bauteile kennt die Elektronikindustrie seit langem. Verstärkt die aktuelle Chipknappheit das Problem? Was und wie wird gefälscht?

Artikel von Johannes Hiltscher veröffentlicht am
Äußerlich gleich: ein echter und ein gefälschter FTDI FT232RL
Äußerlich gleich: ein echter und ein gefälschter FTDI FT232RL (Bild: Wikimedia Commons/CC-BY 3.0)

Wer Halbleiter für seine Produkte benötigt, sieht sich seit Beginn der Corona-Pandemie oft mit einem Problem konfrontiert: Manche Bauteile sind knapp und nur mit sehr langen Lieferfristen verfügbar. Die Lieferzeiten betragen oft Monate, teils bis zu einem Jahr.

Als Konsequenz muss entweder die Produktion zurückgefahren, das Produkt umgestaltet oder ein anderes, kompatibles Bauteil verwendet werden. Alle drei Varianten sind teuer, da sie eine Umgestaltung der Produktion erfordern. Für manche Bauteile existiert auch keine Alternative. Daher kann der letzte Ausweg sein, auf den sogenannten grauen Markt zurückzugreifen. Und damit steigt die Wahrscheinlichkeit, gefälschte oder minderwertige Chips geliefert zu bekommen.

Das zumindest erzählen diejenigen Firmen, die sich auf das Erkennen gefälschter elektronischer Bauteile spezialisiert haben. Doch stimmt das auch? Wir haben uns auf Spurensuche begeben und festgestellt: Die Wahrheit ist wesentlich komplizierter. Klar ist: Gefälschte Elektronikbauteile stellen seit Jahrzehnten ein Problem dar. Dessen Ausmaß ist allerdings nur schwer einzuschätzen. Betroffene Unternehmen sprechen verständlicherweise nicht gern darüber.

In diesem Artikel betrachten wir zunächst die Gründe für den Betrug mit Halbleitern und anderen Komponenten. Wir beleuchten, wie sie in den Markt kommen und analysieren die verfügbaren Zahlen. Sie ermöglichen eine rationale Bewertung der Situation. Zuletzt zeigen wir, wie gefälscht wird - hier gibt es nämlich eine große Bandbreite an Möglichkeiten. Außerdem werden so die Auswirkungen gefälschter Bauteile deutlich.

  • Schön, aber leider kaputt: ein geplatzter Elektrolytkondensator. (Bild: Wikimedia Commons, CC-BY-SA 4.0)
  • Beim Hersteller nicht zu bekommen, bei Alibaba schon, und so günstig ... (Screenshot: Golem.de)
  • Hochwertig gefälscht: ein Wischtest war unauffällig, Ultraschallmikroskopie zeigt die alte Beschriftung. (Bild: HTV Conservation GmbH, Montage: Golem.de)
  • Anstieg der vom Hersteller angegebenen Lieferzeit verschiedener ICs von Januar bis April 2021 (Bild: LevaData)
Schön, aber leider kaputt: ein geplatzter Elektrolytkondensator. (Bild: Wikimedia Commons, CC-BY-SA 4.0)

Bauteile, die platzen

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Gefälschte Bauteile sind in der Elektronikbranche kein neues Problem. Anfang der 2000er Jahre gab es erstmals eine breite Aufmerksamkeit dafür. Damals bereiteten minderwertige Elektrolytkondensatoren Probleme. Das als Bad Capacitors oder "Capacitor Plague" bezeichnete Phänomen führte zum reihenweisen Ausfall von Computern. Grund hierfür soll eine gestohlene, aber fehlerhafte Formel für einen wasserbasierten Elektrolyt gewesen sein. Die Bauteile platzten oder hielten ihre elektrischen Parameter nicht mehr ein.

Gegen Ende der 2000er wurden auch gefälschte Halbleiter zum Problem. In einer Kongressanhörung 2009 benannte Nasa-Chef Christopher Scolese gefälschte Teile als einen Grund für Kostensteigerungen bei Projekten. Er bezog sich jedoch nicht ausschließlich auf elektronische Komponenten. Auf diese ging im folgenden Jahr Brian Hughitt, bei der Nasa verantwortlich für Qualitätssicherung, in einem Vortrag (PDF) ein. Neben Beispielen gefälschter Bauteile präsentierte er Methoden, um diese zu erkennen. Zudem benannte er Bauteile-Broker, die Teil des grauen Markts sind, als Problem.

Fälschungen im Kampfjet

Auch das Pentagon hatte Probleme mit gefälschten Halbleitern. Im September 2010 wurde der Broker Visiontech geschlossen, die Inhaber wegen Betrugs angeklagt und 2011 verurteilt. Sie hatten gefälschte Halbleiter verkauft, die nicht nur in Kampfjets der US Air Force, sondern auch in Bremssystemen von Zügen gelandet waren.

Es folgten ein Untersuchungsausschuss des US-Senats und diverse Standards zum Ausschluss gefälschter Bauteile. Danach verschwand das Thema erst einmal wieder aus der öffentlichen Aufmerksamkeit. In Fachkreisen blieb es jedoch aktuell: Jährlich findet beispielsweise das Symposium on Counterfeit Parts and Materials statt.

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Kleine Farblehre des Marktes 
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klick mich 16. Mär 2022

10x 0815 umgelabelten Si-Transistor erhalten. Antwort vom Jammerlappen aus China: Dear...

Darkmalvet 14. Mär 2022

Oft genug steht teilweise sogar kritische Infrastruktur vor dem Problem keine Ersatzteile...

__M 13. Mär 2022

Große Firmen mögen das stemmen können, der mittelständische Zulieferer der großen...

__M 12. Mär 2022

Nicht nur die Klone werden hierdurch gesperrt, sondern auch alte Revisionen der...



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