Chinesische Provinz Henan: Mit Gesichtserkennung nach Journalisten fahnden

Das Beispiel aus China macht deutlich, wie Gesichtserkennung missbraucht werden kann. Beteiligt sind die Firmen Neusoft und Huawei.

Artikel veröffentlicht am ,
Videoüberwachung ist in China allgegenwärtig.
Videoüberwachung ist in China allgegenwärtig. (Bild: Carlos Garcia Rawlins/Reuters)

Die chinesische Provinz Henan will offenbar mit einem neuen System zur automatisierten Gesichtserkennung unliebsame Personen wie ausländische Journalisten und Studenten aufspüren. Das berichten die Nachrichtenagentur Reuters und die Forschungsfirma IPVM unter Berufung auf eine entsprechende Ausschreibung (PDF) vom Juli 2021. Demnach sollen 3.000 Überwachungskameras mit nationalen und regionalen Datenbanken verbunden werden.

Stellenmarkt
  1. Spezialist (m/w/d) für Informationssicherheit
    Versicherungskammer Bayern Versicherungsanstalt des öffentlichen Rechts, München Obergiesing-Fasangarten
  2. Softwareentwickler C++ (m/w/d)
    vitero GmbH, Stuttgart
Detailsuche

Dem Bericht zufolge soll Mitte September ein entsprechender Auftrag mit einem Volumen von 5 Millionen Yuan (690.000 Euro) an das chinesische Unternehmen Neusoft vergeben worden sein. In der Ausschreibung würden die Clouddienste des chinesischen Technikkonzerns Huawei sowie dessen KI-Software Fusion Insights als "Schlüsseltechniken" beschrieben, um das Überwachungssystem zu betreiben.

Rote, gelbe und grüne Journalisten

Der Ausschreibung zufolge (S. 85) werden die zu überwachenden Journalisten in drei farbliche Kategorien eingeteilt: grün, gelb und rot. Dem Bericht zufolge werden Warnungen ausgelöst, wenn ein Journalist sich in ein Hotel eincheckt, ein Ticket kauft oder die Provinzgrenze überschreitet. Laut IPVM könnte als Ergebnis einer Einschätzung von Behörden auch physische Gewalt gegen die Journalisten angewendet werden. Zudem wird angeregt, eine Datenbank mit ausländischen Journalisten zu führen. Laut Reuters ist Henan die erste chinesische Provinz, in der mit KI speziell nach Journalisten gesucht werden soll.

"Verdächtige Personen müssen beschattet und kontrolliert, dynamische Rechercheanalysen und Risikoeinschätzungen erstellt und die Journalisten entsprechend ihrer Kategorie behandelt werden", heißt es demnach in der Ausschreibung. Auch andere Gruppen wie ausländischen Studenten und Frauen aus Nachbarländern ohne legalen Wohnsitz sollen mit dem Programm verfolgt werden.

Golem Akademie
  1. Cinema 4D Grundlagen: virtueller Drei-Tage-Workshop
    14.–16. März 2022, Virtuell
  2. Cloud Computing mit Amazon Web Services (AWS): virtueller Drei-Tage-Workshop
    14.–16. Februar 2022, virtuell
Weitere IT-Trainings

Der Ausschreibung zufolge sollen die gesuchten Personen auch dann erkannt werden, wenn ihre Gesichter teilweise von einer Maske oder Brille bedeckt sind. Das System werde von mindestens 2.000 Beamten und Polizisten betrieben. Zudem sollen in Henan, mit 99 Millionen Einwohnern die drittgrößte Provinz Chinas, verschiedene Polizeibehörden an die Plattform angeschlossen werden, um im Falle einer Warnung aktiv zu werden.

Weder Neusoft noch die Behörden von Henan sollen auf Anfrage von IPVM und Reuters reagiert haben. Neusoft ist laut Wikipedia das größte Softwareentwicklungs- und IT-Dienstleistungsunternehmen Chinas. Der Namensbestandteil Neu ist dabei von der Northeastern University in Shenyang abgleitet, aus der die Firma 1991 ausgegründet wurde.

Huawei teilte auf Anfrage von IPVM mit, das Überwachungsprojekt nicht zu kennen und keine Systeme zu entwickeln, die auf spezielle Gruppen von Menschen zielten. Von seinen Geschäftspartnern verlange Huawei, die geltenden Gesetze und ethischen Geschäftsstandards einzuhalten.

Internet of Crimes: Warum wir alle Angst vor Hackern haben sollten (Deutsch) Gebundene Ausgabe

Ärger nach Berichten über Flutkatastrophe

Hintergrund der Überwachungspläne könnten die Berichte ausländischer Journalisten über die Flutkatastrophe in Henan vom Juli 2021 gewesen sein. Damals war Reportern von BBC, Los Angeles Times oder der Deutschen Welle vorgeworfen worden, Gerüchte in die Welt zu setzen und China schlecht zu machen. Der Journalist Mathias Bölinger wurde in der Provinzhauptstadt Zhengzhou von wütenden Menschen angegangen, weil sie ihn für einen BBC-Journalisten hielten.

In Europa wird ebenfalls über den Einsatz von automatisierter Gesichtserkennung zur Strafverfolgung oder Terrorismusprävention diskutiert. Während die EU-Kommission dies erlauben will, forderte das Europaparlament zuletzt in einer Resolution, den Einsatz dieser Technik zu verbieten. Die neue Ampelkoalition verlangt ebenfalls, biometrische Erkennung im öffentlichen Raum europarechtlich auszuschließen.

Nachtrag vom 30. November 2021, 13:48 Uhr

Wir haben das Statement von Huawei im siebten Absatz ergänzt.

Bitte aktivieren Sie Javascript.
Oder nutzen Sie das Golem-pur-Angebot
und lesen Golem.de
  • ohne Werbung
  • mit ausgeschaltetem Javascript
  • mit RSS-Volltext-Feed


Asgaros 01. Dez 2021 / Themenstart

Tja, wenn man sich selber vor Ort ein Bild machen kann, sehen viele Dinge plötzlich ganz...

thepiman 01. Dez 2021 / Themenstart

Deutschland schaut nur deshalb so genau hin, weil sich da bestimmt auch was von Nutzen lä...

chefin 01. Dez 2021 / Themenstart

Ja, es gibt 2 Sorten Menschen. Die einen können selbst denken und die anderen wollen, das...

Harioki 30. Nov 2021 / Themenstart

Auch die Schilderungen des im Artikel erwähnten Journalisten Mathias Bölinger. Da sieht...

Kommentieren



Aktuell auf der Startseite von Golem.de
Framework Laptop im Hardware-Test
Schrauber aller Länder, vereinigt euch!

Der modulare Framework Laptop ist ein wahrgewordener Basteltraum. Und unsere Begeisterung für das, was damit alles möglich ist, lässt sich nur schwer bändigen.
Ein Test von Oliver Nickel und Sebastian Grüner

Framework Laptop im Hardware-Test: Schrauber aller Länder, vereinigt euch!
Artikel
  1. FTTH: Liberty Network startet noch mal in Deutschland
    FTTH
    Liberty Network startet noch mal in Deutschland

    Das erste FTTH-Projekt ist gescheitert. Jetzt wandert Liberty von Brandenburg nach Bayern an den Starnberger See.

  2. 5.000 Dollar Belohnung: Elon Musk wollte Twitter-Konto von 19-Jährigem stilllegen
    5.000 Dollar Belohnung
    Elon Musk wollte Twitter-Konto von 19-Jährigem stilllegen

    Tesla-Chef Elon Musk bot einem US-Teenager jüngst angeblich 5.000 US-Dollar, damit der seinen auf Twitter betriebenen Flight-Tracker einstellt.

  3. Let's Encrypt: Was Admins heute tun müssen
    Let's Encrypt
    Was Admins heute tun müssen

    Heute um 17 Uhr werden bei Let's Encrypt Zertifikate zurückgezogen. Wir beschreiben, wie Admins prüfen können, ob sie betroffen sind.
    Eine Anleitung von Hanno Böck

Du willst dich mit Golem.de beruflich verändern oder weiterbilden?
Zum Stellenmarkt
Zur Akademie
Zum Coaching
  • Schnäppchen, Rabatte und Top-Angebote
    Die besten Deals des Tages
    Daily Deals • RTX 3080 12GB 1.499€ • iPhone 13 Pro 512GB 1.349€ • DXRacer Gaming-Stuhl 159€ • LG OLED 55 Zoll 1.149€ • PS5 Digital mit o2-Vertrag bestellbar • Prime-Filme für je 0,99€ leihen • One Plus Nord 2 335€ • Intel i7 3,6Ghz 399€ • Alternate: u.a. Sennheiser Gaming-Headset 169,90€ [Werbung]
    •  /