Fazit: fehlende Transparenz
Fassen wir noch einmal zusammen: Linde ging 2019 eine Partnerschaft mit dem Start-up ITM Power ein, dessen PEM-Elektrolyse-Technologie vielversprechend aussah. Die PEM-Elektrolyse war zwar schon lange bekannt, doch bis dahin hatte sie niemand industriell eingesetzt.
Einige Jahre später sieht die Bilanz nicht gut aus. Zwischen ITM Power und Linde knirscht es, die Partnerschaft scheint nicht weiter verfolgt zu werden. Linde wollte 2022 mit der Produktion von grünem Wasserstoff in Leuna beginnen, doch das ist bis heute, vier Jahre später, noch nicht passiert. Aus Sicherheitsgründen notwendige Umbaumaßnahmen und Neuplanungen sowie ein unerwarteter Unfall verzögerten die Inbetriebnahme immer weiter.
Man sollte einem Unternehmen wie Linde sicher nicht vorwerfen, dass es in innovative, grüne Technologien investiert. Eher könnte dem Unternehmen der Vorwurf gemacht werden, dass es derartige Investitionen viel zu lange hinausgezögert und auf fossile Rohstoffe gesetzt hat.
Ebenso sollte man Unternehmen keine Vorwürfe dafür machen, dass derartige Projekte schiefgehen, sich massiv verzögern oder viel schwieriger zu realisieren sind, als zunächst erwartet wurde. Verzögerungen bei großen Industrieprojekten sind nichts Ungewöhnliches, für neue Technologien gilt das erst recht. Niemand kann vorher mit Sicherheit sagen, wie sich vielversprechend klingende Technologien in der industriellen Praxis schlagen.
Bemerkenswert ist allerdings, dass die Sicherheitsprobleme intern seit Jahren bekannt waren und die Öffentlichkeit nichts davon erfuhr. Das gilt im Besonderen, da es sich um ein Projekt handelt, das mit vielen Millionen Euro an Steuergeldern gefördert wurde.
Auch hier gilt: Dass die Bundesrepublik und das Land Sachsen-Anhalt Klimaschutztechnologien fördern, die für die Klimaneutralität einiger Industriebranchen wie der Stahl- und der Chemieindustrie kaum verzichtbar sind, daran gibt es wenig auszusetzen. Allerdings sollte man erwarten, dass die Öffentlichkeit erfährt, was aus diesen Projekten wurde.
Ein Viertel der Grüner-Wasserstoff-Projekte in Deutschland nutzen Technologie von ITM Power
Alleine in Deutschland haben die in Bau und in Betrieb befindlichen Elektrolyseprojekte mit der Technologie von ITM Power eine Kapazität von über 300 Megawatt. Das ist etwa ein Viertel aller in Bau und in Betrieb befindlichen Elektrolyseprojekte in Deutschland. Für den Aufbau der grünen Wasserstoffindustrie hat diese Technologie also eine erhebliche Bedeutung.
Ob Linde und ITM Power ihre Partner überall über die Sicherheitsbedenken in Leuna und den Unfall im letzten Jahr informiert haben, wissen wir nicht.
Dass innovative, mit Steuergeldern geförderte Klimaschutztechnologien scheitern oder mit größeren Startschwierigkeiten kämpfen, ist nicht das Problem. Man sollte allerdings aus deren Erfahrungen lernen.
Der Autor dieses Artikels veröffentlicht einen englischsprachigen Newsletter über Industriedekarbonisierung. Dort wurde auch ein englischsprachiger Artikel über Lindes Projekt in Leuna und die Elektrolyseure von ITM Power(öffnet im neuen Fenster) veröffentlicht.
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