Ein kleiner Schritt für eine KI, ein riesiger Sprung für unseren Plan
Bald machen wir aber einen großen Sprung nach vorn. "Ich denke, wir brauchen vielleicht erst mal eine Formel wie z.B. den BMI (Body-Mass-Index)", breche ich das entstandene Schweigen. "Das ist einem Ernährungsberater zu wenig", antwortet Becker. Der BMI sei ja lediglich das Gewicht geteilt durch die Körpergröße. Alter und Aktivitätsniveau spielten ebenfalls eine Rolle, also ermittele man normalerweise erst den Grundumsatz, die BMR (Basal Metabolic Rate). Die könne dann mit einem Faktor multipliziert werden, der die Eigeneinschätzung der Klienten bezogen auf ihr Aktivitätsniveau berücksichtige.
Kober wirft ein: "Wir brauchen keine Formel, die KI kennt ja alle Formeln. Es reicht, der KI zu sagen: Errechne aus den Angaben XYZ den Gesamtkalorienbedarf." Der erste Versuch eines Prompts hinkt jedoch, da die KI je nach Lust und Laune mal die sogenannte Harris-Benedict-Formel, mal die Mifflin-St.-Jeor-Gleichungen zur Berechnung heranzieht. Die Formel von Mifflin-St. Jeor gilt aber als moderner und vor allem als genauer.
Der KI zu sagen, sie solle zur Berechnung nur diese Formel verwenden, stellt das Prompten natürlich vor keine Herausforderung. Das Aktivitätsniveau fragt die KI selbstständig und eindeutig ab und rechnet es korrekt in eine erweiterte Formel ein. ChatGPT stellt aber leider alle Fragen auf einmal, das ist gar nicht nutzerfreundlich, da es mitunter ein Zurückscrollen erfordert – oder ein sehr gutes Gedächtnis. Mit der Anweisung an die KI: "Bitte die Antwort für die Frage abwarten, bevor du die nächste Frage stellst", ist aber auch das scheinbar erledigt. Kober rät: "Für ein besseres Ergebnis hilft es außerdem, der KI zu Beginn des Prompts zu sagen, wer sie sein soll."
Ein wichtiger Schritt zur Erstellung eines Ernährungsplans, die Ermittlung des individuellen Gesamtkalorienbedarfs, gelingt dann mit dem Prompt: "Du bist jetzt ein Ernährungsberater und fragst mich nacheinander, welches Geschlecht ich habe, wie alt ich bin, wie viel ich wiege und wie groß ich bin und wie es mit meiner Bewegung aussieht. Bitte die Antwort für die Frage abwarten, bevor du die nächste Frage stellst. Dann errechnest du anhand der Mifflin-St.-Jeor-Formel und des Aktivitätsniveaus, wie viele Kalorien ich am Tag verbrauche."
Onlinetools, die das berechnen können, gibt es aber schon Dutzende im Netz, wenngleich nicht alle mit der zu bevorzugenden Mifflin-St.-Jeor-Formel. Unser KI-Ernährungsberater soll in jedem Fall mehr können.
Mama, ihm schmeckt's nicht
Welche Angaben benötigen wir nun, um einen gesunden Ernährungsplan mit leckeren Rezepten erstellen zu lassen? Wichtig sei grundsätzlich natürlich, dass die Ernährungsweise berücksichtigt wird, also vegan, vegetarisch oder z.B. mit Fleisch oder Fisch, sagt Becker. Wichtig sei auch zu wissen, wie viele Mahlzeiten pro Tag der Klient bevorzuge. Und in jedem Fall müssten eventuelle Unverträglichkeiten abgefragt werden. Herr Kober promptet die Fragen parallel.
Heraus kommen Rezepte für einen Tag, korrekt nach der Beispieleingabe für drei Mahlzeiten zusammengestellt. Ein Rezept enthält Rosenkohl. Herr Kober rümpft spontan die Nase: "Ich hasse Rosenkohl." "Und ich z.B. Brokkoli und Litschis, also muss in jedem Fall eine Abfrage der persönlichen, kulinarischen No-Gos enthalten sein", bemerke ich.
Eines der Rezepte enthält dann Blumenkohl an Grünkohl. Wir verziehen ob dieser Kombination alle drei das Gesicht. Frau Becker ergänzt: "Ein Ernährungsplan für einen Tag ist etwas wenig, üblicherweise wird der Plan für eine ganze Woche aufgestellt."
Das Prompten – geprägt von Versuch und Irrtum
Die Zusatzfragen sind nach einer Viertelstunde integriert, nachdem wir ChatGPT erneut und mehrfach sagen mussten, dass er die Fragen doch bitte nacheinander stellen und erst die Antwort abwarten möge, bevor er die nächste Frage stellt.
Den Gesamtkalorienbedarf verliert die KI trotz mehrerer Formulierungsversuche immer wieder aus den Augen und die Zahlen stimmen auch nach deutlichem Hinweis nicht mit den zuvor von ihr berechneten Bedarf überein, sondern weichen teilweise um über 400 Kalorien pro Tag ab. Wo ist da die viel gerühmte exponentielle Lernkurve?
Das wird sicher lösbar sein, hoffe ich zu diesem Zeitpunkt, und es zeigt sich schon jetzt, nach knapp zwei Stunden, dass bei der Erstellung eines Prompts dieser Kategorie eine Menge Trial-and-Error im Spiel ist – und das, obwohl sich ein Profi im Team befindet.