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CES 2019: Die Messe der unnützen Gaming-Hardware

CES 2019
Wer wollte schon immer dauerhaft auf einem kleinen 17-Zoll-Bildschirm spielen oder ein mehrere Kilogramm schweres Tablet mit sich herumtragen? Niemand! Das ficht die Hersteller aber nicht an – im Gegenteil, sie denken sich immer mehr Obskuritäten aus.
/ Oliver Nickel
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5.000 Euro will HP für seinen 65-Zoll-Gaming-Monitor haben. (Bild: Martin Wolf/Golem.de)
5.000 Euro will HP für seinen 65-Zoll-Gaming-Monitor haben. Bild: Martin Wolf/Golem.de

Jedes Jahr gibt es auf den Bühnen der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas viele kuriose Produkte zu sehen. Im Gaming-Sektor ist die Auswahl an Obskuritäten dieses Mal enorm. Wir haben ein übergroßes Surface Pro von Asus gesehen, ein absurd teures Convertible von Acer und einen 65-Zoll-Gaming-Monitor, der auf kaum einen Schreibtisch passt – und das ist längst nicht alles. Das ist zwar lustig, aber trotzdem fragen wir uns: Was denken sich die Hersteller eigentlich dabei?

Beschäftigen sich Unternehmen überhaupt mit den Bedürfnissen von Gamern oder ist ihr Ziel einfach nur: immer höher, weiter und teurer? Hauptsache RGB-Beleuchtung, Hauptsache, eine möglichst starke Grafikeinheit in ein Notebook zwängen – sieht auf dem Papier halt gut aus, ganz egal, wie unsinnig solche Produkte für Gamer sind. Die wollen nämlich im Zweifel nur ein Gerät, das als mobile Gaming-Station auf LAN-Partys oder unterwegs funktioniert – und das kein halbes Vermögen kostet.

Acers Convertible stößt auf ratlose Gesichter

Grober Unfug auf der CES, Beispiel Nummer eins: Das Acer Predator Triton 900 ist ein Convertible mit gefrästem Drehscharnier. Wir können das 17,3-Zoll-Gerät also auch als Tablet benutzen. Die Idee dahinter ist auf den zweiten Blick auch gar nicht mal schlecht: Wenn wir unsere eigene Tastatur und Maus anschließen, können wir das Display so drehen, dass die Notebookperipherie nicht im Weg ist. Gleichzeitig hat das Gerät einen Touchscreen und einen Stift-Digitizer. Warum? Weil ein Convertible das anscheinend haben muss. In einem Gaming-Gerät hat das unserer Meinung nach aber gar nichts zu suchen. Und als Tablet wollen wir den mehrere Kilogramm schweren Klotz sicherlich nicht herumtragen.

Acer stellt das Predator Triton 900 im Detail vor (CES 2019)
Acer stellt das Predator Triton 900 im Detail vor (CES 2019) (03:52)

Auffällig dabei ist, dass möglichst viel Hardware in das Gerät gestopft wurde, ein genereller Trend bei Gaming-Geräten auf der CES 2019. Eine Nvidia Geforce RTX 2080 muss es schon sein. Die kostet selbst als Desktop-Version um die 700 Euro. Dass das Triton 900 dann lediglich einen 45-Watt-Chip von Intel nutzt, ist ebenso großer Quatsch wie zwei NVMe-SSDs im RAID-0-Verbund. Ersterer wird in Spielen mit Sicherheit die schnelle Grafikeinheit ausbremsen, während eine NVMe-SSD schon so schnell ist, dass ein RAID 0 sich praktisch nur in Benchmarks bemerkbar macht. Und dafür will Acer dann auch noch 4.000 US-Dollar haben.

Zielgruppe: alle, die einen vermutlich nervig lauten, klobigen Laptop suchen, der ohne Netzteil erfahrungsgemäß nicht lange hält und auf dem Schreibtisch sowieso zugeklappt an einen Monitor, eine Tastatur und eine Maus angeschlossen wird.

Für Gamer, denen ein 17-Zoll-Bildschirm reicht

Beispiel Nummer zwei: Das Asus ROG Mothership , das komplett anders ist als das erste Beispiel. Das Gerät verzichtet auf ein klassisches Notebook-Design mit fester Tastatur und Touchpad. Stattdessen zeigen die Taiwaner auf der Messe ein übergroßes Surface Pro für Gamer – einschließlich ausklappbarem Standfuß. Das klingt erst einmal nach einer guten Idee, scheitert aber an der Umsetzung.

Asus ROG Mothership – Trailer
Asus ROG Mothership – Trailer (00:48)

Wie Konkurrent Acer will Asus mit dem Gerät einen Desktop-PC ersetzen und gleichzeitig kompakt halten. Daher sehen wir auch hier wieder eine Nvidia Geforce GTX 2080 neben einem Core-i9-8950HK für Laptops, der wie der Core i7 des Acer-Notebooks ein Leistungsbudget von 45 Watt hat und damit gegenüber Desktop-Prozessoren klar im Nachteil ist. Trotzdem muss er natürlich übertaktet sein, weil Gamer das halt so wollen.

Zielgruppe: alle, die dauerhaft auf einem winzigen 17-Zoll-Bildschirm spielen wollen, auch wenn er eine Bildfrequenz von 144 Hz hat. Alle, die sich außerdem eine Maschine auf dem Tisch wünschen, die mit ihren kleinen Lüftern unter Volllast quälend laut ist – und die gern einen hohen Preis dafür zahlen, weil sie mit dem Gerät ihren leistungsfähigen Desktop-PC ersetzen wollen.

Anscheinend will Asus die Landsleute von Acer zudem noch weiter übertrumpfen und verbaut gleich drei NVMe-SSDs im RAID 0. Ja, dadurch laden Spiele sehr schnell, das schafft aber – wie bereits erwähnt – ebenfalls eine einzelne M.2-SSD. Spieler können sich hingegen auf eine kürzere Haltbarkeit ihrer Daten einstellen, wenn eine SSD im Striping-Verbund versagt und Dateien nicht mehr gelesen werden können.

Der überteure Monitor, der bald obsolet ist

144 Hz Bildfrequenz! 4K-Auflösung! HDR! G-Sync! Und das alles auf 65 Zoll. Da ist es klar, dass HPs übergroßer Gaming-Monitor Omen X Emperium 65 sehr viel Geld kosten wird – unser Beispiel Nummer drei der unsinnigen Gamer-Produkte auf der CES. 5.000 US-Dollar will das Unternehmen dafür haben. Wir schlagen nur die Hände über dem Kopf zusammen und denken uns: Warum nicht einfach einen guten Fernseher als Monitor verwenden?

Die ungewöhnlich hohe Bildfrequenz des Emperium könnte für das HP-Produkt sprechen. Auf dem Markt sind 144 Hz und eine 4K-Auflösung bislang selten. Unkomprimiert schafft es allerdings nicht einmal die Displayport-1.4-Schnittstelle, diese Menge an Daten zu transportieren. Auch eine sehr schnelle Geforce RTX 2080 Ti – die für sich genommen bereits 1.300 Euro kostet – kann einige Spiele in 4K nicht so schnell beschleunigen.

Zielgruppe: alle, für die Geld wirklich so gar keine Rolle spielt.

HP Omen X Emporium 65 Gaming-Fernseher – Hands on
HP Omen X Emporium 65 Gaming-Fernseher – Hands on (01:35)

Da stellen wir uns lieber einen noch größeren Fernseher mit OLED-Panel in das Spielezimmer. Im Hinblick auf den kommenden HDMI-2.1-Standard wird HPs Monitor, der auf der CES 2019 noch ein Hingucker ist, schnell überflüssig. Künftige Geräte mit diesem Standard werden nämlich ebenfalls 4K-Bilder in 120 Bildern pro Sekunde darstellen können – für vermutlich weit weniger als 5.000 US-Dollar.

Die viele Hardware in den vorgestellten Geräten brauchen wir auf LAN-Partys oder beim Zocken unterwegs überhaupt nicht. Gerade kompetitive Titel wie Unreal Tournament, League of Legends, Quake Champions, Counter Strike: Global Offensive oder Overwatch laufen auch mit weniger potenter Grafikeinheit.

Deswegen – und auch, wenn wir noch so gut verstehen können, dass man mit Technik gern herumspielt und ihre Möglichkeiten ausreizt: Liebe Hersteller, wie wäre es denn mal mit etwas Simplem? Nämlich einem gut nutzbaren Notebook mit ausreichend Akkulaufzeit, akzeptablem Gewicht und einer Geforce GTX 1060 oder RTX 2060? Dazu ein Core-i5-Prozessor oder äquivalenter AMD-Ryzen-Chip, 16 GByte RAM und eine einzelne NVMe-SSD sowie ein Full-HD-Display. Mehr ist nicht nötig, denn für alles andere haben wir Spieler sowieso einen Desktop-PC, samt guter Tastatur, Maus und Gaming-Monitor.

Das würde in unserer Topliste der nützlichsten Gamer-Produkte für die CES 2020 vielleicht sogar auf Platz 1 kommen. Weniger ist mehr!


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