Cern: Ein Teilchenbeschleuniger als Vorbild für die Politik

Das Forschungszentrum Cern soll als Modell dienen, wie Europa wieder Anschluss an die technologische Weltspitze findet. Aber kann das klappen? Einblicke in die Geheimnisse eines Wunderlabors.

Eine Reportage von Konrad Fischer/Wirtschaftswoche veröffentlicht am
Ein Kontrollraum im Cern
Ein Kontrollraum im Cern (Bild: Dean Mouhtaropoulos/Getty Images)

Die Trophäen der Vergangenheit haben Staub angesetzt. Mitten auf dem langen Regalsims steht eine Magnumflasche russischen Wodkas, drumherum Dutzende Champagnerpullen in drangvoller Enge. "Es wird Zeit, dass wir mal wieder eine Flasche spendiert bekommen", sagt Mirko Pojer.

Inhalt:
  1. Cern: Ein Teilchenbeschleuniger als Vorbild für die Politik
  2. Karriereturbo ...

Er blickt über die Versammlung stumm blinkender Bildschirme, die der schlichten Industriehalle um ihn herum einen Hauch von Raumfahrtzentrum geben. Pojer leitet das Kontrollzentrum des Teilchenbeschleunigers LHC, er ist damit quasi verantwortlich für die Herzkammer der globalen Teilchenphysik. Das Gerät, das er da überwacht, ist ein 27 Kilometer langer, kreisrunder Tunnel unter dem Juragebirge, an der Grenze zwischen der Schweiz und Frankreich. Der LHC ist der mit Abstand größte Teilchenbeschleuniger der Welt. Und spätestens seit hier 2012 ein neues Teilchen, das Higgs-Boson, entdeckt wurde, hat der LHC damit auch das gesamte Forschungszentrum Cern weltberühmt gemacht.

Doch seit einiger Zeit läuft es nicht mehr. Der LHC liefert nicht, wie er soll. Für das laufende Jahr hatten die Physiker versprochen, die Leistung noch einmal deutlich zu steigern, doch der Beschleuniger erreicht seine Ziele nicht. Wenn die Maschine nicht liefert, dann gibt es keinen Champagner. Und wo er nicht fließt, da werden auch keine Teilchen entdeckt, ihre Eigenschaften bestimmt oder Theorien verworfen. So wollen es die profaneren Gesetze der Forschung.

Es ist genau dieser Alltag, für den sich derzeit die Welt auch jenseits der Wissenschaft am meisten interessiert. Wie funktioniert eigentlich dieses Cern? Wie schafft man es, ein internationales Forschungszentrum zu erschaffen, das dann nicht nur dekadente Kongresse organisiert, sondern tatsächlich in der Lage ist, weltbewegende Erkenntnisse zu liefern? Das Cern mag Schwächephasen haben, seiner Aura aber schadet das nicht. Hier wurden schließlich nicht nur Albert Einsteins Theorien praktisch bestätigt, sondern auch das Internet miterfunden. Da darf schon mal die Elektronik streiken.

Ein Cern für KI

Stellenmarkt
  1. Cloud Engineer / Cloud Architect mit Fokus auf Google Cloud Platform (m/f/x)
    Wabion GmbH, Stuttgart, Köln, deutschlandweit (Home-Office)
  2. Inhouse Berater SAP (m/w/d)
    über Hays AG, Giengen an der Brenz
Detailsuche

Immer wieder muss das Cern als Vorbild herhalten, wenn sich Länder vornehmen, eine neue Forschungsorganisation mit globalem Führungsanspruch zu erschaffen. Jüngstes Beispiel: die künstliche Intelligenz (KI). Deutschland und Frankreich wollen sich hier zusammentun, um den Rückstand auf China und die USA wettzumachen. "Vielleicht brauchen wir für KI so etwas jetzt auch", sagt sogar Oppositionspolitiker Christian Lindner (FDP) mit Blick auf das Cern, "eine europäische Initiative mit hohen Fördergeldern". Sogar einen Namen hätten einige europäische Forscher bereits: Ellis, Europäisches Labor für Lernende und Intelligente Systeme.

Aber ginge das überhaupt? Ließen sich die Organisationsprinzipien und der Erfolg des Cern einfach kopieren? Fakt ist: Bis heute ist es weltweit keiner Forschungseinrichtung gelungen, eine solche Dominanz in ihrem Feld zu entwickeln wie dem Cern in der Teilchenphysik. Außerdem gibt es das Cern immerhin schon seit 1954.

Es ist ausgerechnet der mehr als 60 Jahre alte Gründungsmythos des Cern, der es zum Ideal für abgehängte Europäer macht. Ist hier doch gelungen, was bei vielen digitalen Forschungsfeldern so unmöglich scheint: einen einmal erlittenen großen Rückstand wieder aufzuholen.

Die Entstehung ist direkt mit dem akademischen Brain Drain aus Europa während des Zweiten Weltkriegs verbunden. Alle bedeutenden jüdischen Wissenschaftler hatten den Kontinent damals gen Amerika verlassen, auch in Großbritannien und Frankreich hatten die verheerenden Lebensbedingungen viele Experten in die USA getrieben. Und während dort mit Hilfe ausgewanderter Exilanten kurz nach dem Kriegsende entscheidende Durchbrüche in der Atomphysik verzeichnet wurden, dämmerte der verbliebenen Forschergilde in Europa: Wenn wir uns nicht zusammentun, dann verlieren wir den Anschluss für immer.

Den Anstoß zur Gründung des Cern gab dann ausgerechnet ein amerikanischer Jude - der selbst erst als Kind mit seinen Eltern aus Galizien nach Amerika gekommen war. Der Nobelpreisträger Isidor Isaac Rabi regte bei der Unesco-Versammlung im Jahr 1950 die Gründung einer eigenen europäischen Organisation zur Atomphysikforschung an. Seine simple Erkenntnis: Konkurrenz belebt das Geschäft. Und genau in dieser inneren Struktur liegt bis heute eines der wesentlichen Erfolgsgeheimnisse des Cern.

Bitte aktivieren Sie Javascript.
Oder nutzen Sie das Golem-pur-Angebot
und lesen Golem.de
  • ohne Werbung
  • mit ausgeschaltetem Javascript
  • mit RSS-Volltext-Feed
Karriereturbo ... 
  1. 1
  2. 2
  3.  


Aktuell auf der Startseite von Golem.de
Sam Zeloof
Student baut Chip mit 1.200 Transistoren

In seiner Garage hat Sam Zeloof den Z2 fertiggestellt und merkt scherzhaft an, Moore's Law schneller umgesetzt zu haben als Intel selbst.

Sam Zeloof: Student baut Chip mit 1.200 Transistoren
Artikel
  1. Xbox Cloud Gaming: Wenn ich groß bin, möchte ich gerne Netflix werden
    Xbox Cloud Gaming
    Wenn ich groß bin, möchte ich gerne Netflix werden

    Call of Duty, Fallout oder Halo: Neue Spiele bequem am Business-Laptop via Stream zocken, klingt zu gut, um wahr zu sein. Ist auch nicht wahr.
    Ein Erfahrungsbericht von Benjamin Sterbenz

  2. IBM: Watson Health anteilig für 1 Mrd. US-Dollar verkauft
    IBM
    Watson Health anteilig für 1 Mrd. US-Dollar verkauft

    Mit Francisco Partners greift eine große Investmentgruppe zu, das Geschäft mit Watson Health soll laut IBM darunter aber nicht leiden.

  3. Geforce RTX 3000 (Ampere): Nvidia macht Founder's Editions teurer
    Geforce RTX 3000 (Ampere)
    Nvidia macht Founder's Editions teurer

    Die Preise der FE-Ampere-Grafikkarten steigen um bis zu 100 Euro, laut Nvidia handelt es sich schlicht um eine Inflationsbereinigung.

Du willst dich mit Golem.de beruflich verändern oder weiterbilden?
Zum Stellenmarkt
Zur Akademie
Zum Coaching
  • Schnäppchen, Rabatte und Top-Angebote
    Die besten Deals des Tages
    Daily Deals • MediaMarkt & Saturn: Heute alle Produkte versandkostenfrei • Corsair Vengeance RGB RT 16-GB-Kit DDR4-4000 114,90€ • Alternate (u.a. DeepCool AS500 Plus 61,89€) • Acer XV282K UHD/144 Hz 724,61€ • MindStar (u.a. be quiet! Pure Power 11 CM 600W 59€) • Sony-TVs heute im Angebot [Werbung]
    •  /