Cell Broadcast: Warum es am Warntag ruhig bleiben könnte
Nach jahrelanger Blockade hat sich Deutschland im vergangenen Jahr entschieden, für die Warnung vor Katastrophen künftig das sogenannte Cell Broadcast zu nutzen. Anders als über die Apps Katwarn oder Nina sollen Menschen in einer bestimmten Region zuverlässiger gewarnt werden können. Denn ein Cell Broadcast kann ja schließlich jedes Handy empfangen. Doch in der Praxis zeigt sich leider: Die Umsetzung des Warnkonzepts hat ihre Tücken und lässt sich nicht von heute auf morgen durch Mobilfunkbetreiber, Smartphonehersteller und Betriebssystemanbieter realisieren.
Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) teilte auf Anfrage von Golem.de mit, dass der diesjährige Warntag verschoben werden soll, weil das Cell Broadcast nur auf einem Bruchteil der genutzten Endgeräte in Deutschland funktioniert. Damit bestätigte die Behörde entsprechende Spekulationen vom Mai 2022.
Das BBK teilt mit: "Um ermöglichen zu können, dass zum Start der Testphase von Cell Broadcast am bundesweiten Warntag 2022 ein größtmöglicher Teil der Bürgerinnen und Bürger via Cell Broadcast erreicht werden kann, hat der AK V der IMK (Arbeitskreis V der Innenministerkonferenz, Anm. d. Red.) als neues Datum für den Warntag den 8. Dezember 2022 vorgeschlagen(öffnet im neuen Fenster)".
Die Verantwortlichen warten also offenbar noch etwas ab, damit die Betriebssystemhersteller und Provider mehr Zeit für Updates, Tests und Integrationen haben. Der AK V der IMK habe deshalb vorgeschlagen, "den Warntag und die erste Testwarnung über Cell Broadcast terminlich zu harmonisieren". So sollen möglichst viele Menschen über die Technik erreicht werden können.
Samsung räumt Problematik ein
Von den von Golem.de angefragten Mobilfunkherstellern wollte sich nur Samsung öffentlich äußern. Doch das Statement ist eindeutig: "Wir arbeiten gegenwärtig daran, möglichst vielen Menschen den Zugang zu dieser Funktionalität auf ihren bestehenden Samsung-Smartphones mit älteren Android-Versionen ermöglichen zu können. Eine Prognose dazu, welche Samsung-Smartphones bis zum Übergang in den Regelbetrieb im Februar 2023 darüber verfügen werden, ist gegen Ende 2022 realistisch."
Nach Angaben von Samsung werden derzeit nur Geräte, die Android 11 oder aktuellere Versionen des Betriebssystems unterstützen, "technisch in der Lage sein, die Cell- Broadcast-Funktionalität zu nutzen". Das dürfte auf andere Anbieter ebenfalls zutreffen, was uns auch unter der Hand bestätigt wurde. Die Verbreitung von Android 11 und 12 liegt laut Google derzeit bei 35 Prozent.
Wie die technische Unterstützung bei Feature-Phones aussieht, lässt sich derzeit nur mutmaßen. Bei Apples iOS ist hingegen klar, dass Cell Broadcast derzeit noch nicht für die in Deutschland eingesetzten Geräte unterstützt wird. Das kann erst mit einem iOS-Update umgesetzt werden. Inwieweit dies über das für Herbst geplante iOS 16 erfolgt, ist unklar.
Ebenso wie Android müssen auch iOS-Geräte im Zusammenspiel mit den Signalen der Provider getestet werden. Das Unternehmen wollte auf Nachfrage von Golem.de zum jetzigen Zeitpunkt keine Stellung zu der Problematik nehmen. Vermutlich verschieben IMK und BBK den Warntag auch deshalb und warten schlicht das iOS-Update zur CB-Unterstützung ab.
Welche technischen Hintergründe liegen dem zugrunde?
Beim Cell Broadcasting (CB) wird eine Textnachricht an Handynutzer verschickt – und zwar an alle Empfänger, die sich zum Sendezeitpunkt in der betreffenden Funkzelle aufhalten. Für das CB-Warnsystem werden außerdem spezielle Warntöne des Telefons abgespielt und der Lautlos-Modus übergangen.
Der technische Unterschied zur SMS besteht auf den Endgeräten vor allem darin, dass jedes Gerät standardmäßig normale SMS empfangen kann. Die Funktion zum Empfangen von CB-Nachrichten muss auf den Geräten aber explizit aktiviert werden. Das zumindest haben uns sowohl Hersteller als auch Provider im Gespräch versichert. Ebenso bestätigen dies sowohl das BBK als auch die Bundesnetzagentur (BNetzA) auf Anfrage von Golem.de.
Eine gesetzliche Pflicht, die Funktion auf den Endgeräten zu aktivieren, existiert in Deutschland bisher jedoch nicht. Die Behörden verweisen hierzu explizit auf den Gesetzgeber und den für die Cell-Broadcast-Warnungen neu eingeführten §164a des TKG. Die Endgerätehersteller seien nicht die Adressaten der darin festgelegten Verpflichtungen.
Andere Länder verpflichten Hersteller zu Cell-Broadcast
In der technischen Richtlinie zu dem Cell-Broadcast-Warnsystem(öffnet im neuen Fenster), das DE-Alert heißt, wird die "CB-Konfigurationen auf Mobilfunkendgeräten" lediglich als "informative Tabelle" dargestellt. In anderen europäischen Ländern gibt es hingegen eine solche Verpflichtung.
Letztlich lässt sich also nicht sicher sagen, wie viele der derzeit in Deutschland genutzten Handys überhaupt dafür vorbereitet sind, die CB-Nachrichten zu empfangen. Auch BBK und BNetzA teilen mit, dass dazu "zum jetzigen Zeitpunkt keine seriösen Aussagen getroffen werden" können. Ob dies auf dem eigenen Gerät der Fall ist, lässt sich jedoch nur unter bestimmten Bedingungen herausfinden und hängt darüber hinaus von weiteren technischen Details ab.
Um sich diesen zu nähern, hilft der Blick in den öffentlichen Quellcode des Android-Projekts. Bereits mit Android 2.2 Froyo(öffnet im neuen Fenster) im Jahr 2010 hat Google prinzipiell die Unterstützung für CB-Nachrichten eingeführt. Mit Android 2.3(öffnet im neuen Fenster) folgte dann eine App zum Darstellen der CB-Nachrichten, und mit Android 4.2(öffnet im neuen Fenster) im Jahr 2012 festgelegte Konstanten aus den Standards: die Message-ID, die teils auch Kanal genannt wird.
Deutschland nutzt keine dreistelligen IDs
Die in Android festgelegten Message-IDs folgen dabei der Cell-Broadcast-Spezifikation (PDF)(öffnet im neuen Fenster) und nutzen vierstellige IDs (dezimal). Diese sind laut Standard zum Zweck der öffentlichen Warnung festgelegt und werden weltweit in verschiedenen CB-Warnsystemen genutzt. Dazu gehören das Earthquake and Tsunami Warning System (ETWS), die Wireless Emergency Alerts (WEA) und Commercial Mobile Alert System (CMAS) sowie auch EU-Alert und die hiesige Umsetzung DE-Alert.
Zusätzlich zu den vierstelligen IDs haben sich die Gerätehersteller innerhalb der GSMA aber auch dreistellige IDs für Cell Broadcast reserviert. Diese dreistelligen IDs wie 919 für die höchste Warnkategorie werden etwa in den Niederlanden oder Rumänien verwendet, aber bisher nicht in Deutschland.
Hierzu teilen BNetzA und das BBK mit: "Eine parallele Aussendung von Warnungen (der höchsten Warnstufe) über den Kanal 919 wurde unabhängig davon im Rahmen des Erstellungsprozesses der Technischen Richtlinie DE Alert zwar diskutiert, von Seiten des Bedarfsträgers jedoch insbesondere mit Blick auf die damit verbundenen systemischen und funkzellenindividuellen Kapazitätsreduktionen als zu unvorteilhaft eingeschätzt und daher zunächst für die deutsche Implementierung zurückgestellt."
Vor allem in der Anfangszeit von Android war leider nicht ganz klar, ob und welche der genannten Software-Bestandteile und damit auch welche der IDs letztlich von den OEM-Herstellern übernommen und in ihren Android-ROMs umgesetzt wurden.
Cell Broadcast muss teilweise manuell aktiviert werden
So findet sich etwa in einem Galaxy Nexus mit Android 4.3 aus der Redaktion die Cell-Broadcast-App noch nicht. In einem Honor 5X mit Android 6 findet sich zwar die App mit zahlreichen Einstellungen, aber die aktivierten Kanäle sind nur dreistellig – in Deutschland würde das Gerät so keine Nachrichten erhalten.
In einigen älteren Samsung-Modellen müssen die Kanäle darüber hinaus wohl komplett selbst gewählt werden, wie eine Informationsseite aus den Niederlanden(öffnet im neuen Fenster) zeigt. Möglich ist auch, dass die Technik zwar vorhanden, aber deaktiviert ist. Ist die Technik in dem Android-Gerät umgesetzt, sollten in älteren Android-Versionen die CB-Optionen über die Einstellungen der Nachrichten-App erreicht werden können.
Einstellungen nicht leicht zu finden
In neueren Versionen finden sich die Einstellungen beispielsweise unter "Sicherheit und Notfälle". Dort gibt es dann einen Unterpunkt, der "Drahtlose Notfallalarme" heißen kann. Weitere Bezeichnungen der Funktion sind "Notfallwarnungen" oder "Notfallbenachrichtigungen für Mobilfunkgeräte" oder auch "Notfall-Broadcasts."Ein Hinweis auf den in Deutschland in der politischen Debatte vielfach genutzten Begriff Cell Broadcast findet sich teils gar nicht. Eine kurze Umfrage unter Kollegen und Bekannten zeigt, dass das eher verwirrend als wirklich hilfreich ist.
Theoretisch wäre es für die Hersteller zwar möglich, die Funktion für Cell Broadcast als Android-Update auch an ältere Geräte nachzuliefern, dass das aber für die zahlreichen Geräte geschieht, die offiziell eigentlich keinen Support mehr erhalten, ist eher unwahrscheinlich.
Mit Sicherheit lässt sich derzeit aber nur für die Android-Versionen 11 und 12 sagen, dass der Cell-Broadcast-Dienst und die -App vorhanden sind. Hier hat Google die Technik über die neuen Mainline-Module und das Apex-Format umgesetzt(öffnet im neuen Fenster). Diese können durch Google unabhängig vom OEM-Hersteller über die Play-Dienste gepflegt und aktualisiert werden.
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