Carol & the End of the World: In 7 Monaten und 13 Tagen geht die Welt unter

In Lars von Triers Melancholia(öffnet im neuen Fenster) war der Weltuntergang schwermütig, bei Auf der Suche nach einem Freund fürs Ende der Welt(öffnet im neuen Fenster) absurd-komisch mit bittersüßem Ende. Seit heute gibt es bei Netflix die Animationsserie Carol & the End of the World zur gleichen Thematik. Und wie die beiden Filme stellt auch sie die Frage: Wie reagieren Menschen auf das Ende und was machen sie mit der Zeit, die ihnen bleibt?
Anders als die genannten Filme hat die Miniserie zehn Folgen Zeit, um zu ergründen, was der kommende Untergang mit den Menschen macht. Als die Serie beginnt, ist dieses Ende bereits bekannt: Es wird noch sieben Monate und dreizehn Tage dauern, bis ein Zusammenstoß mit einem anderen Planeten stattfinden und alles vernichtet wird.
Die Menschen reagieren darauf mehrheitlich so: Sie machen einfach, was sie wollen. Nur Carol kommt damit nicht so gut zurecht, auch wenn sie ihren Eltern, die nur noch nackt herumlaufen, erzählt, dass sie mit Surfen angefangen hat. Tatsächlich macht sie aber gar nichts.
Sie trifft einen Mann, der die letzten Monate mit ihr verbringen will, doch Carol will nicht. Sie erlebt mit, wie ihre abenteuerlustige Schwester das Leben noch mal in vollen Zügen genießt.
Und Carol? Sie findet erst zu sich, als sie in einem Büro anheuert, dessen Zweck vor allem einer ist: die Angestellten davon abzulenken, dass das Ende naht. Aber je näher es kommt, desto weniger funktioniert das. Das Leben ruft, es will ausgekostet werden, egal wie wenig Zeit noch übrig ist.
Wie das Leben sich ändert
Der bloße Fakt, dass es sich um eine Zeichentrickserie handelt, wird einige Zuschauer vielleicht davon abhalten, sich auf die Serie einzulassen. Das wäre aber schade, denn sie ist ausgesprochen ernsthaft und für ein erwachsenes Publikum gedacht. Wäre sie in Realform umgesetzt worden, wäre sie wohl ein ganz großer Hit.
Aber gut, dann eben nur für die Eingeweihten und jene, die sich auf Zeichentrick einlassen. Diese Zuschauer erwartet eine erstaunliche Serie, die genau beobachtet, wie der Mensch angesichts des Endes agiert.
Die einen haben Sex, die anderen arbeiten
Die einen suchen ihr Heil im Hedonismus. Sie tun alles, was sie schon immer tun wollten, sie feiern, trinken, haben Sex, packen das Leben bei den Hörnern.
Und dann sind da die anderen, die der Situation nur begegnen können, indem sie sich einem Anschein von Normalität hingeben, die arbeiten, sich im Büroalltag betäuben - aus dem sie aber immer wieder rausgerissen werden.
Das Leben wäre anders, wenn man wüsste, dass nur noch sieben Monate bleiben und die Tage wie Sand in einer Sanduhr verrinnen. Weihnachten wird man nicht mehr erleben, darum wird ein Aprilweihnachten ausgerufen.
Traditionelle Beziehungskonstellationen werden überdacht. Manche leben nun in Dreier- oder Viererbeziehungen. Alles ist möglich. Das nahende Ende bietet die ultimative Freiheit - um zu sein, wer man ist, oder um zu werden, wer man sein will.
Das verleiht der Aussicht auf den Untergang etwas Versöhnliches, es nimmt ihm ein bisschen von seinem Schrecken, zumindest in der Serie. Dass das Ende kommt, ist unausweichlich, es ist ja schließlich auch eine in sich abgeschlossene Miniserie.
Der Weg von Carol, aber auch der Menschen um sie herum, ist das Ziel - bis zu dem wundervollen Schlussbild, das an Melancholia erinnert. Ein besseres Ende hätte man nicht finden können.



