Call-Etikette: Muss man in der Videokonferenz angezogen sein?

Wenn der Vorgesetzte nach Jahren im Homeoffice plötzlich eine Kleiderordnung erlässt, dürfte das Arbeitsgericht nicht mitspielen. Oder doch?

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Ohne Hosen - ohne Konsequenzen
Ohne Hosen - ohne Konsequenzen (Bild: Pixabay)

Nach fast zwei Jahren Covid-19-Pandemie und Homeoffice wundern sich einige Chefs, dass ihre Mitarbeiter unter diesen Bedingungen immer noch so hohen Einsatz zeigen. Andere Vorgesetzte hingegen mäkeln rum, wenn sie mal zwei Minuten später im Meeting eingeloggt sind oder der Jogginganzug nicht hoch geschlossen ist.

Doch muss der Beschäftigte die Kamera bei einem Video-Meeting anschalten? Darf er den Hintergrund blurren? Muss sich die IT-Expertin für das Meeting "ordentlich" anziehen - und wie schlimm ist es wirklich, wenn es wegen technischer Probleme öfter mal ein paar Minuten später wird?

Laut einer Philips-Umfrage mit 1.000 Teilnehmern im Alter von 18 bis 67 Jahren, die während der Coronapandemie im Homeoffice arbeiten, hat sich in der Berufswelt auch kleidungsmäßig einiges geändert. 72 Prozent der Deutschen ziehen sich demnach im Homeoffice anders an, als wenn sie zur Arbeit gehen würden.

Die meisten (68 Prozent) bevorzugen bequemere Kleidung wie eine Jogginghose. 25 Prozent der Befragten, die normalerweise zur Arbeit Business-Kleidung wie einen Anzug anhaben, tragen diesen jedoch auch im Homeoffice. Neun Prozent haben wegen der vielen Video-Calls einen ganz besonderen Stil gefunden: obenrum schick, untenrum bequem. Nur fünf Prozent verlottern total im Homeoffice. Dabei sei die jüngere Generation gefährdeter als die ältere, heißt es in der Umfrage.

Doch was kann eine Firma von ihren Beschäftigten bei der Bekleidung im Homeoffice vor der Kamera überhaupt verlangen? Die Antwort: einiges, doch nur im Rahmen des dort bisher Üblichen.

"Natürlich darf man als Beschäftigter nicht einfach unbekleidet wie beim FKK sein, außer die Firma ist in dem Bereich tätig", sagte Christian Götz, Jurist und Gewerkschaftssekretär in der Verdi-Bundesrechtsabteilung, im Gespräch mit Golem.de. Auch Mitarbeiter der Technik von Online-Erotik-Plattformen dürften hier andere Regeln haben.

Der alte Dresscode gilt im virtuellen Raum weiter

Götz hat im Bereich Homeoffice viele Erfahrungen in Arbeitsrechtsprozessen um Videokonferenzen. "Grundlegend ist erst einmal, ob es im Unternehmen überhaupt Kleidungsvorschriften gibt", erklärte der Anwalt. Dann sei die Frage, ob diese nur extern - im Umgang mit Kunden - oder generell im Team gelten. "Beim Kunden in gewisser Art und Weise auftreten zu müssen, ist völlig legitim. Da kann der Einzelne nichts dagegen machen."

Wenn dagegen etwa ein von Corona Genesener eine interne Videokonferenz im Morgenmantel annehme, solle die Firma froh sein, dass er überhaupt teilnimmt, betonte Götz. Abmahnungen - um auf Verfehlungen in Videokonferenzen aufmerksam zu machen - sind laut Götz nur wirksam, wenn eine betriebliche Vorgabe zu Anzug und Krawatte nicht nur existiert, sondern im Alltag auch gelebt wird.

Ein Anzug und sogar die Krawatte sind bei IT-Beratern im Kontakt mit Kunden nicht unüblich. Besonders im Bankensektor ist man hier weiter formal.

"Dabei handelt es sich durch die Pandemie in den vergangenen Jahren um eine Sondersituation mit Heim- und mobilem Arbeiten, was vor dem Arbeitsgericht auch immer berücksichtigt wird", sagte Götz.

Laut dem Anwalt Christian Solmecke von der Kölner Medienrechtskanzlei Wilde Beuger Solmecke gibt es für die Kleidung keine speziellen Anforderungen für den virtuellen Raum. "Grundsätzlich gelten hier keine anderen Regeln als am Arbeitsplatz: Es kommt zunächst darauf an, was vereinbart ist. Je nach Einzelfall stehen Kleidungsvorschriften im Arbeitsvertrag, im Tarifvertrag oder in einer Betriebsvereinbarung", sagte er.

Ist hier nichts vorgeschrieben, könnten Vorgesetzte bei einem berechtigten Interesse von ihrem Direktionsrecht Gebrauch machen und Arbeitskleidung vorschreiben. "Strenge Vorschriften sind aber eher bei Kundenkontakt mit dem 'berechtigten Interesse' zu rechtfertigen", erklärte Solmecke.

My Home - my Hintergrundbild

Auch dass die Kamera an ist, können Chefs in Videokonferenzen verlangen. Schließlich konnte die Firma in normalen Zeiten auch die Anwesenheit bei einer Besprechung im Konferenzraum verlangen. Zwar könne man den Einblick in die Privatwohnung als Eingriff ins Persönlichkeitsrecht betrachten, sagte Götz. Doch hätten Beschäftigte die Möglichkeit, den Hintergrund technisch zu wählen oder unkenntlich zu machen, so dass keine Einblicke ins Privatleben möglich seien.

Zudem könnten durch weitere Anwesende im Haushalt die Anforderungen auch etwas geringer sein. "Bei Kindern oder der hochschwangeren Partnerin im Hintergrund muss niemand die Kamera anschalten", betonte Götz. So üblich es also sei, dass man die Kamera bei der Videokonferenz im Team einschaltet, so legitim sei es auch, den Hintergrund zu verändern und die Wohnung auszublenden. "Erfolgen hier Abmahnungen, wird sich das Arbeitsgericht das angucken und im Einzelfall nicht stattgeben", sagte Götz.

Solmecke zufolge gibt es für die Anforderungen zum Hintergrundbild keine besonderen Regeln. "Lediglich, wenn etwas im Hintergrund für die anderen sehr störend sein sollte und andere ablenkt, dürfte der Arbeitgeber wohl verlangen, einen anderen Hintergrund zu wählen", sagte er.

Darüber hinaus sei der Arbeitnehmer selbst in der Pflicht, darauf zu achten, dass keine anderen Personen aus dem Haushalt zu sehen sind. Denn schließlich hätten auch sie Persönlichkeitsrechte und haben wohl nicht eingewilligt, bei einer Konferenz live im Bild zu sein. "Um die eigene Privatsphäre zu wahren, kann man von der technischen Möglichkeit Gebrauch machen, den Hintergrund zu 'blurren' oder einen virtuellen zu wählen", betonte auch Solmecke.

Videokonferenz: "Die fangen einfach immer ohne mich an"

Auch die Pünktlichkeit sei nicht wie bisher zu bewerten, sagte Gewerkschaftssekretär Götz. "Wer wegen technischer Probleme unpünktlich ist, etwa weil ein Neustart nötig wird, muss keine Probleme fürchten. Damit hatte in der Zwischenzeit auch jeder Richter praktisch zu tun." Wenn das aber jedes Mal bei einem Mitarbeiter auftrete, quasi als Masche, werde ein Arbeitsgericht das anders bewerten.

Das sieht Solmecke anders: Pünktlichkeit sei eine Nebenpflicht aus dem Arbeitsvertrag. Wer häufig verschuldet Termine nicht einhalte, verletzte diese Pflicht. Es drohe zunächst eine Abmahnung und nach weiteren Verstößen eine verhaltensbedingte Kündigung. Die Frage aber sei: "Wem ist es zuzurechnen, dass es technische Probleme gibt?"

Bei der ersten Verwendung eines Zoom-Tools könne man vom Arbeitnehmer verlangen, sich einige Zeit vorher mit der Technik vertraut zu machen, damit alles funktioniert. "Wer hier eine Minute vorher erst anfängt, dem ist das Zuspätkommen sicherlich zuzurechnen. Wenn jedoch bislang immer alles funktioniert hat und es auf einmal unvorhergesehene technische Probleme gibt, dann begründet eine Verspätung deswegen kein Recht abzumahnen", erklärte Solmecke.

Zwei Anwälte - drei Meinungen, das ist ein bekanntes Problem. Wenn mehr praktische Beispiele von den Arbeitsgerichten vorliegen, dürfte sich die Frage des leicht verspäteten Kollegen im Morgenmantel im Videochat vielleicht klären. Wenn die Menschheit denn keine anderen Probleme hat.

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crazypsycho 10. Jan 2022

Ich auch, aber ich ziehe mir mittlerweile nicht mal für den Postboten eine Hose an.

crazypsycho 10. Jan 2022

Bei mir ist es auch im Winter nur eine Boxershort. Dafür hab ich dann aber noch eine...

crazypsycho 10. Jan 2022

Ich laufe zuhause so gut wie immer nur mit Unterhosen bzw Boxershorts rum. Hab auch...

User_x 09. Jan 2022

Nicht verstecken, richtig. Aber was hast du davon jemanden zu sehen? Wäre es hilfreich...



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