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Musk sei ein Potentat, ''manchmal gereizt, oft lustig''

Außerdem habe der Stiefvater ihr Backgammon und Risiko beigebracht, "Spiele, bei denen es sowohl um Glück als auch um Mut geht, was mir dabei half, eine sehr gute taktische und strategische Denkerin zu werden". Zusammenfassend lasse sich sagen: "Ich bin sehr gut in der Kunst des Spielens und genereller Mindfuckery geworden."

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Einer der interessantesten Teile ihres Buchs behandelt den Tag, den sie zu den schwärzesten Tagen der Tech-Industrie zählt. Für den 14. Dezember 2015 hatte der kommende Präsident der USA, Donald J. Trump, die Spitzen dieser Branche zum Gespräch im Trump Tower gebeten. Die im Erkennen von Strategien geübte Journalistin ahnte sofort, welche Gefahren mit dieser Einladung verbunden sein könnten und machte sich daran, die Eingeladenen anzurufen.

Es stehe zu viel auf dem Spiel, warnte sie, die Branche, die so gern damit kokettiere, dass sie die Welt zum Guten ändere, müsse Trumps geplante einseitige Propagandashow verhindern und ihm konkrete Forderungen stellen. Swisher hoffte, dass die Vertreter der Industrie, "die wie keine sonst auf Einwanderung angewiesen ist, sich dem künftigen Präsidenten gegenüber entsprechend verhalten und ihm klarmachen würden, dass sie schärfere Immigrationsgesetze nicht hinnehmen werden".

Zu den ersten, die Swisher anrief, gehörte Elon Musk, den sie als Potentaten beschreibt, "der manchmal gereizt, oft lustig und immer zugänglich war". Damals habe sie sich darauf verlassen können, dass er "auf halbmenschlicher Basis mit mir interagieren würde". Musk, der sich "später auf Twitter in einen großen Trollkönig verwandelte, gehörte zu den wenigen Tech-Titanen, die nicht auf die eingeübten Gesprächsthemen zurückgriffen, auch wenn er vielleicht derjenige war, der es am meisten hätte tun sollen".

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Swisher blitzte ab. "Als ich Trumps ständige spaltende Panikmache und seine Wahlversprechen ansprach, Fortschritte bei progressiven Themen von der Einwanderung bis zu den Rechten von Homosexuellen zunichtezumachen", habe Musk stur darauf beharrt, dass er ihn überzeugen und beeinflussen könne.

Es kam anders, wie Swisher in ihrem typischen Stil schreibt: "Obwohl der gewählte Präsident Amazon und Apple offen namentlich angegriffen hatte, traten Jeff Bezos und Tim Cook zusammen mit vielen anderen in einer nicht im Fernsehen übertragenen Folge von The Apprentice: Nerd Edition gegeneinander an."

Die Tech-Manager wollten laut Swisher nämlich "nicht nur Visa, sondern auch Verträge mit der neuen Regierung, insbesondere dem Militär". Und stellten in den folgenden Jahren ihre Plattformen willig für Propaganda und die Verbreitung von Fake News bereit. Musk habe später Swisher gegenüber zugegeben, dass es besser gewesen wäre, Trumps Einladung nicht zu folgen.

Facebook und Co. seien die "digitalen Waffenhändler der Moderne"

In den folgenden Jahren beschäftigte sich Kara Swisher zunehmend mit den Folgen und Auswirkungen der Trump-Präsidentschaft sowie der Unwilligkeit der meisten Tech-Firmen, Hass, Hetze, Desinformation und Fake News Einhalt zu gebieten. Im Studium, so erklärt sie, habe sie im Nebenfach Holocaust Studies belegt, "es ging dabei viel um Propaganda".

Facebook, Twitter, Youtube und Co. seien "zu den digitalen Waffenhändlern der Moderne geworden", schrieb sie 2018 in ihrer ersten Kolumne für die New York Times. "Sie haben die menschliche Kommunikation so verändert, dass es allzu oft darum geht, Menschen gegeneinander auszuspielen, und diese Zwietracht auf ein beispielloses und schädliches Ausmaß gebracht hat. Sie haben den Ersten Verfassungszusatz zu einer Waffe gemacht. Sie haben den bürgerlichen Diskurs zu einer Waffe gemacht. Und sie haben vor allem die Politik zu einer Waffe gemacht."

Swisher setzte sich in der Folge unter anderem sehr dafür ein, dass Twitter und Facebook Hass-Accounts löschen sollten. Noch etwas später, nämlich nach der Übernahme von Twitter, war es dann auch vorbei mit dem guten Verhältnis zwischen Journalistin und Tech Bro. Kara Swisher schildert in ihrem Buch detailliert, wie es dazu kam, dass Musk schließlich öffentlich verkündete: "Ich habe das Böse selten in einer so reinen Form gesehen wie in den Herzen von Yoel Roth und Kara Swisher, die von brodelndem Hass erfüllt sind. Ich betrachte ihre Abneigung mir gegenüber als Kompliment."

Wie sieht die digitale Zukunft aus?

Auch das wird Swishers mutmaßlich keine Stunde Schlaf gekostet haben. Und was die digitale Zukunft angeht, endet ihr Buch verhalten optimistisch: Wenn weiterhin eine kleine Gruppe "abgehobener Tech-Milliardäre" die Entscheidungen über den künftigen Weg der Technologie fälle, "würde ich sagen, dass ich mir Sorgen mache; wenn es sich dagegen um eine diverse Gruppe von Stimmen handelt, die bereit sind, zuzuhören und Kompromisse einzugehen, bin ich optimistischer".

Ganz am Ende kommt Kara Swisher noch einmal auf den frühen Tod ihres Vaters zu sprechen: "Die einzige Gewissheit, die ich (...) bieten kann, ist, dass das analoge Leben eines jeden irgendwann enden wird, auch wenn die digitale Präsenz bis in die Ewigkeit bestehen bleibt." Das sei die wichtigste Lektion des frühen Todes ihres Vaters gewesen.

"Er dachte, dass er auf dem Weg zum großen Durchbruch sei, und dann ist er eines Tages einfach umgefallen, und das hat alles beeinflusst, was ich seitdem getan habe. Das heißt, ich habe keine Zeit zum Schwelgen. Du hast auch keine Zeit. Niemand hat Zeit."

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