''Stell dir vor, die Hälfte deiner Freunde wäre tot''
Kara Swisher ist fünf Jahre alt, als ihr geliebter Vater im Alter von 34 Jahren unerwartet an einer Gehirnblutung stirbt. Die Umstände, so lassen es ihre sehr zurückhaltenden Schilderungen dieses Tages vermuten, waren dramatisch: Dr. Louis Bush Swisher lag bewusstlos im Bett seines verschlossenen Schlafzimmers, dessen Tür aufzubrechen weder seiner Frau noch Karas Brüdern, sondern erst der Feuerwehr gelang. Er starb nach zwei erfolglosen Operationen, ohne nochmal aus seinem Koma aufzuwachen.
Wie traumatisch dieses Erlebnis für das kleine Mädchen war, macht Swisher im Buch an einem Beispiel deutlich: "Stell dir vor, plötzlich wäre die Hälfte deiner Freunde tot." Dreh- und Angelpunkt der Welt von jungen Kindern seien die Eltern, fehlten plötzlich der Vater oder die Mutter, sei diese Welt in ihren Grundfesten erschüttert.
Louis Bush Swisher hatte kein sorgloses Leben, aufgewachsen in bescheidenen Verhältnissen in West Virginia, hatte er sich die College-Ausbildung und das spätere Medizinstudium nur durch die Verpflichtung bei der US-Navy leisten können.
Zum Zeitpunkt seines Todes leitete er die Anästhesieabteilung des Brooklyn Jewish Hospitals und freute sich sehr, dass er endlich in der Lage war, ein Haus für die Familie zu kaufen.
Kara Swishers Mutter heiratete bald wieder, und zwar einen Mann, der nur wenig Rücksicht auf die Gefühle der traumatisierten Kinder nahm. Er verkaufte umgehend das Haus, auf das Louis Swisher so stolz gewesen war, gab dessen Hund weg und "sorgte für ein komfortables Mittelklasse-Umfeld, das er durch eine Flut von beiläufigen Grausamkeiten ruinierte".
Die gemeinsamen Abendessen, die ein extra eingestellter Koch zubereitete, wurden etwa laut Kara Swisher dadurch ruiniert, dass der Stiefvater sie durch verhörähnliche Fragen und gemeine Bemerkungen über Bildungslücken und ähnliche Mängel der Kinder zu rundum unangenehmen Pflichtterminen machte. Die Benutzung des eigenen Tennisplatzes war verboten, später hörte er das Telefon in Karas Zimmer ab, was allerdings keine Konsequenzen hatte, "denn ich war der womöglich langweiligste Teenager von allen".
Über den Vorteil, von einem "Bösewicht" großgezogen zu werden
Wie für die meisten Leute, die in den 60ern und davor geliebte Menschen verloren, gab es auch für Kara Swisher kaum Möglichkeiten, sich zum Trost ihren Vater ins Gedächtnis zu rufen. Kein Super-8-Film, der ihr half, sich daran zu erinnern, wie er lachte oder sich bewegte. Keine Tonbandaufnahmen, die seine Stimme konserviert hatte, nur Fotos, die wie die Erinnerungen an ihn mit den Jahren immer mehr verblichen.
Ausgeschlossen ist es nicht, dass neben viel Spaß an Mathematik und Analysen auch dieser Mangel zu Swishers Begeisterung für die vielfältigen neuen technischen Möglichkeiten führte. Aber man solle auf keinen Fall kein Mitleid mit ihr haben, schreibt Swisher in ihrem Buch explizit, denn es sei durchaus "von Vorteil" gewesen, "von jemandem aufgezogen zu werden, den ich für einen Bösewicht hielt – ich war außerordentlich schnell auf den Beinen".