Bundesweiter Warntag: "Es wird richtig, richtig laut!"

Am 8. Dezember wird die Nationale Warnzentrale des Bundes gegen 11 Uhr vormittags eine Warnmitteilung an alle Mobilfunkgeräte schicken, die sich in Funkzellen auf deutschem Boden befinden. "Es wird richtig, richtig laut" , sagte ein Experte des Mobilfunkbetreibers Vodafone Golem.de.
Das Warnsignal soll auf dem Endgerät mit maximaler Gerätelautstärke und Vibrieren wiedergegeben werden, auch wenn das Gerät auf leise gestellt ist oder sich im Schlafmodus befindet. Das Signal soll auch nicht unterdrückt werden können. Weder verfügbares Datenvolumen noch eine bestehende Internetverbindung spielen eine Rolle. Nur Geräte, die ausgeschaltet sind oder sich im Flugmodus befinden, werden stumm bleiben.
Anlass für die Einführung von Cell Broadcast (CB) ist, dass während der Hochwasserkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland mindestens 186 Menschen starben, weil Warnungen sie nicht rechtzeitig erreichten.
Erst Android 11 unterstützt CB automatisch
Cell Broadcast wird bei Android derzeit nur ab Version 11 und bei iOS ab Version 15.6.1 (iPhone 6S bis 7) und 16.1 (ab iPhone 8) unterstützt. Die Verbreitung von Android 11 und 12 liegt laut Google bei 40,5 Prozent (Stand August 2022). Inzwischen haben die meisten iOS-Nutzer die Version 16.1 installiert(öffnet im neuen Fenster) , so dass weitere 20 bis 30 Prozent der Smartphone-Nutzer erreicht werden.
Darüber hinaus haben Gerätehersteller wie Samsung versucht, ältere Produkte per Updates für Cell Broadcast in Deutschland nachzurüsten. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) hat eine Liste mit Geräten veröffentlicht(öffnet im neuen Fenster) , die die Warnungen empfangen können oder nicht dafür geeignet sind. Jedoch sind auf der Liste nur Geräte von Apple, Samsung, Google und Sony vertreten.
Auch ältere Handys sollen erreicht werden
Zudem hat die Bundesnetzagentur nachträglich ihre Vorgaben ergänzt , damit auch ältere Handys eine Katastrophenwarnung erhalten können. Damit soll erreicht werden, dass "Warnmeldungen von möglichst vielen, auch älteren Endgeräten empfangen werden können und insbesondere auch in Gebieten mit zwischen den Netzbetreibern geteilter Infrastruktur die Alarmierung auf den Endgeräten sichergestellt ist" . Die überarbeitete Technische Richtlinie DE-Alert (PDF)(öffnet im neuen Fenster) wurde am 23. November 2022 veröffentlicht.






Die am 8. Dezember verschickte Warnmeldung werde als reguläre Warnmeldung und nicht als Testmeldung verschickt, teilte das BBK auf Nachfrage mit. Daher müssen Nutzer auch nicht die in den Einstellungen deaktivierten Test-Meldungen aktivieren. Die Einstellungen befinden sich bei iOS unter dem Punkt Mitteilungen ganz unten am Bildschirm unter Cell Broadcast Warnungen oder Alerts sowie bei Android unter Erweitert und dort unter Notfallbenachrichtigungen für Mobilgeräte.
Wie viele Nutzer erreicht werden, ist die alles entscheidende Frage.
Wer wird durch Cell Broadcast erreicht?
Für den Test am 8. Dezember wird, so heißt es aus Kreisen der Mobilfunkprovider, eine Reichweite von etwa 80 Prozent angepeilt. Die angestrebten 80 Prozent der deutschen Bevölkerung sind immer noch etwas entfernt von den 90 Prozent, die in den Niederlanden üblich sind.
Dort wurde Cell Broadcast im November 2012 eingeführt. Im Juni 2020 wurden bei einem landesweiten Test 90 Prozent der Bevölkerung durch das Cell-Broadcast-System NL-Alert direkt erreicht, weitere vier Prozent wurden durch andere Personen wie Familienmitglieder informiert. Es gab altersbedingte Unterschiede: Während Menschen zwischen 18 und 34 Jahren zu 95 Prozent erreichbar waren, waren es nur 73 Prozent der Menschen ab 75 Jahren. Möglicherweise verfügen nicht so viele ältere Personen über ein Empfangsgerät.
"Die Einführungszeit in Deutschland war extrem kurz," erklärt eine Sprecherin des BBK. Eine gesetzliche Pflicht, die Funktion auf den Endgeräten zu aktivieren, existiert in Deutschland noch nicht. Es hängt also von der freiwilligen Kooperation der Hersteller ab, wie viele Geräte Cell Broadcast umsetzen können. In anderen europäischen Ländern wie den Niederlanden gibt es hingegen eine solche Verpflichtung.
Wird die Nachricht auch verstanden?
Ob die Mitteilung alle erreicht, ist auch eine Frage der Sprache. Am 8. Dezember wird die Cell-Broadcast-Nachricht zunächst nur in deutscher und englischer Sprache veröffentlicht. Die jeweils angezeigte Sprache soll abhängig von den Systemeinstellungen sein.
"Aus wissenschaftlicher Perspektive wäre es wünschenswert, dass möglichst viele Menschen in Deutschland Warnungen erhalten können und diese dann auch verstanden werden," sagt Ramian Fathi, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet für Bevölkerungsschutz, Katastrophenhilfe und Objektsicherheit an der Bergischen Universität Wuppertal. Wenn die Warnung entsprechend der Spracheinstellungen des Handys ausgespielt würde, könnten auch Personen erreicht werden, die möglicherweise der deutschen Sprache nicht mächtig seien, etwa Touristen oder Geflüchtete.
DE-Alert sieht Mehrsprachigkeit vor
Eine mehrsprachige Ausspielung sollte überdies ihre Fortsetzung in den weiterführenden Informationsangeboten der Behörden finden, betont der Katastrophenkommunikationsexperte Fathi. Werde beispielsweise in der Warnnachricht ein Link für weiterführende Informationen übermittelt, sollte dieser Link auf eine Internetseite in derselben Sprache führen, in der gewarnt wurde. Das lasse sich voraussichtlich nur schrittweise umsetzen.
Die Technische Richtlinie sieht eine solche Mehrsprachigkeit zumindest vor. So heißt es unter anderem: "Eine CBC-Implementierung sollte jedoch nicht auf die Sprachen Deutsch und Englisch beschränkt, sondern grundsätzlich in der Lage sein, zukünftig auch weitere Sprachen (z. B. Arabisch, Französisch, Polnisch, Russisch, Spanisch und Türkisch) zu unterstützen."
Rein technisch müssen dazu mehrere Nachrichten verschickt werden. "Ist eine Warnmeldung in mehreren Sprachen an die empfangsbereiten Mobilfunkendgeräte auszusenden, erzeugt und verschickt die MoWaS-CBE entsprechend viele individuelle MoWaS-Warnmeldungen" , heißt es in der Richtlinie. Dabei steht MoWas für Modulares Warnsystem und CBE für Cell Broadcast Entity. Die CBEs liegen im alleinigen Verantwortungsbereich des BBK.
Vor dem Wirkbetrieb wird das BBK nach dem Warntag auswerten, wie viele Menschen erreicht wurden.
Auswertung der Ergebnisse des Warntags
Cell Broadcast verfügt nicht über einen Rückkanal, der eine automatische Benachrichtigung ermöglichen würde. Bürgerinnen und Bürger können jedoch auf der Webseite warnung-der-bevoelkerung.de(öffnet im neuen Fenster) , in der Warn-App Nina sowie auf den Webseite des BBK selbst Rückmeldung geben. Außerdem wird es unter https://www.warntag-umfrage.de/(öffnet im neuen Fenster) möglich sein, Erfahrungen mit der Probewarnung zu teilen.
"Ziel der Umfrage ist es, den Bürgerinnen und Bürgern eine Feedbackmöglichkeit zu geben, Erfahrungen gebündelt zu sammeln und die technische Funktionsweise und Wirkung der Warnung sowie der Warnmittel zu analysieren," teilt das BBK mit. Die Umfrage ermögliche außerdem eine annäherungsweise Bestimmung der Prozentzahl der erreichten Mobilfunknutzerinnen und -nutzer.
Fathi dazu: "Es wäre wichtig, dass die Prozentzahl der erreichten Bevölkerung über eine repräsentative Befragung ermittelt wird." Nur so könnten auch diejenigen berücksichtigt werden, die etwa bei aktiviertem Flugmodus oder ausgeschaltetem Gerät nicht erreicht werden konnten. Die Verteilung über die nächsten Jahre sei darüber hinaus von besonderem Interesse, um etwaige Entwicklungen für die Einsatzplanung berücksichtigen zu können.
Wirkbetrieb ab Ende Februar 2023
Nach der Ergebnisauswertung will das BBK den technischen Ablauf unter Einbeziehung aller am Prozess Beteiligten weiter optimieren. Beispielsweise könnte die Behörde Empfehlungen herausgeben, wie Geräte- und Betriebssystemhersteller die Endgeräte-Einstellungen formulieren sollen. Das BBK geht davon aus, dass künftig mehr und mehr Menschen erreicht werden, einfach dadurch, dass alte, nicht Cell-Broadcast-empfangsfähige Handys aussortiert werden.
Bereits ab Ende Februar 2023 soll Cell Broadcast in den Wirkbetrieb gehen. Das heißt, dass die Funktion für alle warnenden Stellen im Modularen Warnsystem des Bundes freigeschaltet wird. Alle Leitstellen können dann eine Warnung durch Cell Broadcast auslösen. Es wird damit ein Bestandteil des Warnmittelmixes, der aus unter anderem aus Rundfunk und Fernsehen, Internet, Warn-Apps, digitalen Stadtinformationstafeln, Sirenen und Lautsprecherwagen besteht.