Bundestagswahl: Wie das Internet die Wahl entscheidet

Die rasante Entwicklung der sozialen Medien und der mobilen Anwendungen seit 2009 zwingt die Parteien dazu, ihren Wahlkampf im Netz nach neuen Regeln zu gestalten. Das Internet soll auf ganz unterschiedliche Weise dazu beitragen, die Wahl zu entscheiden. Auf den ersten Blick ist dabei häufig gar nicht zu erkennen, in welcher Form die Parteien in ihre Websites investiert haben. Genaue Zahlen geben die Wahlkampfmanager nicht preis, doch ist von allen befragten Parteien zu hören, dass "deutlich mehr Geld für Online als 2009" ausgegeben wird, wie zum Beispiel Robert Heinrich von den Grünen auf Golem.de-Anfrage sagte.
Grund für eine neue Programmierung der Seiten ist zum einen die stärkere Verbreitung mobiler Endgeräte. " Responsive Design(öffnet im neuen Fenster) " lautet bei der CDU beispielsweise die Antwort darauf, dass immer mehr Nutzer per Smartphone oder Tablet im Internet surfen. Mit "Responsive Design" wird die ausgegebene Seite unabhängig von Apps auf das jeweilige Endgerät angepasst. Aber auch um die barrierefreie Darstellung der Seiten haben sich die Parteien bemüht. So ist bei der CDU inzwischen jeder Beitrag mit einer Vorlesefunktion ausgestattet, selbst das 128-seitige Wahlprogramm(öffnet im neuen Fenster) . Optisch passen sich die Seiten ebenfalls den neuen Nutzergewohnheiten an. Die Grünen-Kampagne " Zwei Minuten(öffnet im neuen Fenster) " ist auf eine Tablet-Darstellung zugeschnitten, die FDP-Wahlseite(öffnet im neuen Fenster) ganz in Kacheloptik gehalten.
Facebook-Seiten nach dem Stopfgansprinzip
Doch anders als in früheren Jahren ist die eigene Website nur noch eine von vielen Plattformen im Netz, auf denen die Parteien Präsenz zeigen müssen. So hatten die Piraten erst drei Wochen vor der Wahl 2009, am 6. September, einen Facebook-Account angelegt. In diesem Jahr liegen sie mit rund 83.000 Fans deutlich vor den Bundestagsparteien, die im Laufe des Jahres 2009 oder kurz vorher dem sozialen Netzwerk beigetreten waren. "Der wichtigste Baustein in der diesjährigen Onlinekampagne ist der Social-Media-Bereich mit Facebook, Twitter und Youtube" , sagt CDU-Wahlkampfmanager Oliver Rösler Golem.de. So nutzen alle Parteien ihre Facebook-Profile, um sie nach dem Stopfgansprinzip frei von ästhetischen Ansprüchen mit Werbebotschaften zuzupflastern.
Selbstverständlich sind auch alle Bundestagskandidaten angehalten, eigene Artikel zu verfassen. Sie dokumentieren auf Facebook und Twitter fleißig ihre Aktivitäten, die in früheren Jahren nicht einmal der Lokalzeitung eine Notiz wert gewesen wären. Erstaunlich ist der Facebook-Aufstieg der Alternative für Deutschland (AfD)(öffnet im neuen Fenster) . Obwohl die Euro-Gegner erst seit März bei Facebook aktiv sind, haben sie mit mehr als 60.000 Fans die etablierten Parteien deutlich abgehängt.
Unter den Spitzenpolitikern hat Kanzlerin Angela Merkel (CDU) mit mehr als 350.000 Fans die meisten Facebook-Unterstützer und liegt damit deutlich vor ihrem SPD-Herausforderer Peer Steinbrück mit knapp 50.000 Fans. Beide schreiben inzwischen eigene Beiträge, wobei sich die Postings von Angela Merkel an Schlichtheit gegenseitig zu übertreffen versuchen: "Danke für Ihre Unterstützung!" , "Ich freue mich auf einen großartigen Fußballabend. Eines ist sicher: Deutschland gewinnt. Und das ist gut." , schreibt die Kanzlerin unter "/am". Steinbrücks Eigenbeitrag zum digitalen Wahlkampf sieht so aus, dass handschriftliche Zettel fotografiert und gepostet(öffnet im neuen Fenster) werden.
Für die Spitzenkandidaten gelten vermutlich die Social-Media-Anleitungen nicht, die die Parteien in ihren Wahlkampfhandbüchern verfasst haben. Stark nachgefragt waren Schulungen zum Umgang mit Facebook oder Twitter, die beispielsweise auf Parteitagen angeboten wurden. Mit kritischen Postings zu den Beiträgen haben alle Parteien zu kämpfen. Wobei generell nur solche Beiträge gelöscht werden, die aus juristischen Gründen beanstandet werden können. Dabei gilt offenbar das Prinzip: Die Befürworter "liken" , die Kritiker posten.
Wahlkampf nach Obama-Vorbild – und viel Satire
SPD organisiert Tür-zu-Tür-Besuche
Auf einen gänzlich anderen Nutzen des Internets setzt die SPD. Nach Angaben von Wahlkampfmanager Alexander Bercht begleiteten die Sozialdemokraten dazu intensiv den Wahlkampf von US-Präsident Barack Obama und schauten sich auch in Frankreich und den Niederlanden einiges ab. Um die geplanten fünf Millionen Haustürbesuche bei Wählern zu organisieren, hat die SPD das Portal Mitmachen.spd.de entwickelt. "Das ist die mitteleuropäische Umsetzung von dem, was wir aus den Obama-Wahlkämpfen kennen" , sagte Bercht Golem.de.
In den vergangenen zwei Jahren habe die Partei in das Portal "ziemlich viel Geld investiert" und eigene Programmierarbeit hineingesteckt. So würden einzelnen Wahlkreisen nun Straßenzüge zugeordnet, die man den SPD-Teams für den Tür-zu-Tür-Wahlkampf zuteilen könne. Allerdings habe man das Obama-Konzept den hiesigen "politkulturellen Verhältnissen" und den Datenschutzrichtlinien anpassen müssen. Wie "Big Data" inzwischen den US-Wahlkampf beeinflusst, hat jüngst ein Wahlkampf-Experte in Berlin enthüllt(öffnet im neuen Fenster) .
Selbstverständlich gibt es auch in diesem Wahlkampf einige neue Internetformate. Während vor zehn Jahren noch Kandidaten-Chats(öffnet im neuen Fenster) populär waren, startete die SPD nun mit Steinbrück stolz die erste Twitter-Townhall ( #fragpeer(öffnet im neuen Fenster) ) in Deutschland, wobei der Kanzlerkandidat zu Beginn freimütig einräumte(öffnet im neuen Fenster) , beim Twittern nicht selbst die Antworten in die Tasten tippen zu können. Für die mobilen Nutzer entwickelte die CDU eine Merkel-App(öffnet im neuen Fenster) , die es Smartphone- und Tablet-Besitzern ermöglicht, "die Plakate der CDU zum Sprechen zu bringen" . Ein einfacher QR-Code, um auf die Youtube-Videos zu verlinken, reicht inzwischen wohl nicht mehr aus. Eher konventionell ist dagegen von der SPD die Anti-Regierungsseite " Schwarzgelbblog(öffnet im neuen Fenster) ", die zwischenzeitlich allerdings eingeschlafen war und auf der wochenlang nichts passierte.
Nicht nur liken, sondern auch wählen
Das gilt zum Teil auch für die Satire- und Persiflageblogs, die vor allem auf Tumblr die Parteien und den Wahlkampf durch den Kakao ziehen. Während das Anti-FDP-Blog Gutgemachtfdp(öffnet im neuen Fenster) und die Pofalla-Seite pofallabeendetdinge(öffnet im neuen Fenster) inzwischen ebenfalls beendet wurden, lädt die CDU-Plakataktion mit der Merkel-Raute(öffnet im neuen Fenster) weiter geradezu zu satirischer Verfremdung ein. Fast 90 Persiflagen finden sich inzwischen auf der Seite Merkelraute.tumblr.com(öffnet im neuen Fenster) . Nicht auszuschließen, dass sich die nächsten Wahlkämpfe bei den Parteien stärker von Facebook nach Tumblr verlagern. Schon jetzt lassen die Piraten einen Teil ihrer Kampagne ( Wirstellendasmalinfrage.tumblr.com/(öffnet im neuen Fenster) ) über die Blogging-Plattform laufen, die im Mai von Yahoo für 1,1 Milliarden Dollar gekauft worden war. Die SPD dokumentiert auf ihrer Tumblr-Seite(öffnet im neuen Fenster) die Wahlkampfaktivitäten der Mitglieder.
Ob sich der Internetaufwand der Parteien gelohnt hat und welche Instrumente den größten Erfolg bringen, lässt sich vermutlich nur schwer feststellen. Verglichen mit dem ganzen Wahlkampfapparat sind die 14 Onlinemitarbeiter bei der SPD und die 20 Onliner bei der CDU nur ein kleines Team. Sollten die Sozialdemokraten aber mit ihrem Mitmachtool tatsächlich mehr als 17.000 Unterstützer mobilisieren können, wie es auf der Seite heißt, könnte dies der Partei noch zusätzlichen Schwung für die letzten Wahlkampftage geben. Für alle Parteien gilt aber, was die Piraten inzwischen auf ihre Plakate(öffnet im neuen Fenster) schreiben: "Nicht nur liken, sondern: wählen gehen."



