Bundestagsanhörung: CCC warnt vor "Panikmache" bei Social Bots

Muss die Politik den Einsatz von Social Bots noch vor der Wahl regulieren? Bei einer Anhörung im Bundestag gab es dazu viele offene Fragen und harsche Kritik.

Artikel veröffentlicht am ,
Der Sozialwissenschaftler Simon Hegelich verteidigt seine Warnung vor Social Bots.
Der Sozialwissenschaftler Simon Hegelich verteidigt seine Warnung vor Social Bots. (Bild: bundestag.de/Screenshot: Golem.de)

Wenn man von der Zahl der geladenen Experten auf die Bedeutung eines Themas schließen müsste, wäre es am Donnerstag im Bundestag um eine sehr wichtige Frage zur Zukunft der Demokratie gegangen. Gleich 20 Vertreter von Medien, Wissenschaft, Behörden und Verbänden hatte der Ausschuss für Technikfolgenabschätzung eingeladen, um zweieinhalb Stunden lang über sogenannte Social Bots zu diskutieren. Und in der Tat: Wären solche "Meinungsroboter" in der Lage, den Ausgang der kommenden Bundestagswahl entscheidend zu beeinflussen, sollten sich Politik und Gesellschaft schleunigst Gedanken machen.

Stellenmarkt
  1. Software Developer (d/m/w) - Firmware
    OSRAM GmbH, Paderborn
  2. Softwareentwickler (m/w/d) Bildverarbeitung / Industrie 4.0
    STEMMER IMAGING AG, Puchheim
Detailsuche

Das vom Büro für Technikfolgen-Abschätzung im Ausschuss präsentierte Thesenpapier war schon vorher bekanntgeworden. Demnach können Social Bots die Debattenkultur im Netz verändern. Allerdings gebe es noch keinen gesicherten Nachweis über Wirkungen und Effekte des Phänomens. In der anschließenden Debatte wurde nicht klar, ob die Furcht vor den Auswirkungen der Meinungsroboter nicht stark übertrieben ist.

CCC warnt vor Panikmache

Letzteres findet zumindest Linus Neumann vom Chaos Computer Club (CCC). Seit einem Interview des Sozialforschers Simon Hegelich im Mai 2016 hat er eine "Panikmache" in den Medien ausgemacht. "Ich halte dieses gesamte Thema im Bereich der politischen Einflussnahme durch Social Bots für fürchterlich aufgebauscht", sagte Neumann. Schließlich habe Hegelich selbst einräumen müssen, dass es schwer nachzuweisen sei, auf welche Weise solche Bots tatsächlich die Wahlentscheidung realer Nutzer beeinflussen könnten.

Der Einfluss sei vermutlich so gering, dass die Idee von Wahlmanipulationen den "Lachtest" nicht überstehe. "Da fange ich gar nicht erst an zu forschen", sagte Neumann. Der Unsinn, der über die Gefahren von Social Bots verbreitet werde, werde noch überboten von politischen Forderungen, die diskutiert würden. Social Bots und Fake News seien nur Symptome eines allgemeinen Vertrauensverlustes in Medien und Politik, den sich politische Player zunutze machen wollten.

Hilft eine Kennzeichnungspflicht?

Golem Karrierewelt
  1. First Response auf Security Incidents: Ein-Tages-Workshop
    14.11.2022, Virtuell
  2. Kubernetes – das Container Orchestration Framework: virtueller Vier-Tage-Workshop
    11.-14.07.2022, Virtuell
Weitere IT-Trainings

Auch nach Ansicht des Münchner Politikprofessors Jürgen Pfeffer werden durch die Bots in erster Linie die Medien manipuliert. So seien Rankings über die Zahl von Twitter-Followern wenig aussagekräftig, da man nie sagen könne, ob dahinter tatsächlich menschliche Nutzer oder lediglich Algorithmen stünden. "Who cares?", fragte Pfeffer. So würde der neue US-Präsident Donald Trump vermutlich weniger twittern, wenn die Medien nicht jede seiner Äußerungen gleich aufgriffen.

Weitgehende Einigkeit herrschte bei den Experten in der Frage, ob eine gesetzliche Kennzeichnungspflicht für Social Bots das Problem lösen könne. Nach Ansicht Neumanns würde eine solche Pflicht vermutlich keinen Schaden anrichten, aber wenig bringen. Zudem gebe es bei Twitter viele anonyme Accounts, so dass auch das Unternehmen häufig nicht wisse, wer dahinter stecke. Neumann räumte ein, selbst über seinen Twitter-Account automatisierte Tweets abzusetzen, beispielsweise wenn er einen Blogbeitrag veröffentlicht.

Was machen Social Bots überhaupt?

Stephan Sachweh vom Sicherheitsunternehmen Pallas hält eine Kennzeichnungspflicht ebenfalls für "völlig sinnlos", da man eine Klarnamenpflicht nie wirksam kontrollieren könne. Schon jetzt sei dies nicht möglich, auch wenn es sie bei verschiedenen Netzwerken wie Facebook bereits gebe. Nach Ansicht von Alexander Sander, Geschäftsführer der Digitalen Gesellschaft, könnte eine solche Pflicht sogar kontraproduktiv sein. Da ein Netzwerk mit der Kennzeichnung von Bots immer hinterher hinke, könnten Nutzer neue und bislang unerkannte Bot-Accounts für besonders glaubwürdig halten. Die Bots könnten daher eine Zeitlang "immer machen, was sie wollen".

Aber was machen diese Bots überhaupt? Hier gingen die Schilderungen der Experten auseinander. Für Neumann sind diese einfach zu programmierenden Tools genauso Spamschleudern, wie es sie bei E-Mails gibt. Sie nutzen trendige Hashtags, um auf diese aufzuspringen und ihre Botschaften zu verkaufen. Das hat nach Darstellung Sanders den unerwünschten Nebeneffekt, dass die Bots solche Hashtags kaputtmachen können, und Nutzer daher nach anderen Wegen suchen müssen, um sich über ein bestimmtes Thema zu informieren. Debatten könnten wegen der Bots dann nicht mehr über die Stichwörter geführt werden.

Social Bots bringen "sozialen Klimawandel"

Der Sozialwissenschaftler Dirk Helbing von der ETH Zürich warnte davor, das Thema zu unterschätzen. Es sei wie beim Doping: Das sei schwer nachweisbar, aber trotzdem schädlich. Nur weil sich Experten nicht einig seien, bedeute das nicht, "dass kein Handlungsbedarf ist", sagte er mit Verweis auf die lange Debatte über den Klimawandel. Social Bots könnten einen "sozialen Klimawandel" erzeugen, sagte Helbing. Er forderte, die Rechte und Pflichten für Roboter generell festzulegen. Die Kennzeichnungspflicht würde der Ausweispflicht entsprechen. Denkbar wären auch Reputationssysteme.

Anders als beim Thema Fake News scheinen die Parteien bei Social Bots aber noch nicht in Aktionismus zu verfallen. Ein siebenseitiges Positionspapier der Unionsfraktion zum Thema schlägt lediglich vor: "Die Plattformanbieter müssen das Bot-Aufkommen transparent darstellen und eingrenzen. Um für mehr Transparenz zu sorgen, soll eine Kennzeichnung von Social Bots geprüft werden." Letzteres klingt danach, als werde es noch zahlreiche Diskussionen mit vielen Experten zu dem Thema geben.

Bitte aktivieren Sie Javascript.
Oder nutzen Sie das Golem-pur-Angebot
und lesen Golem.de
  • ohne Werbung
  • mit ausgeschaltetem Javascript
  • mit RSS-Volltext-Feed


Vielfalt 28. Jan 2017

Vielleicht sind die anderen auch einfach blind. Vor allem was Google und Amazon angeht.

Rulf 28. Jan 2017

aber auch eindeutig korrupte politiker und beamte dazu... nur um den versuch, dies zu...

.LeChuck. 28. Jan 2017

"Journalismus ist etwas zu veröffentlichen, von dem andere nicht wollen, dass es...

raphaelo00 27. Jan 2017

Ich finde es interessant, dass sich dein zweiter Punkt eigentlich auf ein Wort reduzieren...



Aktuell auf der Startseite von Golem.de
Ukrainekrieg
Erster Einsatz einer US-Kamikazedrohne dokumentiert

Eine Switchblade-Drohne hat offenbar einen russischen Panzer getroffen. Dessen Besatzung soll sich auf dem Turm mit Alkohol vergnügt haben.

Ukrainekrieg: Erster Einsatz einer US-Kamikazedrohne dokumentiert
Artikel
  1. Heimnetze: Die Masche mit dem Nachbarn
    Heimnetze
    Die Masche mit dem Nachbarn

    Heimnetze sind Inseln mit einer schmalen und einsamen Anbindung zum Internet. Warum eine Öffnung dieser strengen Isolation sinnvoll ist.
    Von Jochen Demmer

  2. Deutsche Bahn: 9-Euro-Ticket gilt nicht in allen Nahverkehrszügen
    Deutsche Bahn  
    9-Euro-Ticket gilt nicht in allen Nahverkehrszügen

    So einfach ist es dann noch nicht: Das 9-Euro-Ticket gilt nicht in allen Zügen, die mit einem Nahverkehrsticket genutzt werden können.

  3. Übernahme: Twitter zahlt Millionenstrafe und Musk schichtet um
    Übernahme
    Twitter zahlt Millionenstrafe und Musk schichtet um

    Die US-Regierung sieht Twitter als Wiederholungstäter bei Datenschutzverstößen und Elon Musk will sich das Geld für die Übernahme nun anders besorgen.

Du willst dich mit Golem.de beruflich verändern oder weiterbilden?
Zum Stellenmarkt
Zur Akademie
Zum Coaching
  • Schnäppchen, Rabatte und Top-Angebote
    Die besten Deals des Tages
    Daily Deals • Mindstar (u. a. Palit RTX 3050 Dual 319€, MSI MPG X570 Gaming Plus 119€ und be quiet! Shadow Rock Slim 2 29€) • Days of Play (u. a. PS5-Controller 49,99€) • Viewsonic-Monitore günstiger • Alternate (u. a. Razer Tetra 12€) • Marvel's Avengers PS4 9,99€ • Sharkoon Light² 200 21,99€ [Werbung]
    •  /