Buffering-Kosten: Die Milchmädchenrechnung des Fredy Künzler
Man kann gut verstehen, dass Fredy Künzler verärgert ist. Der Schweizer hat in seiner Heimat den Provider Init7(öffnet im neuen Fenster) aufgebaut. Doch es wird zunehmend schwerer für ihn, den Traffic seiner Kunden zu Nutzern in Europa zu bringen. Denn sein Transit-Provider Teliasonera darf den Traffic von Init7 nicht mehr ins Netz der Deutschen Telekom und des französischen Anbieters Orange weiterleiten. Durch solche weit verbreitete Peering-Praktiken entstehe ein hoher volkswirtschaftlicher Schaden, sagte Künzler am Montag auf dem Hackerkongress 32C3 in Hamburg ( Video(öffnet im neuen Fenster) ). Verursacht durch die nutzlos verbrachten Ladezeiten vor Millionen Rechnern.
Der Streit über das kostenlose Peering zwischen Internetprovidern nervt Nutzer schon länger . Er wird dadurch forciert, dass Inhalteanbieter wie Netflix einen hohen Traffic verursachen, für den sogenannte Interconnection Ports zwischen den großen Backbone-Providern nicht ausgelegt sind. Wer als Provider einen Kunden wie Netflix gewinnt, möchte natürlich, dass dessen Daten ungehindert in und durch die Netze der Peering-Partner fließen. Diese verweisen jedoch auf ein zu großes Ungleichgewicht beim Datenaustausch und verlangen, dass sich der andere Provider am Ausbau der Ports beteiligt . Zuletzt wurde die Deutsche Telekom vom US-Provider Cogent verklagt , weil sie den Ausbau der Ports verweigert.
Hohe Paketverluste in der Primetime
Die Deutsche Telekom ist ohnehin für ihre restriktive Peering-Politik bekannt. Anstatt am weltgrößten Internetknoten DE-CIX in Frankfurt am Main zu peeren, will sie mit kleineren Anbietern lieber einen kostenpflichtigen Datenaustausch vereinbaren. Künzler kann sich nach eigenen Angaben(öffnet im neuen Fenster) die "exorbitanten Tarife der Deutschen Telekom" aber nicht leisten. Daher muss er seinen Traffic zur Telekom über den US-Provider XO Communications leiten, was gerade in der Primetime zwischen 18 und 23 Uhr viele Paketverluste verursache.
Inwieweit nur der mangelhafte Ausbau der Interconnection-Ports und die restriktive Peering-Politik für lange Ladezeiten im Netz verantwortlich sind, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Schließlich gibt es auch Engpässe auf der sogenannten letzten Meile, wenn sich beispielsweise zu viele Kabelnutzer eine Leitung teilen müssen. Für Künzler ist aber "ein Großteil" des Bufferings dem unzureichenden Datenaustausch geschuldet. Und die dadurch entstehenden Kosten sollen in die Millionen gehen. Täglich.
Kosten von mehr als 900 Millionen Euro
Dazu stellt Künzler eine einfache Rechnung auf, eine "Milchbüechlirächnig" auf Schweizerdeutsch. Denn bislang gebe es keine wissenschaftlichen Untersuchungen zu diesem Thema. Seiner Schätzung zufolge beträgt die tägliche Wartezeit durch lange Ladezeiten eine Minute für jeden Nutzer. Multipliziert mit der Zahl von 30 Millionen Breitbandkunden in Deutschland ergibt sich dadurch eine jährliche Wartezeit von 182,5 Millionen Stunden. Künzler nimmt nur eine Art Mindestlohn von fünf Euro für jede verlorene Wartestunde an und kommt somit auf einen ökonomischen Schaden von rund 900 Millionen Euro im Jahr.
Künzlers Schlussfolgerung: Nur weil die großen Provider ein paar Millionen Euro mehr im Jahr verdienen wollen, wird der Allgemeinheit ein deutlich höherer Schaden aufgebrummt. Ein solches Vorgehen sollte in demokratischen europäischen Staaten nicht toleriert werden. Die Regulierungsbehörden müssten endlich aufwachen und die Provider zu einem kooperativen Peering und zu Interconnection zwingen. Zudem müssten Streitigkeiten über Interconnections-Ports schneller beigelegt werden. Ein zu großes Ungleichgewicht beim Datenaustausch dürfe nicht länger als Grund genommen werden, um Peering zu verweigern.
Geht die Rechnung so auf
Künzlers Kritik an den Providern ist zum Teil berechtigt. Allerdings ist es durchaus nachvollziehbar, dass Telekomfirmen einen Teil der Einnahmen mitnehmen wollen, den die Konkurrenz mit großen Inhalteanbietern erzielt. Die brancheninternen Kämpfe sollten aber in der Tat nicht auf dem Rücken der Nutzer ausgetragen werden.
Zudem lässt sich fragen, ob Künzlers Milchmädchenrechnung so aufgeht. Wie er selbst sagt, treten die meisten Buffering-Probleme zwischen 18 und 23 Uhr auf. Also nicht während der Arbeit, sondern in der Freizeit der Nutzer. Inwieweit sich diese Zeit monetär berechnen lässt, erscheint fraglich. Eine Spontanumfrage unter den rund 1.500 anwesenden Hackern ergab jedoch, dass die Wartezeit von einer Minute täglich wohl zu niedrig angesetzt ist. Die langen Ladezeiten sind ärgerlich genug, nicht nur für Anbieter wie Künzler, sondern vor allem für die Nutzer.
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