Zum Hauptinhalt Zur Navigation Zur Suche

Buchtipps: Science-Fiction, die auf neue Gedanken bringt

Von Bagdad bis Seoul: Diese acht Bücher öffnen Türen zu Welten, die im westlichen Kanon viel zu selten vorkommen.
/ Tim Reinboth
15 Kommentare Auf Google folgen (öffnet im neuen Fenster)
In acht Science-Fiction-Büchern um die Welt - und ins All (Bild: Angela_Yuriko_Smith/Pixabay)
In acht Science-Fiction-Büchern um die Welt - und ins All Bild: Angela_Yuriko_Smith/Pixabay

Science-Fiction gibt es überall – sogar in Nordkorea(öffnet im neuen Fenster). Trotzdem dominieren US-amerikanische Autorinnen und Autoren bis heute die renommierten Preise des Genres. Deren Gewinner und ihre Protagonisten sind zwar diverser denn je, stammen aber meist immer noch aus den bekannten Gefilden.

Wir empfehlen acht Werke aus aller Welt, die endlich Abwechslung ins Bücherregal bringen.

Asimovs Idee einer anderen Weltordnung

Der Science-Fiction-Großmeister Isaac Asimov stellte sich schon 1950 vor, wie die Welt nach dem Ende des Kalten Krieges aussehen könnte. In einer der Geschichten in Ich, der Roboter wird Alt-Europa von den anderen Weltmächten zum Beispiel eher wie ein netter Großonkel behandelt, der sich manchmal noch in den Familienbetrieb einmischt: Man schätzt die Erfahrung, aber entscheidet längst selbst.

In der Geschichte bilden ein asiatischer und ein afrikanischer Staatenbund das wahre Machtzentrum, während Amerika und Russland noch mit der Realität einer multipolaren Weltordnung ringen. Aber was sich in der Wirtschaftspolitik durchaus andeutet(öffnet im neuen Fenster), ist auf den Buchmessen oft noch nicht zu sehen(öffnet im neuen Fenster).

Cixin Liu ist erst der Anfang

Dabei wird großartige Science-Fiction auch in anderen Sprachen als Englisch und Deutsch geschrieben. Cixin Lius Das Drei Körper Problem zum Beispiel, Hugo- und Locus-Preisträger für den besten Roman (2015) und Gewinner des Kurt-Laßwitz-Preises für das beste ausländische Werk (2017). Die Netflix-Verfilmung schauten 2024 immerhin elf Millionen Menschen(öffnet im neuen Fenster).

Aber selbst die Kategorie Bestes ausländisches Werk spricht Bände. Außer Liu stammen nur drei andere Gewinner der zurückliegenden 40 Jahre nicht aus Nordamerika oder Großbritannien: Sergei Lukjanenko (Spectrum; Russland; 2008), Nnedi Okorafor (Das Buch des Phoenix; USA-Nigeria; 2018) und Simon Stålenhag (Tales from the Loop; Schweden, 2021). Dabei gibt es so viele tolle Geschichten.

Zeit für einen neuen Blick

Allerdings werden Werke aus Asien, Afrika oder der Karibik oft selbst dann nicht ins Deutsche übersetzt, wenn sie auf Englisch bereits erfolgreich sind. Dabei bieten sie ganz eigene Handlungen, Erzählmuster und Weltbilder, die nirgends sonst zu finden sind. Aus europäischer Sicht transportieren sie außerdem wichtige und inspirierende Einblicke in andere Wege, sich die Zukunft vorzustellen.

Afrofuturisten wie Okarafor weben oft Folklore und magische Elemente in ihre Geschichten. Darin geht es häufig um Befreiungskämpfe und die Spannung zwischen Tradition, Familie und einer neuen High-Tech-Welt, in der Technologie auch immer etwas Magisches hat. Perspektiven, die westliche Science-Fiction selbst dann vermissen lässt, wenn sie in fernen Welten spielt(öffnet im neuen Fenster).

Um dem etwas entgegenzusetzen, empfehlen wir acht preisgekrönte Science-Fiction-Romane aus aller Welt.

Unsere Buchtipps

1. Basma Abdel Aziz – Das Tor (Afrika; Üb. ins Deutsche: Larissa Bender)(öffnet im neuen Fenster)

Nach einer fehlgeschlagenen Revolution müssen die Bürgerinnen und Bürger eines Staates in der arabischen Welt für jede Kleinigkeit vor einem Tor Schlange stehen. Angeblich öffnet es sich nur für eine begrenzte Anzahl von Gesuchen pro Tag. Doch die Menschen warten vergebens in der Hitze der Wüste. Das Tor bleibt verschlossen.

Autorin Abdel Aziz schreibt eine surreale Satire über die Macht von Bürokratien. Wir erleben die Geschichten der Menschen in der Schlage teils kafkaesk, teils orwellianisch: Yehia wartet zum Beispiel auf die Erlaubnis, dass sein Arzt ihm eine Kugel aus dem Becken entfernen darf. Aber das Tor öffnet sich nicht. Die Spannung steigt, ob sich jemand traut, die Autorität zu hinterfragen.

2. Kim Cho-yeop – If We Cannot Go at the Speed of Light (Asien; Üb. ins Englische: Anton Hur)(öffnet im neuen Fenster)

Poetische Science-Fiction aus Südkorea, wo die Sammlung ein rekordverdächtiger Bestseller war. Alle Geschichten darin handeln von Menschen, die eine Entscheidung getroffen haben. Eine alte Frau wartet in einer verfallenen Raumstation auf ein Schiff, das vielleicht nie kommen wird. Ein Mann stößt auf eine Firma, die Gefühle als Produkte verkauft: Liebe als Schokolade, Trauer als Stein.

Wir treffen zahlreiche Menschen und andere Wesen in fernen Welten, deren berührende Geschichten uns vor lauter Fragen stellen. Warum würde jemand Trauer kaufen wollen, um sie zu konsumieren? Warum die Liebsten als Avatare am Leben halten? Warum durch ein Wurmloch reisen? Eine preisgekrönte neue Stimme der globalen Science Fiction zum Selbstentdecken.

Die Erde als kosmische Touristenattraktion

3. Harry Josephine Giles – Deep Wheel Orcadia (Europa; unbedingt im Original lesen)(öffnet im neuen Fenster)

Astrid kehrt von der Kunsthochschule auf dem Mars zurück nach Hause auf eine zunehmend verlassene Raumstation am Rande des bewohnten Alls. Dort ringt eine kleine Gemeinschaft dem Umfeld eines Gasriesen ihr Überleben ab, während die große Welt sie zu vergessen scheint. Und Astrid begegnet Darling, die vor einem Leben auf der Flucht ist, das ihr nie gepasst hat.

In dem Buch, das mit dem Arthur-C.-Clarke-Preis ausgezeichnet wurde, geht es um Heimat, Liebe, Verlust und Sehnsucht, verfasst in Versen im Orkney-Dialekt mit paralleler Übersetzung. Deutsch scheint irgendwo dazwischen zu liegen und ermöglicht ab und zu Einblicke in die geheimnisvolle Welt des vom Verklingen bedrohten Originals. Bleibt am Ende jemand auf Orcadia zurück? Oder verschwindet diese Welt für immer?

4. Grace L. Dillon (Hg.) – Walking the Clouds (Indigene Science Fiction; leider noch nicht ins Deutsche übersetzt)(öffnet im neuen Fenster)

Stellt euch vor, die Apokalypse wäre längst geschehen. Ohne Atomkrieg. Ohne Nanobots. In Grace L. Dillons Sammlung ist die Gegenwart nämlich postapokalyptisch. Denn genau so scheint es den Autorinnen und Autoren diverser indigener Völker, in deren wunderbaren Geschichten die eigene Welt bereits ausgelöscht ist.

Zauberei und Zeitreisen sind hier keine Fiktion, sondern genauso Teil der Realität wie Verbrenner und Klimawandel. Mit Walking the Clouds verschafft uns Dillon einen Überblick über die unterschiedlichsten Strömungen einer vollkommen anderen Weltsicht. Science-Fiction ist hier kein Eskapismus. Denn wenn man die Postapokalypse längst lebt, kann Science-Fiction zur Überlebensstrategie werden.

5. Yoss – A Planet for Rent (Karibik; Üb. ins Englische: David Frye)(öffnet im neuen Fenster)

Mal wieder ist die Erde am Ende vor lauter Umweltzerstörung, Armut und Perspektivlosigkeit. Dann kommen die Aliens und "retten" uns. Sie verwandeln den Planeten in eine kosmische Touristenattraktion, und es passiert, was überall geschieht, wo Tourismus die Überhand gewinnt. Die Einheimischen werden zu Wesen zweiter Klasse. Sie haben eine Zukunft – aber zu welchem Preis?

Yoss kritisiert damit sein heimisches Kuba, vor allem die 1990er Jahre, als die kommunistische Diktatur nach dem Fall der Sowjetunion einen eigenen Weg finden musste. Aber die Allegorie ist global. Düster und fast hoffnungslos geht es um Ausbeutung, Korruption und Kolonialismus. Yoss' dunkler Humor bleibt – aber stets mit schalem Nachgeschmack.

Frankenstein in Bagdad und eine tote Urlaubsgesellschaft

6. Frankenstein in Bagdad, Ahmed Saadawi (Nahost; Üb. ins Deutsche: Hartmut Fähndrich)(öffnet im neuen Fenster)

Zwei Jahre nach dem Sturz von Saddam Hussein herrscht in Irak immer noch Bürgerkrieg. Täglich begeht jemand ein Attentat. In diesem Umfeld lebt Hadi al-Attag. Wie ein zeitgenössischer Dr. Frankenstein sammelt er die Leichenteile der Opfer und näht sie zu einem Kadaver zusammen. Wer hätte es gedacht: Eines Tages verschwindet die Gestalt – und eine seltsame Mordserie beginnt.

Denn ein grausamer Angreifer scheint für die Opfer der Anschläge Rache zu nehmen. Als weder Hadi noch der Geheimdienst die Situation beherrschen können, droht die Gewalt zu eskalieren. In Saadawis Adaption der Frankenstein-Idee bleibt niemand so ganz unschuldig. Es gibt zwar einen möglichen Weg aus dem Schrecken – aber was, wenn niemand ihn gehen kann?

7. Adolfo Bioy Casares – Morels Erfindung (Südamerika; diverse Üb. Karl August Horst)(öffnet im neuen Fenster)

Ein Flüchtling strandet auf einer verlassenen Insel. Plötzlich tauchen Menschen auf – eine Urlaubsgesellschaft, die ihn nicht bemerkt. Obwohl sie ihn vollständig ignoriert, verliebt sich der Protagonist in Faustine. Dann wiederholen sich Ereignisse: die gleichen Gespräche, die gleichen Bewegungen – und der Protagonist entdeckt die Wahrheit: Die Gruppe ist ein Hologramm, die Urlauber sind längst tot.

Der Roman aus dem Jahr 1940 wurde von Suhrkamp 1983 erstmals auf Deutsch verlegt. Autor Bioy Casares war ein enger Freund von Jorge Luis Borges, der in dieser Ausgabe ein Nachwort beisteuert. Es geht um Unsterblichkeit und mehr. Denn irgendwann muss der Protagonist entscheiden, ob er Teil der Aufnahme werden will. Der Roman ist dichte, literarische Kost und Meisterklasse seiner Art.

8. Samuel Delaney – Babel-17 (Nordamerika; Üb. ins Deutsche Jakob Schmidt)(öffnet im neuen Fenster)

Zum Schluss noch ein Buch, dessen Autor doch wieder aus Nordamerika kommt, aber einer der ersten berühmten afroamerikanischen Science-Fiction-Autoren wurde. In Babel-17, das den Nebula-Award-Gewinner 1966 gewann, kursiert eine mysteriöse Sprache durchs All: Babel-17.

Jedes Mal, wenn sie über Funk übertragen wird, explodieren Raumschiffe oder Waffenfabriken. Also ruft das irdische Militär Rydra Wong: Dichterin, Linguistin, Telepathin und Raumschiffkapitänin. Sie soll Babel-17 entschlüsseln. Doch je mehr von der Sprache sie lernt, desto mehr verändert sich Rydra.

Der von der Sapir-Whorf-Hypothese inspirierte Roman bleibt ein Klassiker, obwohl Delaney die Idee inzwischen ablehnt. In Babel-17 schuf Delaney mit gerade einmal 23 Jahren ein Meisterwerk. Er gilt als Inspiration für Ted Chiang, China Mieville und zahllose weitere. Das Original lohnt sich bis heute absolut.

Tim Reinboth(öffnet im neuen Fenster) ist freiberuflicher Wissenschaftsjournalist und Kognitionswissenschaftler. Er schreibt über Herausforderungen, Möglichkeiten und kuriose Momente an den Schnittstellen von Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft.


Relevante Themen