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Frankenstein in Bagdad und eine tote Urlaubsgesellschaft

6. Frankenstein in Bagdad, Ahmed Saadawi (Nahost; Üb. ins Deutsche: Hartmut Fähndrich)(öffnet im neuen Fenster)

Zwei Jahre nach dem Sturz von Saddam Hussein herrscht in Irak immer noch Bürgerkrieg. Täglich begeht jemand ein Attentat. In diesem Umfeld lebt Hadi al-Attag. Wie ein zeitgenössischer Dr. Frankenstein sammelt er die Leichenteile der Opfer und näht sie zu einem Kadaver zusammen. Wer hätte es gedacht: Eines Tages verschwindet die Gestalt – und eine seltsame Mordserie beginnt.

Denn ein grausamer Angreifer scheint für die Opfer der Anschläge Rache zu nehmen. Als weder Hadi noch der Geheimdienst die Situation beherrschen können, droht die Gewalt zu eskalieren. In Saadawis Adaption der Frankenstein-Idee bleibt niemand so ganz unschuldig. Es gibt zwar einen möglichen Weg aus dem Schrecken – aber was, wenn niemand ihn gehen kann?

7. Adolfo Bioy Casares – Morels Erfindung (Südamerika; diverse Üb. Karl August Horst)(öffnet im neuen Fenster)

Ein Flüchtling strandet auf einer verlassenen Insel. Plötzlich tauchen Menschen auf – eine Urlaubsgesellschaft, die ihn nicht bemerkt. Obwohl sie ihn vollständig ignoriert, verliebt sich der Protagonist in Faustine. Dann wiederholen sich Ereignisse: die gleichen Gespräche, die gleichen Bewegungen – und der Protagonist entdeckt die Wahrheit: Die Gruppe ist ein Hologramm, die Urlauber sind längst tot.

Der Roman aus dem Jahr 1940 wurde von Suhrkamp 1983 erstmals auf Deutsch verlegt. Autor Bioy Casares war ein enger Freund von Jorge Luis Borges, der in dieser Ausgabe ein Nachwort beisteuert. Es geht um Unsterblichkeit und mehr. Denn irgendwann muss der Protagonist entscheiden, ob er Teil der Aufnahme werden will. Der Roman ist dichte, literarische Kost und Meisterklasse seiner Art.

8. Samuel Delaney – Babel-17 (Nordamerika; Üb. ins Deutsche Jakob Schmidt)(öffnet im neuen Fenster)

Zum Schluss noch ein Buch, dessen Autor doch wieder aus Nordamerika kommt, aber einer der ersten berühmten afroamerikanischen Science-Fiction-Autoren wurde. In Babel-17, das den Nebula-Award-Gewinner 1966 gewann, kursiert eine mysteriöse Sprache durchs All: Babel-17.

Jedes Mal, wenn sie über Funk übertragen wird, explodieren Raumschiffe oder Waffenfabriken. Also ruft das irdische Militär Rydra Wong: Dichterin, Linguistin, Telepathin und Raumschiffkapitänin. Sie soll Babel-17 entschlüsseln. Doch je mehr von der Sprache sie lernt, desto mehr verändert sich Rydra.

Der von der Sapir-Whorf-Hypothese inspirierte Roman bleibt ein Klassiker, obwohl Delaney die Idee inzwischen ablehnt. In Babel-17 schuf Delaney mit gerade einmal 23 Jahren ein Meisterwerk. Er gilt als Inspiration für Ted Chiang, China Mieville und zahllose weitere. Das Original lohnt sich bis heute absolut.

Tim Reinboth(öffnet im neuen Fenster) ist freiberuflicher Wissenschaftsjournalist und Kognitionswissenschaftler. Er schreibt über Herausforderungen, Möglichkeiten und kuriose Momente an den Schnittstellen von Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft.


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