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Breitbandausbau auf Helgoland: Deutschlands Hochseefelsen bekommt nur Vectoring

Mitten in der Nordsee werden bald die Anschlusskästen Vectoring -fähig gemacht: Helgoland bekommt schnelles Internet . Denn auch wenn bereits ein Seekabel mit Glasfaser anliegt, müssen Einwohner und Touristen bislang oft mit Richtfunk vorliebnehmen. FTTH wird es nicht geben.
/ Hauke Gierow
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Richtfunkanlage, Radarüberwachung und Leuchtturm auf Helgoland. (Bild: Hauke Gierow/Golem.de)
Richtfunkanlage, Radarüberwachung und Leuchtturm auf Helgoland. Bild: Hauke Gierow/Golem.de

Bewohner und Touristen auf Deutschlands Vorposten in der Nordsee, Helgoland, sollen ab dem kommenden Jahr in den Genuss schnellen Internets kommen, wie der Bürgermeister der Insel mitteilt. Die rund 1.300 Bewohner der Insel sind teilweise noch auf eine Richtfunkanlage angewiesen, obwohl bereits seit einigen Jahren ein Seekabel anliegt. Für den Ausbau hilfreich ist, dass in den vergangenen Jahren die Offshore-Energieerzeugung an Bedeutung gewonnen hat und Helgoland als Basis für Windparks dient.

Die Insel mit den charakteristischen roten Felsen, die sich gern als einzige deutsche Hochseeinsel bezeichnet, befindet sich derzeit in einem Umbruch. In den 80er Jahren war Helgoland vor allem für Butterfahrten mit steuerbefreitem Alkohol und Zigaretten bekannt, heute liegt der Fokus der Entwicklung auf Touristen, die länger auf der Insel bleiben wollen.

Und auch bei schönen Sonnenauf- und -untergängen gehört für viele Touristen das abendliche Streaming mittlerweile zum Urlaub dazu. Hinzugekommen ist außerdem die Offshore-Windindustrie, die leistungsfähige Internetanschlüsse für den Betrieb der Anlagen und die auf der Insel stationierten Mitarbeiter braucht.

Derzeit bis zu 6 MBit/s buchbar

Nominell ist es derzeit kein Problem, auf Helgoland einen DSL-Anschluss zu bekommen – die Bandbreiten schwanken jedoch stark und hängen auch vom Wetter ab. Doch in den Nutzungsbedingungen für das WLAN in Ferienappartments wird darauf hingewiesen, dass die Verbindung bei schlechtem Wetter abbrechen oder andere Störungen auftreten können. Die Deutsche Telekom teilt auf Anfrage von Golem.de mit, dass vor etwa zwei Jahren "die meisten Verbindungen für Mobilfunk- und Festnetzzwecke" auf die Glasfaseranbindung zur Insel umgeschaltet worden seien.

Im Praxistest auf der Insel zeigt sich jedoch, dass die Verbindung nicht immer stabil ist: Zwar können Anwohner DSL-Anschlüsse mit theoretisch bis zu 6 MBit/s buchen, doch bei schlechtem Wetter bricht die Verbindung immer wieder ab, ein flüssiges Streaming von Inhalten ist dann nicht möglich. Im Gespräch mit Golem.de sagt der Bürgermeister der Insel, Jörg Singer: "Gerade nachmittags und am Abend sind die Leitungen sehr voll."

Die Richtfunkstrecke ist eine von rund 9.000 in Deutschland noch vorhandenen, die von einer Tochter der Deutschen Telekom betrieben wird. Ein Mitarbeiter sagte: "Wir nutzen noch Richtfunk, und zwar insbesondere dann, wenn Glasfaser zu teuer ist oder wirtschaftlich nicht sinnvoll." Sie überbrückt die rund 70 km nach Wilhelmshaven und hat eine Kapazität von drei mal 155 Mbit/s. Bis vor einigen Jahren wurden auch die Mobilfunkstandorte auf der Insel über diese Verbindung angebunden.

Fallback über zwei ISDN-Leitungen

Außerdem wird auf Helgoland Radaraufklärung für die Einfahrt von Schiffen in die Deutsche Bucht betrieben, die auf dem Weg in die Häfen in Hamburg oder Wilhelmshaven sind. Auch diese Informationen werden derzeit noch per Richtfunk übertragen. Falls es dabei zu Problemen kommt, gibt es ein Fallback(öffnet im neuen Fenster) : Dann werden die Radarbilder auf der Insel "vorverarbeitet" und "ein synthetisches eingeschränktes Bild übertragen" . Dazu wird eine redundante ISDN-Leitung genutzt.

Ab dem kommenden Jahr sollen dann alle Einwohner an das bestehende Helgoland-Seekabel von Sankt Peter Ording(öffnet im neuen Fenster) angeschlossen werden. Das Kabel ist rund 53 km lang, versorgt die Insel vor allem mit Strom und wird von Eon Hanse betrieben. Noch bis zum Jahr 2009 deckte Helgoland seinen Strombedarf über Dieselgeneratoren. Insgesamt können bis zu 30 kV Spannung übertragen werden, die Datenübertragung erfolgt per Glasfaser, die im Kabel eingeschlossen ist.

Der Ausbau auf der Insel selbst wird von der Deutschen Telekom vorgenommen, die Bandbreite des Seekabels soll allerdings nicht per Glasfaser an die Haushalte weitergegeben werden (FTTH). Vielmehr werden die Verteilerkästen aufgerüstet und für Vectoring tauglich gemacht (FTTC). Damit sollen in den einzelnen Haushalten dann im ersten Schritt bis zu 100 MBit/s erreichbar sein. Lediglich ein Neubaugebiet soll per FTTH versorgt werden. Die Telekom begründet die Entscheidung für Vectoring mit "wirtschaftlichen Erwägungen" . Die Richtfunkstrecke soll auch nach dem Ausbau weiter betrieben werden – als Backup.

Ein willkommenes Upgrade dürfte der Ausbau auch für die lokale Freifunkinitative sein. Bürgermeister Singer lobt die Aktivisten im Gespräch und freut sich über den schrittweisen Ausbau. Doch bislang mangele es auch hier natürlich an Bandbreite. Zudem sei derzeit nicht ganz klar, wer die weitere Wartung der installierten Router übernehmen wird, weil eine der beteiligten Personen weggezogen sei.

Ein Paradies für Freiberufler?

Helgoland ist nicht Teil des europäischen Wirtschaftsraums, daher fällt auf der Insel keine Umsatzsteuer an. Tatsächlich ist Helgoland aber kein Hochseegebiet, weil die Insel geografisch auf dem Festlandsockel, dem sogenannten Schelf, liegt. Außerdem überlagert sich die Zwölf-Meilen-Zone von Helgoland und den vorgelagerten Inseln, es gibt also kein internationales Gewässer zwischen Helgoland und dem Festland.

Die Gemeinde verspricht sich von den Breitbandanschlüssen weitere Impulse für den Tourismus und die lokale Wirtschaft. Mit einer ordentlichen Internetanbindung könnte Helgoland ein gutes Pflaster für freiberufliche Designer oder Entwickler sein, die die Ruhe schätzen und ihre Dienste künftig ohne Umsatzsteuer anbieten könnten.


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