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Boschs smartes System: Großer Akku, kleine Kompatibilität

Das smarte System für Pedelecs punktet mit guter Anbindung an unser Telefon – funktioniert aber nicht mit älteren E-Bikes und hat noch eine weitere große Schwäche.
/ Martin Wolf
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Links die Bedieneinheit, in der Mitte die App und rechts der Kiox 300 (Bild: Martin Wolf / Golem.de)
Links die Bedieneinheit, in der Mitte die App und rechts der Kiox 300 Bild: Martin Wolf / Golem.de

Derzeit sind die ersten E-Bikes mit dem smarten System von Bosch erhältlich, wir konnten eine Probefahrt mit dem Riese & Müller Multicharger(öffnet im neuen Fenster) machen.

Das Rad hat alle neuen Komponenten: einen 750-Wh-Akku(öffnet im neuen Fenster) , den Motor Performance Line CX(öffnet im neuen Fenster) , das Display Kiox 300(öffnet im neuen Fenster) und die Bedienungseinheit(öffnet im neuen Fenster) am Lenker. Sie bilden zusammen mit der separat erhältlichen Lenkerhalterung(öffnet im neuen Fenster) für das Smartphone den Grundstock für das System(öffnet im neuen Fenster) . Hinzu kommt die neue App Flow(öffnet im neuen Fenster) , in der alle Informationen zusammenlaufen. Wem das ein wenig bekannt vorkommt: Ja, Cobi(öffnet im neuen Fenster) gibt es auch immer noch und eBike Connect(öffnet im neuen Fenster) ebenfalls.

Letzteres konnten wir mit dem Fahrradcomputer Nyon bereits testen und sehen derzeit keinen Grund, nur wegen des smarten Systems auf ein neues Pedelec umzusteigen – dazu später mehr.

Bosch setzt mit dem smarten System auf einen neuen Bus zur Verbindung. Leider ist dieser nicht mit vorhandener Hard- und Software kompatibel. Selbst das Ladegerät ist mit einem neuen Layout für die Steckkontakte versehen.

Auf den ersten Blick fällt weniger das Kiox-Display auf, das seinem Vorgänger bis auf die fehlenden Tasten ähnelt, sondern eher die neue Bedienungseinheit links am Lenker. Sie gibt mit ihren hellen Status-LEDs auch im direkten Sonnenlicht Modus und Akkustand an. In Daumenreichweite gibt es vier Richtungstasten und zwei Knöpfe zur Aktivierung und Bestätigung in Menüs. Im Gegensatz zu früheren Systemen ist alles, was auf dem Kiox passiert, steuerbar, ohne dass die Hand vom Lenker genommen werden muss.

Boschs smartes System – Fazit
Boschs smartes System – Fazit (01:41)

Eigentlich ist der Kiox nur noch ein Display, denn die Daten werden in der Bedienungseinheit gebündelt und per Bluetooth auch an das Telefon übertragen. Wenn man es genau nimmt, ist das E-Bike selbst der Fahrradcomputer.

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Ein Vorteil dieses Konzeptes ist der schnelle Start des Systems; das Booten des Pedelecs dauert nur wenige Sekunden.

Wenn ein Smartphone verbunden ist, wird es ebenfalls sehr schnell erkannt, was bei der ersten von uns aktivierten Funktion wichtig ist.

Sicherheit, Status, Smartphone

Das smarte System bringt eine einfache Diebstahlsicherung mit: In der Flow App können wir festlegen, dass unser Pedelec nur dann Motorunterstützung bietet, wenn unser Smartphone in der Nähe ist. Schalten wir das Rad an oder aus, ertönt ein Ton, wie man ihn von Autoalarmanlagen kennt. Das funktionierte in unserem Test sehr zuverlässig. Auch wenn diese Wegfahrsperre sicherlich keinen Dieb abhalten dürfte, sorgt sie doch für ein besseres Gefühl, wenn wir unser teures Pedelec abstellen. Ein Problem gibt es jedoch: Wenn das Telefon beispielsweise bei einem Sturz zerstört wird, können wir auch als Besitzer das Rad nicht mehr einschalten.

Die Smart-Lock-Funktion gab es übrigens auch schon beim Nyon, dort musste sie aber per In-App-Kauf hinzugebucht werden. Da das Rad mit der App gekoppelt ist, kann aber auch ohne Wegfahrsperre nur der von uns eingerichtete Account genutzt werden. So blieben dem Dieb jegliche Funktionen, die über das bloße Fahren hinausgehen, verwehrt. Sollte der Akku des Telefons fünf Prozent Ladung unterschreiten, gibt die App eine Warnung ab, damit man nicht plötzlich mit einem motorlosen E-Bike unterwegs ist.

Ohne Aufpreis sind beim smarten System auch die Fahrmodi in der App anpassbar. So können wir beispielsweise das Ansprechverhalten und die Höchstgeschwindigkeit der Unterstützung pro Modus festlegen. Das ist im Gelände oder bei häufigen Ampelstarts sehr praktisch.

Ansonsten zeigt uns die App wie gewohnt Streckeninformationen und Statistiken über unsere Fahrten und zeichnet diese auf Wunsch vollkommen automatisch auf. Dass wir unsere Aktivitäten nicht manuell starten und stoppen müssen, dass Pausen berücksichtigt werden, dass sich Dienste wie Komoot(öffnet im neuen Fenster) einbinden lassen und dass das Ganze in unserer Hosentasche passiert, während wir einfach unsere Zeit mit dem wirklich wichtigen verbringen, nämlich dem Radeln – das finden wir schon ziemlich smart. Voraussetzung für dieses Funktionen ist natürlich, dass wir der App bei der Einrichtung unseres Bosch-Kontos die entsprechenden Berechtigungen erteilen – inklusive der Ausnahme vom Akkusparen.

Smartphone statt Kiox

Wir können unser Telefon natürlich auch ins Blickfeld rücken. Mit unserer eigenen Befestigung ist das Lenkercockpit je nach Smartphonegröße recht eng bestückt, wenn wir die App als Zentrale nutzen möchten. Neben Schaltung, Bremsen, Klingel und in unserem Fall noch einer Taste für die werkzeugfreie Einstellung der Sattelhöhe bevölkern nun auch noch Kiox, Bedieneinheit und 6-Zoll-Smartphone unsere Lenkerstange. Boschs Lenkerhalterung mit induktiver sowie kabelgebundener Ladefunktion löst dieses Problem, indem der Kiox einfach abgenommen und ersetzt wird. Da wir die Lenkerhalterung jedoch nicht hatten, mussten wir uns mit einer Standardklemme behelfen.

Als problematisch stellt sich dabei die horizontale Ausrichtung des Telefons heraus, weil kaum genug Platz war. Die Flow-App zeigt zwar auch hochkant die wichtigsten Informationen an und navigiert uns, aber der Ride Screen genannte Modus, der den Fahrradcomputer ersetzt, geht nur horizontal.

Einmal zurechtgefummelt, stellte sich der große Bildschirm unseres Oneplus 9 als sehr guter Reiseführer heraus. Die Navigation funktioniert tadellos, auch die Aufzeichnung und die Übertragung der Anzeige unserer Fahrmodi finden wir gelungen. Angezeigt werden neben normalen Fahrradrouten auch spezielle Strecken für Mountainbiking.

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In der Nutzerschaft sind die Meinungen zur Flow-App jedoch gespalten(öffnet im neuen Fenster) – bemängelt werden neben Ausfällen bei der Streckenaufzeichnung und der fehlenden Einbindung fremder Kartenanbieter vor allem der Fakt, dass für die Entsperrung des Rades die App im Hintergrund laufen muss, was natürlich am Akku zehrt.

Ein weiterer Kritikpunkt – dem wir uns anschließen – ist der fehlende Rückkanal zum Kiox.

So ist die App auf dem Telefon als Fahrradcomputer unserer Meinung nach zwar absolut brauchbar und zeigt uns alle relevanten Daten sowie die Navigation, aber wenn wir statt des Smartphones den Kiox benutzen, bekommen wir nur noch die Daten.

Kiox ohne Navi

Unser Telefon übergibt dem Kiox nicht die Navigation. Das bedeutet, dass auf dem Display nicht einmal ein Pfeil oder ein anderer simpler Hinweis angezeigt wird, wenn wir unterwegs sind. Hier wird unser smartes System plötzlich recht dumm.

Nun könnte man argumentieren, dass das Telefon samt App ja jederzeit leicht am Lenker angebracht werden kann – aber wozu brauchen wir dann den Kiox überhaupt noch? Modus und Akkustand lassen sich ja auch an der Lenkereinheit erkennen. Die umfangreichen Informationen über Geschwindigkeit, Trittfrequenz, Kraftaufwand etc., die der Kiox anzeigt, sind zwar nett, aber im Alltag wohl weniger relevant als die Wegführung.

Ein letzter Aspekt des smarten Systems, der uns beim ersten Ausprobieren sehr positiv auffiel, ist die Möglichkeit, das Rad per Smartphone mit Updates zu versorgen. In der App wird eine Nachricht über bereitstehende neue Software angezeigt, der Vorgang der Übertragung dauert einige Minuten – und schon hat man die aktuelle Firmware auf allen Komponenten. Das spart den Ausflug zum Fachhändler – und mitunter bares Geld. Einen empfohlenen Wartungszyklus zeigt die Flow-App natürlich auch an, selbst der Weg zur nächsten Werkstatt wird per Navi präsentiert.

Smartes System: Verfügbarkeit und Fazit

Verfügbarkeit

Das smarte System von Bosch ist derzeit in einigen Pedelecs ausgewählter Hersteller integriert. Eine breite Verfügbarkeit wird wohl so schnell nicht gewährleistet sein, weil die neuen Komponenten einen anderen Rahmenaufbau bedingen. Da aktuell lediglich der große 750-Wh-Akku mit dem System kompatibel ist, fallen leichte E-Bikes natürlich aus.

Neben Riese & Müller sind E-Mountain-Bikes von Bulls, KTM, Stevens, Scott und Haibike mit dem smarten System zu haben – sie sind preislich allesamt eher in der Oberklasse angesiedelt.

Fazit

Das smarte System verbindet die wichtigsten Komponenten des Pedelecs und unser Smartphone sehr sinnvoll. Die Kiox-Anzeige ist hübsch gestaltet, hell und gut ablesbar – aber leider in einem wichtigen Punkt nutzlos: Die Navigation funktioniert ausschließlich über unser Smartphone. Das ist zwar kein Problem, wenn man den Kiox durch die Smartphone-Lenkerhalterung von Bosch ersetzt, aber wir würden dann wohl meist auf den Kiox verzichten.

Das Telefon wird während der Fahrt geladen, was den Akkuhunger von Display und Flow-App weniger auffallen lässt. Wenn wir das Telefon in der Tasche behalten, ist die Streckenaufzeichnung weiterhin aktiv, was uns ebenso gut gefällt wie die Möglichkeit, das Rad per Bluetooth zu entsperren.

Die Lenkerbedienungseinheit mit ihren sechs sinnvoll angeordneten Knöpfen und hellen LED-Statusleuchten ist eine eindeutige Verbesserung gegenüber den Vorgängern. Der Akku mit seinen 750 Wattstunden lässt keine Reichweitenangst aufkommen. Am Motor hat Bosch wenig geändert, er ist ebenso wie der reguläre Performance Line CX stark und liefert dank Drehmomentsensor in jeder Situation genügend Kraft – die lässt sich in der App mit eigenen Unterstützungsprofilen genau dosieren.

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All die smarten Funktionen, die Bosch bewirbt, sind gut umgesetzt und sprechen für das neue System. Wer allerdings bereits ein gutes Rad mit einem der regulären Bosch-Computer besitzt, dem entgeht nichts, wenn er dabei bleibt. Ein Umstieg wäre nämlich auch mit dem Neukauf eines Pedelecs verbunden: Das System ist mit keiner der älteren Komponenten wie Akku, Ladegerät oder Steuerung kompatibel.

Wird das smarte System sich neben den bereits existierenden Varianten etablieren? Für Hersteller und Pedelec-Kundschaft bietet es unserer Meinung nach großes Potential. Bosch erklärte uns auf Nachfrage, der Fokus liege in der Zukunft klar auf dem smarten System. Der aktuelle Funktionsumfang und die schmale Verfügbarkeit weisen jedoch eher darauf hin, dass man mit einem Update warten kann, bis das System selbst ein größeres Update erhalten hat.


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