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Bore-out: Wie der öffentliche Dienst Devs vergrault

Frust im Amt
Monatelang kein Systemzugriff, Dienstweg statt offener Diskussion – wir haben uns mit einem Entwickler über seine Kündigungsgründe unterhalten.
/ Martin Wolf
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Frust im Amt hat viele Gründe, die sich vermeiden ließen. (Bild: Juliane Gunardono/Golem.de)
Frust im Amt hat viele Gründe, die sich vermeiden ließen. Bild: Juliane Gunardono/Golem.de

Alex hätte alles Mögliche werden können: Mathematik, Sinologie oder Schiffstechnik standen in jungen Jahren auf seiner Wunschliste. In der Abiturstufe meinte seine Informatiklehrerin mit Bestimmtheit: "Du meldest dich jetzt da an!" und reichte ihm den Flyer eines renommierten IT-Hochschul-Institutes.

Alex (Name von der Redaktion geändert) bewarb sich und wurde angenommen. Schon in seinem Studium wollte er sich gern sinnstiftend einbringen – und machte ein Praktikum im Deutschen Bundestag. Auch wenn seine ersten Erfahrungen hier nicht unbedingt nur ein positives Bild des öffentlichen Dienstes vermittelten, stand sein Entschluss nach dem Master fest: Er würde als Data Scientist in einem Projekt anfangen, das sein Spezialgebiet, das maschinelle Lernen, zur Verbesserung der Datenverarbeitung einer Behörde nutzte.

Auch wenn wenig darauf hinwies, dass sein zukünftiger Arbeitgeber eine solide Idee von Umfang, konkreten Herausforderungen oder gar Zielvorstellungen für das Projekt hatte, war Alex hoch motiviert.

Beim Einstellungsgespräch ging man zumindest informell auf seine Wünsche ein: Ja, man sei an klarer Kommunikation über Dienstranggrenzen hinweg interessiert, nein, man micromanage nicht.

Alex unterschrieb im August seinen Arbeitsvertrag.

Kaum ITler in der IT-Abteilung

"IT-Abteilungen sind immer die neuesten Abteilungen" , sagt er. "Das erklärt sich fast aus der Natur der Sache, dass die bei staatlichen Institutionen, die schon ewig existieren, teilweise erst in den 90ern oder Nullerjahren dazukamen." Das bedeute, dass viele Leute dorthin versetzt wurden oder sich auf die Stellen bewarben, die keine genuine IT-Ausbildung hatten und nun Chefposten besetzen.

Auf dieses Umfeld war er vorbereitet. Womit er nicht gerechnet hatte, war das völlige Fehlen von Voraussetzungen, um überhaupt arbeiten zu können. Er hatte monatelang keinen Laptop – und noch schlimmer: keine Zugänge zu den Systemen.

Sicherheit statt sinnvoller Arbeit

Alex erklärt, warum es so schwierig war, einen Account für den Zugriff zu konfigurieren: "Jemand hatte vor ein paar Jahrzehnten die Idee, nahezu alle Rechner des Bundes an ein einziges Netz anzuschließen. Das bedeutet, dass es ein sehr rigides System braucht, das zunehmend strenger wird, um zu verhindern, dass es jemand versehentlich mit einer einzigen Mail kompromittiert."

Das Problem: Alex brauchte Rechte für ausführbaren Code. Die bekam er vorerst nicht.

So saß er vor einem billigen Shuttle-PC und ließ sich von seiner Kollegin erklären, dass auch sie schon seit einem Jahr darauf warte, dass das Projekt, für das sie beide eingestellt worden waren, nun endlich aus den Startlöchern käme.

Sein Arbeitstag bestand demzufolge zunächst aus Meetings, in denen sich alle erzählten, was sie so den ganzen Tag lang machten, während er zusehen musste, wie er die verbleibenden Stunden seiner 40-Stunden-Woche füllen konnte. Unter der Hand gab man ihm zu verstehen, dass er ja an seiner Abschlussarbeit weiterschreiben könne.

Bore-out statt Berechtigungen

Die Lösung für mobiles Arbeiten sah einen Bootstick vor, mit dem er sich per VPN-in die Zentrale auf einer VM einwählen konnte, um dort zu programmieren. Zeitweise schaute er lediglich einem Dienstleister zu, wie dieser die Daten bearbeitete – per Videostream. Selbst eingreifen konnte er mangels Berechtigungen nicht.

Hinzu kam die dünne Personaldecke: "Wenn irgendwas auf dem Weg kaputtgeht, hat man erstmal wieder riesige Kommunikations-Overheads" , sagt Alex. "Man muss zunächst herausfinden, wer zuständig ist. Die Behörde ist natürlich nicht auf Redundanz gebaut. Wenn die entscheidende Person krank ist, passiert erst mal nichts, dann heißt es: Wir sehen uns in zwei Wochen wieder mit sinnvollen Tätigkeiten."

Dieses Arbeiten in Zeitlupe nagte an Alex' Geduld. Also beschloss er zusammen mit seiner Kollegin, eine Weiterbildung zu beantragen, um die Phase der Einrichtung aller sicherheitsrelevanten Zugänge wenigstens einigermaßen sinnvoll zu nutzen.

Da er ohnehin noch an einer Universität eingeschrieben war, bat er darum, einen Kurs belegen zu dürfen, der mit dem Projektthema zu tun hatte. Anfangs sah auch alles gut aus: Seine Vorgesetzte und die Personalabteilung stimmten zu. Dann musste mit der Referatsleitung über die Formalien im Abwesenheitssystem der Behörde gesprochen werden und plötzlich war alles ganz kompliziert.

Alternativlos unterbeschäftigt

Zunächst einmal sei der Dienstweg nicht eingehalten worden, aber was viel schwerer wiege, sei die inhaltliche Seite. Der Kurs sei zu weit von seinem Arbeitsgebiet entfernt. Im Klartext, sagt Alex, war die Botschaft: "Sie sind als Informatiker eingestellt, was wollen Sie an einem fachlich anders gelagerten Institut?"

Seiner Kollegin wurde immerhin eine interne Weiterbildung angeboten, bei ihm war auch das nicht möglich – zu teuer für einen Neueinsteiger. Alex meint, dass man sich das Geld auch hätte sparen können, wenn man stattdessen einfach beiden Angestellten sowie ihrer Vorgesetzten vertraut hätte.

Die knickte in der Folge ein und damit war das Thema endgültig vom Tisch.

Ein weiteres Problem stellte die interne Kommunikation mit den alteingesessenen Kolleginnen und Kollegen dar. Niemand hatte es für nötig befunden, die Projektinhalte zu erläutern, so dass es immer wieder zu bangen Nachfragen kam, ob die neuen, auf maschinellem Lernen basierenden Programme sie vielleicht in Zukunft ersetzen sollten? So kommt natürlich auch keine fachliche Expertise zu den ITlern.

Bessere Kommunikation ist notwendig

Alex sieht vor allem drei Punkte, die hätten anders laufen müssen: " Erstens: Wir reden miteinander und ziehen uns nicht auf die Hierarchie zurück. Zweitens: Wir haben die IT vorbereitet, wenn Leute neu anfangen. Und drittens, es braucht einen Plan, wo wir hinwollen mit dem Ganzen. Das dann bitte auch durch alle Ebenen durch – und nicht nur: Wir haben Geld und deswegen machen wir jetzt mal was zu diesem Thema, von dem alle gerade reden."

Nach vier endlos langen Monaten und noch immer ohne Zugänge, adäquate Technik oder sinnvolle Unterstützung des Projektes bat er um Aufhebung seines Vertrages und wechselte in die freie Wirtschaft. Dort arbeitet er nun 10 Prozent weniger Stunden im Monat für 25 Prozent mehr Geld. Seine ehemalige Kollegin ist geblieben und konzentriert sich jetzt auf interne organisatorische Aufgaben. Das eigentliche Projekt lag nach seinem Weggang weiter brach.

Wir haben Namen und einige Umstände des Falles geändert, um Rückschlüsse auf die realen Personen zu vermeiden.


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