Börsengang: Facebook geht es nicht ums Geld

Mit seinem am Mittwoch angekündigten Börsengang will Facebook 5 Milliarden US-Dollar einsammeln und strebt eine Bewertung von rund 100 Milliarden US-Dollar an. Chef Mark Zuckerberg betont aber, Facebook gehe es nicht in erster Linie ums Geld. Das Unternehmen habe eine soziale Mission.
Facebook verfügt über 845 Millionen monatlich aktive Nutzer mit insgesamt 100 Milliarden Beziehungen (Friendships) untereinander, die täglich rund 2,7 Milliarden Empfehlungen (Likes) und Kommentare abgeben und 250 Millionen Fotos hochladen. Die Nutzerzahl ist allein im vergangenen Jahr um rund 39 Prozent gestiegen und lag Ende 2010 bei 608 Millionen.








Waren Ende 2010 noch rund 327 Millionen Nutzer täglich auf Facebook aktiv, waren es Ende 2011 bereits rund 48 Prozent mehr – 483 Millionen. Etwa 425 Millionen nutzen Facebook unterwegs auf mobilen Geräten.
Zuckerberg kontrolliert Facebook
Facebook-Gründer Mark Zuckerberg ist darauf bedacht, trotz des Börsengangs die Kontrolle über sein Unternehmen zu behalten. Um das sicherzustellen, verfügt Facebook über zwei Klassen von Aktien. Klasse-A-Aktien haben jeweils ein Stimmrecht, Klasse-B-Aktien jeweils zehn Stimmrechte. Zwar wird Zuckerberg im Rahmen des Börsengangs einige Klasse-A-Aktien verkaufen, das aber nur mit dem Ziel, die für eine Option über 120 Millionen Klasse-B-Aktien anfallenden Steuern zu bezahlen. So sichert sich Zuckerberg letztendlich die Stimmenmehrheit – und Facebook führt diese Kontrolle durch den CEO als einen Risikofaktor auf.

Zuckerberg hat die Möglichkeit, einen Nachfolger für den Fall seines Todes zu bestimmen.
2011 erhielt Mark Zuckerberg als Chef von Facebook ein Basisgehalt von 500.000 US-Dollar. Zum 1. Januar 2013 wird dieses Basisgehalt auf Wunsch von Zuckerberg auf einen US-Dollar pro Jahr gesenkt. COO Sheryl Sandberg erhielt 300.000 US-Dollar, ebenso Finanzchef David Ebersman. Technikchef Mike Schroepfer, der von Mozilla zu Facebook gewechselt ist, und Justiziar Theodore Ullyot haben ein Basisgehalt von 275.000 US-Dollar.
Zudem erhalten die Führungskräfte von Facebook einen Bonus, der für das erste Halbjahr 2011 bei Zuckerberg bei 220.500 US-Dollar lag, bei allen übrigen zwischen 63.000 und 86.133 US-Dollar.
Das macht aber nur einen kleinen Teil der Bezahlung aus, der größere Teil wird in Form von Aktien und Optionen bezahlt, wobei Zuckerberg 2011 keine weiteren Anteile erhielt. Rechnet man noch geldwerte Vorteile wie die private Nutzung eines Firmenjets hinzu, erhielt Zuckerberg 2011 ein Gesamtgehalt von rund 1,49 Millionen US-Dollar.
Sheryl Sandberg hingegen bekam dank eines großen Aktienpakets, das sie erhalten hat, rund 30,88 Millionen US-Dollar, Ebersman 18,68 Millionen US-Dollar und Schroepfer 24,7 Millionen US-Dollar. Deutlich dahinter liegt Ullyot mit 6,96 Millionen US-Dollar.
Hackerkultur statt Gewinnmaximierung
In einem Brief an die Aktionäre macht Zuckerberg deutlich, dass Facebook für ihn kein normales Unternehmen ist und es auch nicht werden soll. Dividenden zahlen will Facebook bis auf weiteres nicht. Die gesamten Gewinne sollen im Unternehmen verbleiben.
Facebook sei gegründet worden, um eine soziale Mission zu erfüllen, nämlich die Welt offener und vernetzter zu machen. Es sei sehr wichtig, jeden auf der Welt zu vernetzen, jedem eine Stimme zu geben und dabei zu helfen, die Gesellschaft zu verändern. Die Größe der dazu notwendigen technischen Infrastruktur lasse sich nicht abschätzen. Sie sei daher das wichtigste Problem, auf das sich Facebook konzentrieren müsse. Derzeit speichert Facebook rund 100 Petabyte an Foto- und Videodaten.

Die Infrastruktur der Welt stellt sich Zuckerberg als ein Netzwerk vor, das von unten durch Beziehungen zwischen Einzelnen aufgebaut wird (Peer-to-Peer), nicht als monolithischen Top-Down-Ansatz. Dabei sei es fundamental wichtig, den Menschen die Kontrolle darüber zu geben, was sie mit anderen teilen.








Zuckerberg glaubt, dass eine offene und vernetzte Welt zu einer stärkeren Wirtschaft mit authentischeren Geschäftsbeziehungen führt, die bessere Produkte und Dienste hervorbringen. Wenn Menschen mehr teilen, haben sie mehr Zugang zu den Meinungen anderer, denen sie vertrauen. Dadurch sei es möglich, die besten Produkte zu finden und die eigene Lebensqualität und Effizienz zu verbessern.
Je einfacher es für die Menschen sei, die besseren Produkte zu finden, umso größer werde der Anreiz für Unternehmen, bessere Produkte zu bauen sagte Zuckerberg. Er will aber auch die Beziehungen von Menschen zu ihren Regierungen ändern. Facebook soll es Menschen einfacher machen, sich Gehör zu verschaffen, so dass ihre Meinungen nicht ignoriert werden können. Zuckerberg geht davon aus, dass Regierungen sich stärker mit den Sorgen Einzelner auseinandersetzen werden.
Diese Mission steht für Zuckerberg im Vordergrund, nicht der geschäftliche Erfolg. "Einfach gesagt: Wir entwickeln unserer Dienste nicht, um Geld zu verdienen. Wir verdienen Geld, um bessere Dienste zu entwickeln" , so Zuckerberg. Er geht davon aus, dass heutzutage immer mehr Menschen Dienste von Unternehmen nutzen wollen, die an mehr glauben als nur an die Gewinnmaximierung.
Zuckerberg geht davon aus, auf diesem Weg langfristig den größten Wert für seine Aktionäre und Partner schaffen zu können. Zudem sei es dadurch möglich, auch in Zukunft die besten Mitarbeiter zu gewinnen.
Hackathons soll es weiter geben
Dazu gehört für Zuckerberg auch der Erhalt einer Hacker-Kultur. Dabei gilt die Maxime "Fertig ist besser als perfekt" . Statt langer Debatten, zählen funktionierende Prototypen, oder kurz gesagt "Code gewinnt an der Auseinandersetzung damit" . Ganz explizit will Zuckerberg verhindern, dass die Ideen derer durchgesetzt werden, die die beste Lobbyarbeit betreiben oder die meisten Mitarbeiter haben. Vielmehr soll die Unternehmenskultur dafür sorgen, dass sich die beste Idee und die beste Implementierung durchsetzen.
Um diese Hackerkultur zu bewahren wird Facebook in Zukunft, wie auch schon in der Vergangenheit, alle paar Monate einen Hackathon durchführen, bei dem jeder Prototypen neuer Ideen entwickelt. Am Ende bewertet das ganze Team alle diese Ideen. Auf diesem Weg entstanden viele der wichtigsten Produkte von Facebook, darunter die Timeline, der Chat, Video und das mobile Framework. Aber auch die Infrastruktur wurde so verbessert, beispielsweise durch den Hiphop-Compiler.
Damit dieser Ansatz funktioniert, muss jeder neue Ingenieur, auch solche, die nicht programmieren, sondern Managementaufgaben übernehmen, durch ein sogenanntes Bootcamp, in dem sie die Codebasis von Facebook, die verwendeten Werkzeuge und Ansätze kennenlernen.
Prinzipien und Strategien
Um die von Zuckerberg beschriebene Kultur aufrecht zu erhalten, hat Facebook fünf Prinzipien definiert: "Focus on Impact" , also die Konzentration auf die Lösung der wichtigsten Probleme, "Move Fast" , also Schnelligkeit, auch auf die Gefahr hin etwas kaputt zu machen, "Be Bold" , das bewusste Eingehen von Risiken, "Be Open" , also Offenheit als Maxime auch für Facebook selbst, so dass Mitarbeitern alle notwendigen Informationen zur Verfügung stehen, um die beste Entscheidung mit der größten Wirkung zu treffen. Das fünfte Prinzip lautet "Build Social Value" und meint wieder das Kernziel des Unternehmens, die Welt offener und vernetzter zu machen.
Geschäftsentwicklung
Facebook ist in den vergangenen Jahren enorm gewachsen, auch im Hinblick auf Umsatz und Gewinn: Das 2004 gegründete Unternehmen erzielte 2009 einen Umsatz von 777 Millionen US-Dollar, 2010 einen von 1,974 Milliarden US-Dollar und 2011 einen Umsatz von 3,711 Milliarden US-Dollar. Der Nettogewinn von Facebook stieg in dieser Zeit von 229 Millionen US-Dollar 2009 auf 606 Millionen US-Dollar 2010 und eine Milliarde US-Dollar im letzten Jahr.

2011 gab Facebook rund 68 Millionen US-Dollar für Übernahmen aus. Zum 31. Dezember 2011 verfügt Facebook über liquide Mittel in Höhe von 3,9 Milliarden US-Dollar.
Facebook verdient sein Geld derzeit vor allem mit Werbung. 2011 wurden 85 Prozent der Umsätze auf diesem Weg erzielt, 2009 waren es noch 98 Prozent. Rund 12 Prozent des Facebook-Umsatzes kommen vom Spieleanbieter Zynga, der Facebook für die Zahlungsabwicklung eine Provision zahlt.








Mit seiner mobilen Website verdient Facebook derzeit praktisch kein Geld. Obwohl das Angebot von 425 Millionen Nutzern im Monat verwendet wird, zeigt Facebook hier noch keine Werbung an.
Der Börsengang von Facebook soll vor allem den Mitarbeitern und Investoren von Facebook dienen, die ihre Aktien und Optionen zu Geld machen können. Zahlreiche Facebook-Mitarbeiter werden mit dem Börsengang zu Millionären, die sie bis dahin nur auf dem Papier waren, da sie ihre Aktien nur schwer verkaufen konnten.
Zuckerberg selbst gehören rund 28 Prozent an Facebook, was bei einer Bewertung mit 100 Milliarden US-Dollar bedeutet, dass Zuckerberg eine Vermögen von rund 28 Milliarden US-Dollar besitzt.
Die Strategie
Facebook will die Welt offener und vernetzter machen, so formuliert das Unternehmen sein Ziel im Börsenprospekt(öffnet im neuen Fenster) . Auf dem Weg zu diesem Ziel stehe Facebook aber erst am Anfang, es böten sich große Chancen, den Wert des Unternehmens für seine Nutzer, Entwickler und Werbekunde zu steigern.
Dazu will Facebook die Zahl seiner Nutzer weltweit erhöhen, einschließlich der Märkte, in denen der Anteil der Facebook-Nutzer eher gering ist, wie Brasilien, Deutschland, Indien, Japan, Russland und Südkorea. Das Unternehmen will dafür in Marketing und die Verbesserung seiner Produkte investieren, insbesondere im Mobilbereich. Facebook soll so nützlicher und zugänglicher werden.
Bei der Produktentwicklung stellt Facebook Entwicklungen in den Vordergrund, die die Nutzung (Engagement) erhöhen. Daher will Facebook auch weiterhin in seine Kernprodukte wie den Newsfeed, Fotos und Gruppen investieren, aber zugleich neu Produkte wie die Timeline und den Ticker entwickeln sowie neue Apps und Website-Integrationen ermöglichen. Dabei sollen auch die Entwickler von Apps helfen.
Facebook wolle seinen Nutzern ein überzeugendes Erlebnis bieten und dazu Produkte und Technologien entwickeln, die die soziale Verbreitung optimieren und jedem Nutzer die für ihn nützlichsten Inhalte liefern. Dazu müssen großen Mengen an Informationen in Echtzeit verarbeitet werden, so Facebook.
Insbesondere das Thema Mobile spielt für Facebook eine große Rolle, um die Website mehr Menschen auf der ganzen Welt zugänglich zu machen.
Neben neuen APIs und Werkzeugen will Facebook auch seine Bezahllösungen erweitern und das Bezahlen auf Facebook so einfach wie möglich machen. Zuletzt will Facebook auch seine Werbeangebote verbessern, wobei mehr Relevanz und mehr Interaktion zwischen Werbekunden und Nutzern im Vordergrund stehen sollen.



