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Börse: Was zur Hölle ist ein SPAC?

SPACs sind die neue Modewelle an der Börse : Firmen, die es eigentlich nicht könnten, gehen unter dem Mantel einer anderen an die Börse. Golem.de hat darunter geschaut.
/ Achim Sawall
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SPAC Dream von Cassius Cuvée (Bild: Youtube)
SPAC Dream von Cassius Cuvée Bild: Youtube

Am Anfang war der Dummy. Der Amateurinvestor Cassius Cuvée aus Oakland, Kalifornien, veröffentlichte Anfang dieses Monats auf Youtube ein Musikvideo(öffnet im neuen Fenster) über seine Erfahrungen mit der Investition in Special Purpose Acquisition Companies (SPACs). Das Video heißt SPAC Dream und hat mehr als 92.000 Aufrufe. "Ich bin wie ein SPAC – was zum Teufel ist das? Du steigst im Erdgeschoss ein" , heißt es in dem Rap.

Viel Wissen musste er nicht ansammeln: "Im Grunde genommen habe ich meine gesamte Ausbildung auf Twitter erhalten" , sagte Cuvée, dessen SPAC-Bestände sich seit September von 250.000 US-Dollar angeblich verdoppelt haben. Dennoch hat der berühmte Hedgefonds-Manager William Ackman, der im vergangenen Jahr das größte SPAC aller Zeiten erstellt hat, kürzlich einen Link zu dem Video getwittert und dazu aufgerufen, es anzusehen.

Das Modell der SPACs, deutsch: Akquisitionszweckunternehmen, ist nicht neu. Doch bis Ende des Jahres 2019 kam es selten zum Einsatz. Im Jahr 2020 gab es dagegen schon fast 250 SPAC-Börsengänge, und 2021 waren es schon in den ersten beiden Monaten des Jahres 70, wie SPACInsider berichtet(öffnet im neuen Fenster) . Danach haben SPACs in diesem Jahr bisher mehr als 44 Milliarden US-Dollar für 144 Deals eingesammelt. In den ersten sechs Wochen des Jahres 2021 gab es in den USA schon halb so viele SPACs wie im gesamten Jahr 2020. Die 250 Börsengänge aus dem Vorjahr haben derzeit einen Wert von rund 80 Milliarden US-Dollar.

Doch was ist ein SPAC nun eigentlich? Für ein SPAC in den USA sammelt eine Gruppe von Investoren Geld für ein Mantel-Unternehmen ohne Geschäftsbetrieb. Das SPAC geht an die Börse, in der Regel für 10 US-Dollar pro Aktie, und beginnt dann mit der Suche nach einem Unternehmen, um die innere Leere zu füllen.

Was ist ein PIPE?

Der Begriff PIPE taucht bei SPACs immer wieder auf. PIPE steht für Private Investment in Public Equity. Dabei werden Aktien einer börsennotierten Firma an eine Gruppe von Investoren verkauft, um zusätzliches Geld für den Kauf des Mantelinhalts zu bekommen, wenn die vorhandenen Mittel nicht ausreichen.

Gegründet werden SPACs von Sponsoren. Sie tätigen die erste Investition in die Blankoscheck-Firma, bevor weitere Investoren in das Projekt geholt werden.

Sponsoren halten nach dem SPAC-Börsengang häufig weiter 20 Prozent der Anteile. Sie sind in der Regel sehr erfahrene Führungskräfte oder Fondsmanager: Michael Klein, Chamath Palihapitiya und Bill Foley gelten als Seriensponsoren in den USA.

Der US-Trend kommt auch nach Deutschland

Doch auch hierzulande gibt es diesbezüglich Bewegung: In der vergangenen Woche ging Lakestar SPAC I an die Frankfurter Börse, das erste deutsche SPAC seit zehn Jahren. Der bekannte Tech-Investor Klaus Hommels, der sehr früh in Skype, Xing, Facebook oder Spotify investiert hat, steht hinter dem Projekt. Der Börsengang war sehr erfolgreich: Die Einheiten waren rund acht Mal überzeichnet.

Mit Rocket Internet möchte aber auch ein deutsches Unternehmen eine leere Mantelfirma an die Börse in New York bringen. Rocket Internet Growth Opportunities wurde 2021 gegründet und will an der NYSE (New York Stock Exchange, New Yorker Börse) unter dem Symbol RKTAU gelistet werden, wie im Februar 2021 berichtet wurde. Rocket Internet könnte dann ein Unternehmen übernehmen und es in die Mantelfirma einbringen, die damit börsennotiert wäre.

Großes Risiko für die Anleger

Für Anleger kann das Risiko groß sein: Das Wall Street Journal berichtete(öffnet im neuen Fenster) , dass bei Fusionen im Zeitraum von Januar 2019 bis Juni 2020 der durchschnittliche Wert der von SPACs gekauften Unternehmen um zwölf Prozent zurückging.

"Wir empfehlen keine Investitionen in SPACS, da man in eine Blackbox investiert, ohne zu wissen, welches operative Geschäft eingebracht werden soll. Daher raten wir dringend davon ab" , sagte Daniel Bauer, der Vorstandsvorsitzende der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK), Golem.de auf Anfrage.

Das neue Glücksspiel an der Börse im fremden Mantel erinnert tatsächlich an einen Einbruch wie in dem Rap. In der Vergangenheit ging es oft um übernommene Unternehmen, die finanzielle Probleme hatten und in einem normalen IPO (Initial Public Offering, Börsengang) niemals durchgekommen wären, weil hier Fakten zum Geschäftsbetrieb vorgelegt werden müssen.

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Der SPACs-Boom erinnert manche zudem an die Dot-Com-Blase in den späten neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts: Firmen, die noch weit von einem nennenswerten Umsatz entfernt sind, schaffen so den Börsengang.

Laut Peter Hebert, Mitbegründer von Lux Capital, stehlen SPACs "aus dem IPO-Kalender von 2021" . So ging etwa aus dem Lux-Portfolio die 3D-Druck-Firma Desktop Metal im Dezember 2020 über ein SPAC an die Börse. Zu den Investoren von Desktop Metal gehören große Namen wie Google Ventures, BMW oder Ford Motor.

SPACs gelten nun als seriös in der Tech-Branche

Was sich in den vergangenen Wochen verändert hat, ist, dass SPACs nicht mehr als unseriös gelten. Dafür stehen werthaltige Firmennahmen wie Sofi, 23andMe, Matterport und Desktop Metal. Der Vorstand jedes hochkarätigen Startups diskutiere derzeit über SPACs als legitimen Weg, an die Börse zu gehen, sagte Jeff Crowe von Norwest Venture Partners zu CNBC.(öffnet im neuen Fenster)

In der etablierten IT-Branche sind SPACs ein Trend geworden: So soll etwa Intel-Verwaltungsratschef Omar Ishrak den Health-Tech-Bereich des Konzerns über ein SPAC an die Börse bringen wollen, um nur ein Beispiel zu nennen. Viele der bekannteren Übernahmeziele von SPACs kommen aus dem Bereich Technologie- und Finanzservices. Diese Firmen verbrauchen hohe Investitionssummen und können oft jahrelang keine Gewinne ausweisen.

Und das Modell funktioniert: Metromile, dessen Technologie es Fahrern ermöglicht, statt einer monatlichen Gebühr Autoversicherungen nach Kilometern (Meilen) zu zahlen, ging über das SPAC INSU Acquisition Corp. II an die Börse – und kam zwischenzeitlich auf eine Bewertung von über 2 Milliarden US-Dollar.


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