Boeing: Starliner beendet seine Odyssee ohne Crew an Bord
Boeings Starliner wird ohne die Astronauten Butch Wilmore und Suni Williams zurück zur Erde fliegen(öffnet im neuen Fenster). Statt der ursprünglichen geplanten acht Tage wird die am 24. Juni 2024 gestartete Mission nun acht Monate dauern. Der Grund ist, dass die defekten Triebwerke ein zu hohes Risiko darstellen und mögliche Fehlfunktionen unvorhersehbar sind. Die Entscheidung der Nasa fiel einstimmig. Keine einzige der verantwortlichen Abteilungen sah die notwendigen Voraussetzungen für einen Rückflug mit Crew gegeben, laut Aussagen in der Pressekonferenz(öffnet im neuen Fenster) hatten nur einzelne Mitarbeiter Einwände vorzutragen.
An der Pressekonferenz der Nasa nahmen keine Vertreter von Boeing teil, ebenso wie in den vergangenen beiden Pressekonferenzen, obwohl der Administrator der Nasa, Bill Nelson, von einem guten und vertrauensvollen Verhältnis mit Boeing und einer außergewöhnlich guten Leistung des Starliners (engl.: exceptional) sprach. Tatsächlich ist die Leistung des Starliners bislang bemerkenswert schlecht für eine westliche Raumkapsel.
Bei allen drei bisherigen Starliner-Flügen kam es zu Triebwerksproblemen, die vor dem dritten Flug nicht ausreichend analysiert wurden und in der verfügbaren Zeit im Orbit nicht mehr vollständig analysiert werden konnten. Ein wesentliches Problem dabei wurde nur beiläufig erwähnt, als sich die Nasa nicht nur bei Boeing, sondern auch bei Triebwerkshersteller Aerojet-Rocketdyne und einer Vielzahl anderer Lieferanten bedankte, die am Bau des Antriebssystems des Starliners beteiligt waren. Die Koordination vieler Beteiligter kann zu großen Problemen bei der Konstruktion komplexer Systeme führen.
Starliner hatte viele Probleme
Der erste Flug scheiterte durch eine schlecht programmierte und nie für einen vollständigen Flug getestete Steuersoftware sowie durch Kommunikationsausfälle. Vor dem zweiten Flug korrodierten falsch konstruierte Ventile des Antriebssystems im Service-Modul so stark, dass sie sich nicht mehr bewegen ließen und das ganze Service-Modul ausgetauscht wurde. Im Flug kam es damals schon zu Ausfällen der Triebwerke. Hinzu kamen viele andere Probleme.
Wie in der Pressekonferenz am Freitag zu erfahren war, wurden die Triebwerke bei den Testflügen allerdings weniger stark belastet als beim Flug mit Menschen, weshalb die weiteren Fehler in der Antriebskonstruktion weniger stark auffielen als beim dritten Flug mit Menschen. Das ist ein weiterer schwerer Verstoß gegen das Prinzip, "Test as you fly, fly as you test" (Teste so wie du fliegen willst, fliege nur so wie du getestest hast).
Triebwerke könnten plötzlich ausfallen
Die technischen Probleme bestehen darin, dass sich die Triebwerke in einem Gehäuse befinden, das zu wenig Wärme abgibt, und so zur Überhitzung der Treibstoffventile führen. In diesen Ventilen befinden sich Teflon-Teile, die dabei deformiert werden und zum Ausfall von Triebwerken führen können. Die genaue Dynamik ist dabei kaum vorhersehbar. Vor allem besteht die Gefahr, dass es zu einem plötzlichen Abreißen des Teflons und einem Ausfall von Triebwerken während eines von mehreren zeitkritischen Manövern vor dem Wiedereintritt kommen kann.
Dazu kommt ein noch unerklärtes Verhalten, das zu einer unerwarteten Erhitzung der Manövriertriebwerke führt, wenn die großen Haupttriebwerke des Service-Moduls genutzt werden, und die Helium-Lecks, die schon beim Start bekannt waren. Es konnte trotz großem Aufwand durch Simulation und Tests im Orbit und am Boden keine sichere Prognose zum Verhalten der Triebwerke abgegeben werden und letztlich wurde die Zeit knapp.
Die Nasa musste im August vor dem nächsten SpaceX-Crew-Wechsel im September zu einer Entscheidung kommen, weil die beiden Starliner-Astronauten nicht für einen langfristigen Aufenthalt eingeplant waren. Die Reserven an Versorgungsgütern und die lieferbare Menge an Fracht zur ISS sind begrenzt. Einige geplante Lieferungen mit den Frachtern zur ISS mussten bereits zu Gunsten von mehr Nahrung und Sauerstoff verzögert werden.
Zwei zusätzliche Astronauten sind für einen langfristigen Aufenthalt mit der normalen Zahl von Frachtern schlicht nicht versorgbar. Es musste deshalb entschieden werden, ob die nächste SpaceX-Crew nur aus zwei statt vier Personen bestehen würde, falls der Starliner ohne Crew zurück zur Erde fliegen muss.
Nasa zieht die Konsequenz aus früheren Unfällen
Es ist gut möglich, dass eine ähnliche Situation in früheren Zeiten dennoch zur Flugfreigabe der Nasa für den Starliner mit Crew geführt hätte. Aber seit den katastrophalen Fehlern, die zur Zerstörung der Spaceshuttle Challenger und Columbia geführt hatten, gab es Reformen bei der Nasa, die zu größeren Mitspracherechten der Ingenieure gegenüber dem Management führten.
Vor der Explosion beim Start der Challenger flehten die Mitarbeiter des Herstellers der Feststoffbooster das Management an, keinesfalls in den ungewöhnlich kalten Temperaturen zu starten – es gab vor dem Start Nachtfrost in Florida -, wodurch die längst als Schwachpunkt bekannten Gummidichtungen zu starr würden. Ähnliches galt für bekannte Schäden an den Hitzeschutzkacheln durch herabfallenden Isolierschaum, bevor die Columbia wegen eines großen Lochs im Hitzeschutz der Flügel beim Wiedereintritt verglühte.
Es ist der Nasa hoch anzurechnen, dass sie sich von massivem Druck durch Boeing nicht einschüchtern ließ. Erst nachdem in den letzten drei Pressekonferenzen keine Vertreter des Konzerns mehr anwesend gewesen waren, wurde dort frei und ohne Beschönigung über die Probleme des Starliners gesprochen. Der Ernst der Lage war schon Anfang Juli klar, als Aufträge zur Studie von Notfall-Rückkehroptionen mit dem Dragon in Auftrag gegeben wurden, auch wenn sie in der Öffentlichkeit als Routine bezeichnet wurden.
Der Name wurde zum Programm
Es steht nun infrage, welche Form das Starliner-Programm in Zukunft haben wird. Bill Nelson sagte, er wäre sich zu 100 Prozent sicher, dass nochmals Menschen mit dem Starliner fliegen würden und Boeing als zweiter Anbieter benötigt werde. Auch der neue Boeing-CEO habe sich dazu verpflichtet. Nelson wich jedoch der Frage aus, ob der vollständige Vertrag aus sechs Flügen erfüllt werde. Bevor diese Frage geklärt werden kann, muss der Starliner zur Erde zurückkehren, geplant ist derzeit der 24. September, und die restlichen Untersuchungen des Fluges abgeschlossen werden.
Die erste Starliner-Kapsel trägt den Namen Calypso, ein beliebter Name für Schiffe, den auch das Schiff des bekannten Unterwasserforschers Jacques Cousteau trug. In der griechischen Ilias von Homer war es der Name einer Nymphe auf der Insel Ogygia, die Odysseus mit Tanz, Gesang und falschen Versprechen verzaubert und ihn für sieben Jahre auf der Insel gefangen hielt. Erst auf Befehl einer höheren Macht, dem Göttervater Zeus, wurde Odysseus von Calypso freigelassen, nachdem dessen Schutzpatronin Athena Zeus darum gebeten hatte.
Fast 3.000 Jahre nach Homer wurde die Ilias in modernen Zeiten nachgespielt. Die Insel Ogygia heißt ISS und schwebt über der Erde, im Sinn der Gleichberechtigung wird die Rolle von Odysseus durch einen Mann und eine Frau übernommen und die Nasa spielt die Rolle von Zeus. Es ist echte Science-Fiction, eine Odyssee im Weltraum. Auch wenn gute Hoffnung besteht, dass diese Odyssee im Jahr 2025 schon nach acht Monaten enden wird.
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