Bodyhacking: Wie aus Menschen Cyborgs werden

Der 30-jährige Neil Harbisson nimmt die Welt seit seiner Geburt nur in Hell-dunkel-Kontrasten wahr. Farben kann er nicht sehen. Achromatopsie(öffnet im neuen Fenster) heißt diese Störung. Aber Harbisson hat einen alternativen Weg gefunden, Farben wahrzunehmen. Seit acht Jahren trägt er ein Gerät an seinem Kopf, mit dessen Hilfe er Farben zwar nicht sehen, aber hören kann. Das Gerät heißt Eyeborg(öffnet im neuen Fenster) . Es zeichnet Farben im Sichtfeld seines Trägers mit einem Sensor auf, der vor der Stirn baumelt, wandelt sie in Schallwellen um und transportiert diese bis zum Ohr. Harbisson nimmt zum Beispiel die Farbe Gelb als Note G wahr, die Farbe Rot klingt für ihn wie ein F.
Noch ist der Eyeborg nur mit viel Druck an Harbissons Kopf festgeklemmt. In wenigen Wochen wird er das Gerät mit Schrauben in seinem Schädel verankern lassen. Aber schon 2004 konnte er die britischen Behörden überzeugen, dass der Eyeborg ein Teil seines Körpers ist und mit auf sein Passfoto gehört. Seitdem bezeichnet sich Harbisson als erster offiziell anerkannter Cyborg.
Vor zwei Jahren hat er eine Stiftung gegründet, die Cyborg Foundation. Ihr Ziel ist es, zusammen mit verschiedenen Forschungseinrichtungen daran zu arbeiten, die Sinne des Menschen mit Hilfe von implantierbarer Technik zu erweitern oder ihm gleich neue Sinne zu verschaffen. "Wir lassen uns dabei von Tieren und der Natur inspirieren" , sagt er im Gespräch mit Zeit Online. Anders gesagt: Die Sinne, die er meint, gibt es schon - nur nicht beim Menschen. "Viele glauben, wer ein Cyborg wird, wird dadurch weniger menschlich. Aber ich glaube, es erlaubt uns nur, anderen Lebewesen aus dem Tierreich näher zu kommen."
Harbisson nennt Haie als Vorbilder, weil sie elektromagnetische Felder wahrnehmen und sich damit orientieren können. Die Fähigkeit mancher Vögel, ultraviolette Strahlung wahrzunehmen, sei ebenfalls nützlich: "Wenn wir das auch könnten, wüssten wir, ob es ein guter Tag zum Sonnenbaden ist oder nicht."
Er selbst wird nach seiner anstehenden Operation in der Lage sein, Ultraschall und Infraschall wahrzunehmen. "Knochen leiten Schall sehr gut" , erklärt er. "Wenn die Schallwellen, die mein Eyeborg erzeugt, erst einmal direkt über eine Schraube in meinen Schädelknochen wandern, werde ich höhere und tiefere Töne hören können als jetzt."
Seine Partnerin Moon Ribas trägt Ohrringe mit Infrarotsensoren, die vibrieren, wenn sie Bewegung wahrnehmen. Werden die Sensorstäbchen nach hinten ausgerichtet, nimmt Ribas wahr, wenn sich jemand von hinten nähert. Die Cyborg Foundation hat aber eher Implantate im Sinn, die Mensch und Technik verschmelzen lassen. Eines der Fernziele sei zum Beispiel ein innerer Kompass, sagt Harbisson, oder ein Bewegungssensor, aufgeschraubt auf die Rückseite des Kopfes. "Damit würden wir unsere Wahrnehmung von Raum und Umgebung wirklich verstärken."
Magnete im Finger als Vorstufe zum menschlichen Radar
Es gibt verschiedene Definitionen des Begriffs Cyborg. Manche halten schon jeden Smartphone-Besitzer und jeden Träger eines Herzschrittmachers für einen Cyborg(öffnet im neuen Fenster) . Für Harbisson aber sind drei Dinge entscheidend: Erstens muss die Technik mit dem Menschen verschmelzen, er muss sie als Teil seines Körpers betrachten. Zweitens muss sie seine Fähigkeiten steigern, wobei der Ausgangspunkt das Individuum ist, nicht der Durchschnittsmensch. Ein blinder Mensch wird nach Harbissons Definition also zum Cyborg, wenn er mit technischer Hilfe eine zumindest minimale Sehkraft erlangen würde. Und drittens muss sein technisches Hilfsmittel mit dem Körper und dem Gehirn kommunizieren. Prothesen wie die Kohlefaser-Schenkel des südafrikanischen Sprinters Oscar Pistorius(öffnet im neuen Fenster) gehörten zum Beispiel nicht in diese Kategorie, sie seien "mechanisch, nicht kybernetisch" .
Auch Tim Cannon aus der Umgebung von Pittsburgh im US-Bundesstaat Pennsylvania sagt, er sei ein Cyborg, seit er sich einen Magneten unter die Fingerkuppe hat implantieren lassen. Es gibt Piercingstudios, in denen solche Eingriffe vorgenommen werden, auch in Deutschland. Ein Magnet ist zwar nicht kybernetisch, er kommuniziert nicht mit dem Körper. Aber Cannons Definition eines Cyborgs ist eben eine andere als die von Harbisson. Cannon gehört zu einer Gruppe von sogenannten Bodyhackern, die sich Grinder nennen - Schleifer. Das US-Onlinemagazin The Verge(öffnet im neuen Fenster) hat Grinder kürzlich porträtiert. In Onlineforen wie Biohack.me(öffnet im neuen Fenster) diskutieren sie, wie sie sich mit technischen Hilfsmitteln neue Fähigkeiten aneignen können, die über die normalen menschlichen hinausgehen.
Magnetimplantate sind dabei nur der Anfang. Diese besondere Form der Body Modification gibt es bereits seit einigen Jahren. Schon 2005 schrieb etwa die Techjournalistin Quinn Norton(öffnet im neuen Fenster) über ihre Erfahrungen mit dem Magneten unter der Haut ihres Ringfingers. Sie kann damit kleinere metallische Gegenstände anziehen. Vor allem aber erweitert der Magnet die Wahrnehmung: Implantatsträger spüren elektromagnetische Felder zum Beispiel bei Mikrowellengeräten, Stromleitungen oder Transformatoren. Ihre Finger kribbeln dann, während andere Menschen nichts spüren. Der Blogger und Journalist Dann Berg, der ebenfalls ein Implantat trägt, schreibt: "Mein Magnetimplantat verschafft mir keinen sechsten Sinn, aber es erweitert meinen normalen Tastsinn."
Tim Cannon will einen Schritt weitergehen. Zusammen mit anderen Biohackern hat er ein Gerät namens Bottlenose(öffnet im neuen Fenster) entwickelt, ein Radarsystem. Es ist so groß wie eine Zigarettenschachtel und sendet elektromagnetische Impulse aus. Werden die von der Umgebung reflektiert, nimmt Cannon das in seinem Magnetfinger wahr, sagt er im Gespräch mit The Verge. Bottlenose und der Magnet ermöglichen es ihm so, sich mit verbundenen Augen in einem Raum zu orientieren. Ein Youtube-Video(öffnet im neuen Fenster) zeigt ihn bei mehreren erfolgreichen Tests mit einer frühen Version des Geräts, das allerdings nicht unter die Haut gepflanzt werden kann und deshalb von manchen auf Biohack.me als Sackgasse empfunden wird.
Ein anderes Gerät von Cannon und seinen Mitstreitern dagegen soll unter die Haut gehen. Es heißt HELEED, ist so groß wie ein Feuerzeug und kann nach Angaben von Cannon die Herzfrequenz, den Blutdruck und die Körpertemperatur erfassen sowie die Daten per Bluetooth auf ein Smartphone übertragen. Andersherum soll es aber auch funktionieren: Textnachrichten vom Smartphone können auf das HELEED übertragen werden. Kleine LED-Leuchten geben die Texte dann wieder und machen sie durch die Haut des Trägers sichtbar. Es ist eine Art subkutanes Display. Ab Oktober, so heißt es auf der Website der Grinder(öffnet im neuen Fenster) , soll es vertrieben werden. Auf die Frage von Zeit Online, ob es bei dem Plan bleibt, hat der US-Amerikaner bislang nicht geantwortet.
Cannon und Harbisson mögen sich uneins sein, was ein Cyborg ist. Ihr Ziel aber ist das gleiche: den Menschen zu erweitern - um Fähigkeiten, die die Natur nicht für ihn vorgesehen hat. Ethische Fragen empfinden beide als eher lästig.
Harbisson sagt, er habe die Ethikkommission seiner Klinik überreden müssen, ihn zu operieren. Das sei ihm nur gelungen, weil er auf die Möglichkeit verwiesen habe, dass Geräte wie der Eyeborg auch anderen Menschen mit Sehbehinderungen helfen könnten und entsprechend getestet werden müssten. So, wie er es erzählt, klingt das Ausräumen ethischer Bedenken wie eine Pflichtübung.
Auch Cannon schafft lieber Fakten, bevor es zu viele Gesetze und Vorschriften gibt, die seine Implantat-Ideen zunichtemachen. Er sagt, die derzeitige Abneigung gegen chirurgische Eingriffe dieser Art sei nachvollziehbar, aber die Einstellung der Menschen werde sich ändern: "Du wirst es tun, oder du wirst zurückbleiben. Es wird seltsam und ungemütlich und angsteinflößend werden. Aber entweder machst du mit, oder du könntest bald als veraltet gelten."



