Musik wie ein Fingerzeig

Für Meyer fühlt sich der Steuerungsprozess so natürlich wie eine Fingerbewegung an. "Ich mache das seit 1999 jeden Tag Hunderte und manchmal sogar Tausende Male. Das heißt, mir ist das Erzeugen dieser Signale mit meinem Körper vollkommen in Fleisch und Blut übergegangen", erklärt Meyer. "Ich muss da nicht mehr drüber nachdenken, ich mache das einfach."

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"Für mich ist das so selbstverständlich wie wenn ich Sie frage: Was machen Sie, wenn Sie Ihren Zeigefinger ausstrecken? Das können Sie auch nicht erklären, das machen Sie einfach.". Trotz der jahrelangen Erfahrung muss er beim Musikmachen aber umdenken. "Ich kann es schwer beschreiben, weil ich es halt gewohnt bin, etwas zu denken und dann bewegt sich die Hand. Jetzt mache ich das Gleiche, was ich die letzten 20 Jahre immer gemacht habe, aber jetzt passiert da was ganz anderes. Das fühlt sich super an." Üben muss Bertolt Meyer allerdings weiterhin, da die Spannungserzeugung sehr nuanciert ist.

Überrascht war Meyer vom Erfolg seines Videos. Als er das Video bei Youtube eingestellt hat, hatte er 369 Follower. Mittlerweile sind es über 13.800, das Video hat über 830.000 Abrufe generiert. "Für mich zählt das schon als viral", sagt Meyer lachend. Er habe nach der Veröffentlichung zahlreiche Presseanfragen aus der ganzen Welt bekommen.

Überwältigende Resonanz auf das Video

Die Resonanz setzt ihn allerdings auch etwas unter Druck: "Wir haben jetzt das nächste Video gedreht, und ich gucke mir das an und denke: Na, so optimal ist das nicht. Früher wäre mir das völlig egal gewesen, für meine 369 Follower, aber jetzt … Aber das ist Leiden auf sehr hohem Niveau!", sagt Meyer.

  • Bertolt Meyers Synlimb ersetzt seine eigentliche Handprothese und dient der Steuerung eines Synthesizers. (Bild: Bertolt Meyer)
  • Der Synlimb wandelt die durch Meyers Muskeln erzeugten Spannungen in Steuersignale für den Synthesizer um. (Bild: Bertolt Meyer)
Der Synlimb wandelt die durch Meyers Muskeln erzeugten Spannungen in Steuersignale für den Synthesizer um. (Bild: Bertolt Meyer)
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Die erste Version des Synlimb ist ein Prototyp, den Meyer weiterentwickeln will. Letztlich soll das Gerät als DIY-Projekt in die Public Domain gehen, so dass jeder mit einer derartigen Prothese es sich nachbauen kann. Geplant ist auch eine Webseite, auf der sich Interessenten das Platinen-Layout herunterladen können, sowie eine Bauteilliste und die Dateien für den 3D-Drucker. "Da ist noch ein weiter Weg zu gehen, und da muss ich jetzt liefern!", sagt Meyer.

Meyer will helfen, Stigmatisierungen abzubauen

Bertolt Meyer sieht sich selbst auch als Aktivist. Er hofft, mit dem Video auch zum Abbau von Stigmatisierungen in der Gesellschaft beitragen zu können. "Eine Körperbehinderung führt auch dazu, dass man auf bestimmte Art und Weise gesehen und behandelt wird. Wenn man durch so ein Projekt nur ein kleines bisschen einen Beitrag dazu leisten kann, zu zeigen, dass eine Behinderung durchaus auch ein Stück weit was Cooles sein kann, dann wäre das gut", erklärt Meyer.

"Nämlich wenn man die Behinderung aus einer selbstermächtigenden Perspektive sieht und denkt 'Ok, mein Körper entspricht nicht dem gängigen Körperbild und den gängigen Anforderungen, die diese Gesellschaft an das Leistungsvermögen von Körpern hat. Aber vielleicht kann ich ja gerade deswegen mit meinem Körper geile Sachen machen, die andere Leute nicht so können'."

"Ich kann meinen Synthesizer nur aufgrund der Tatsache so steuern, dass ich seit 20 Jahren Prothesen trage, die so funktionieren. Da ich gelernt habe, diese Muskelströme zu produzieren. Das heißt, ich habe im Grunde genommen durch meine Behinderung gelernt, einen bestimmten Teil meines Körpers als elektrisches Interface zu nutzen", sagt Meyer. "Und jetzt kann ich der Welt zeigen, was man damit so alles Geiles machen kann. Das soll mir erst mal jemand ohne Behinderung nachmachen."

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 Bodyhacking: Prothese statt Drehregler
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