Zum Hauptinhalt Zur Navigation Zur Suche

Bobbycar extrem: Gas geben mit der Fahrradbremse

Normalerweise sind sie rot und nerven Eltern mit Parkett- oder Fliesenfußboden wegen ihrer Plastikräder. Doch mit den richtigen Zutaten kann ein Bobbycar-Fahrer auch einen Strafzettel in einer 30er-Zone riskieren. Deswegen haben wir sie uns auf der Rennbahn angeschaut.
/ Alexander Merz
29 Kommentare Auf Google folgen (öffnet im neuen Fenster)
Akkuschraubercup Töplitz (Bild: Martin Wolf/Golem.de)
Akkuschraubercup Töplitz Bild: Martin Wolf/Golem.de

Luca steht freudestrahlend auf dem Siegerpodest und streckt seinen Pokal den jubelnden Zuschauern entgegen. Mit seinem schwarzen Flitzer hat er während der Wettfahrten seine Konkurrenten deutlich hinter sich gelassen. Luca ist erst elf, hat trotzdem fünf Jahre Rennerfahrung und sein Geschoss ist ein aufgemotztes Bobbycar. Wir haben uns seinen Rennwagen mit Akkuschrauber-Antrieb während des 10. Akkuschraubercups Töplitz näher angeschaut.

Bobbycar-Cup in Töplitz – Bericht
Bobbycar-Cup in Töplitz – Bericht (02:24)

Der Töplitzer Akkuschraubercup(öffnet im neuen Fenster) ist fast so alt wie der erste Wettbewerb dieser Art des bekannteren Akkuschrauberrennens des HAWK Hildesheim/Holzminden/Göttingen(öffnet im neuen Fenster). Während sich Letzteres allerdings an Studenten richtet und längst zum Kräftemessen angehender Ingenieure geworden ist, schrauben, fahren und jubeln in Töplitz Familien um die Wette.

Früh übt sich

Dazu gehören auch Holger und sein Sohn Luca. "Sein erstes Rennen fuhr Luca damals mit einem gemieteten Bobbycar" so Holger. Auch dieses Jahr stellte der veranstaltende Verein eine Reihe umgebauter Bobbycars für junge Piloten zur Verfügung. Genutzt wird das vor allem von den jüngsten Teilnehmern: In der kleinsten Rennklasse dürfen sich bereits Drei- bis Vierjährige hinters Steuer setzen und auf der gut 100 Meter langen Rundstrecke herumkurven – zur Sicherheit gut eingepackt mit Helm, Knie- und Ellbogenschützern wie alle anderen Teilnehmer auch.


Sein erstes Rennen hat Luca begeistert. Und so entschieden Luca und Holger, ihr altes Bobbycar aus dem Keller zu holen und selbst Hand anzulegen. Einen Bauplan hatten sie nicht zur Hand, ihre Inspiration holten sie sich von den selbst gebauten Modellen anderer Teilnehmer.

Auf geht es in den Baumarkt

Ein akkuschrauberbetriebenes Bobbycar zu bauen, ist im Prinzip nicht schwer, der grundsätzliche Konstruktionsbetrieb war vor allem an den Mietmodellen des Vereins gut erkennbar. An das Heck des Bobbycars wird eine Holzplatte geschraubt. Daran wird mit Hilfe von Rohrschellen der Akkuschauber montiert. Am Akkuschrauber steckt ein Gummirad, das direkt eines der Hinterräder antreibt. Zum Gasgeben dient eine umfunktionierte Fahrradbremse. Die Bremsbacken drücken auf den Schalter des Akkuschraubers, der Handgriff wird zum Gaspedal. Der Griff findet seinen Platz auf einer Holzlatte an der Front, mit dem einem Fuß wird Gas gegeben, der andere ruht einfach auf der Holzlatte. Gebremst wird bei den Bobbycars mit den Füßen, nur bei den Freestyle- und Kettcar-Modellen schreiben die Regeln des Akkuschraubercups funktionierende Bremsen vor.

Es gibt immer was zu tun

So einfach die Konstruktion ist, Holger und Luca weisen uns auf die Mängel hin: "Beim Gummirad-Antrieb gibt es zu viel Verlust". Deshalb haben die beiden ihr Bobbycar mit einem Riemenantrieb ausgerüstet. Das zog aber einen weiteren Umbau nach sich. Denn die direkte Verbindung zwischen Antrieb und Hinterradachse führt zum abrupten Bremsen der Hinterräder, wenn der Akkuschrauber sich nicht mehr dreht. Die Lösung war der Einbau eines Freilaufs an der Hinterachse. Der notwendige Umbau einer Fahrrad-Freilaufnabe erforderte Dreharbeiten, die Holger dank der Hilfe eines Freundes umsetzen konnte. Alle anderen Teile konnte Holger über das Internet kaufen.

Schritt für Schritt wurden weitere Verbesserungen vorgenommen: Die Achsen ruhen auf Kugellagern und die Plastikräder wurden gegen luftbereifte Räder ausgetauscht. Laut Holger bringen diese Räder gerade bei feuchter Strecke Vorteile. Den richtigen Kick gibt ein Profi-Akkuschrauber von Makita mit einem 18-Volt-/4.000-mAh-Akku, ein Geschenk von Opa für seinen Enkel. Alle diese Maßnahmen liegen noch im Reglement des Cups, nur Veränderungen am Akkuschrauber, insbesondere dessen Elektronik, sind nicht zulässig.

Heizen auf der Ideallinie

So ausgerüstet soll das schwarz lackierte Bobbycar mit frischen Akkus bis zu 36 km/h schaffen. Im Rennen zeigt die Geschwindigkeitsmessung an der Strecke 24 km/h an. Damit Luca bei solchen Geschwindigkeiten Kurven trotzdem sauber durchfahren kann, wurde das Lenkrad des Bobbycars durch einen Fahrradlenker ersetzt. Dadurch konnte auch das Gaspedal am Lenker befestigt werden. Luca glaubt, dass er dadurch auch wesentlich feinfühliger Gas geben kann. Und das beweist er im Rennen. Wie ein Profi gelingt es ihm, die Kurven in hoher Geschwindigkeit auf der Ideallinie zu durchfahren, nur wenige Zentimeter von den inneren Begrenzungen entfernt. Anderen Fahrerinnen und Fahrern mit ihren Bobbycars gelingt das kaum.

Ein anderer Umbau führte allerdings nicht zur Leistungssteigerung, sondern war der Natur geschuldet. Luca ist mittlerweile einfach zu groß für ein normales Bobbycar. Deshalb wurde das Auto mit Holzstreben und Bauschaum verlängert.


Gibt es immer noch Verbesserungsmöglichkeiten, fragen wir die beiden. "Die Zähne am Zahnrad sind zu klein" meint Holger. Luca kann beim Start deshalb nicht einfach Vollgas geben, sondern muss vorsichtig sein, sonst kann der Riemen abspringen. Doch Lucas Gegner profitieren nur kurz davon, schon nach wenigen Metern hat er sie trotzdem überholt.

Das Ende oder der Beginn einer Karriere?

Ob sie aber tatsächlich noch einmal Geld für ihr aufgemotztes Bobbycar ausgeben, ist noch offen. An den Kosten liegt es nur bedingt. 500 bis 600 Euro haben sie in den vergangenen Jahren bereits in ihr Hobby investiert, schätzt Holger. Auch die Familie steht dahinter. Luca wird nur mittlerweile zu alt für die Bobbycar-Klasse.

Beim Akkuschraubercup gibt es aber auch Wettbewerbe ohne Altersbeschränkung für Kettcar- und Freestyle-Modelle. Doch dann wird nicht nur ein neues Fahrzeug notwendig, auch die technischen Anforderungen steigen. Denn in diesen Klassen sind die meisten Fahrzeuge mit zwei Akkuschraubern für den Antrieb ausgerüstet. Um die notwendige Anschubfinanzierung müssten sich die beiden allerdings keine Gedanken machen, Kaufanfragen haben sie für ihren schwarzen Raser schon nach dem ersten siegreichen Rennlauf erhalten.


Relevante Themen